»We’ll never go back!« verkündet die Aufschrift einer Hüpfburg, die die Form einer Glocke hat. »Kein Geläut«, so der Titel der interaktiven Skulptur, wurde entworfen von der aus Belarus stammenden Marina Naprushkina und erweist der Originalglocke der Gethsemane-Kirche in Bochum ihrer Reverenz.
Wir befinden uns im Vorgarten des nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg als Notkirche wiedererrichteten Gotteshauses — und hier werden die Leitideen der Manifesta 16 Ruhr exemplarisch sichtbar: In der diesjährigen Ausgabe der sich nomadisch durch Europa bewegenden Biennale — vorangegangene Ausgaben fanden in Barcelona oder Marseille statt — nehmen die Themen »Arbeit, Krieg, Migration, Heimat und Gemeinschaft« eine zentrale Rolle ein. Das Ruhrgebiet drängt sich als über 150 Jahre gewachsener Melting Pot geradezu auf.
Die Manifesta versucht seit ihrer Gründung die kulturellen Besonderheiten und Historie der Orte, an denen sie Halt macht, zu thematisieren. Für die dieses Jahr beteiligten vier Städte des Ruhrgebiets dürfen ausgerechnet Kirchen von der mannigfaltigen und wechselhaften Geschichte des einst wichtigsten Industriestandorts der Welt erzählen. Dabei ist die Kirche hier längst auf dem Rückzug, weshalb zehn der zwölf Kirchengebäude, die als temporäre Ausstellungsorte fungieren, profaniert sind.
In den Bochumer Kirchen hat ein polnisches Tandem kuratiert und Künstler:innen eingeladen, die sich mit den sogenannten Ruhrpolen beschäftigen. Diese waren seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge der forcierten Industrialisierungspolitik Preußens eingewandert. Mikołaj Sobczak arbeitet mit der Biografie eines jungen Mannes aus Schlesien, der sich in einem Brief aus dem Jahr 1937 zu seiner Queerness bekannte und sich wünschte, dass seine Geschichte lange nach seinem Tod »von einem Künstler (...) mit einem warmen und offenen Herzen« erzählt würde. Sein Wunsch ging fast 90 Jahre später in Erfüllung. Zuza Golińska hat aus Schrott der geschichtsträchtigen Danziger Werft eine Installation geschaffen, die eine martialische Anmutung von Bomben, Drohnen und Aliens hat. Am Eingang der Christ-König-Kirche thront eine Madonna ohne Kind aus einem mit Kohle gefüllten Stahlgerüst von Mirosław Bałka.
Die Manifesta 16 Ruhr ist in ihrem Umfang und Dichte ein ebenso lohnender wie herausfordernder Parforceritt. Wer kann, sollte sich dafür ausreichend Zeit nehmen.
Manifesta 16 Ruhr, zahlreiche Orte im Ruhrgebiet, manifesta16.org/de.Bis 4.10., Di–Do 11–18 Uhr, Fr & Sa 11–9 Uhr, So 11–18 Uhr







