Auf der Beerdigung des Großvaters tritt sein angeheirateter deutscher Onkel Franz neben Simon, den Ich-Erzähler. Luciano Malusci, dieser Großvater, französisch-algerisches »Kolonistenkind«, habe doch einen weiteren Sohn, der nicht hier sei auf der Beerdigung, der doch aber hätte erwähnt werden müssen: »M. der deutsche Sohn von Malusci du weißt doch dass dein Großvater in Deutschland einen Sohn gezeugt hat damals als er am Bodensee Besatzungssoldat war«.
Fassungslos sieht sich Simon auf dieser Klippe der Familiengeschichte. Wenige eigene Erinnerungen tauchen auf, aber seine Großmutter Imma, Ehefrau des Verstorbenen, droht für den Fall weiterer Recherchen, dann »verstoße ich dich Simon hast du verstanden«. Die Mutter hat kaum mehr Verständnis, sie versuche, sich »von all diesen Geschichten meines Vaters loszueisen.« Erst sein Großonkel Louis in seinem Haus in Toulouse, wo der Protagonist ihn aufsucht, bricht das Familienschweigen. Im Spätsommer 1962 hatte sich Maluscis deutscher Sohn M. in einem Taxi aufgemacht zum Haus seines Vaters an der Garonne. Der war nicht zur Tür gekommen, nur um seinen verleugneten Sohn drei Jahre später dazu zu drängen, sich zur französischen Fremdenlegion zu melden. Von Drill und Folter gedemütigt desertierte M. und erhielt für 40 Jahre Aufenthaltsverbot auf französischem Boden. Am Romanschluss fährt Simon zu ihm an den Bodensee.
Die literarische Stratigrafie von »Der Junge im Taxi« bohrt sich in die Tiefenschichten deutsch-französischer Nachkriegsgeschichte, in einer glänzenden Prosa, deren rhythmisch schwingende Sätze Claudia Kalscheuer exzellent ins Deutsche übersetzt hat. Weit ist der literaturgeschichtliche Hallraum, in dem Sylvain Prudhomme schreibt. Sein am Rande der Neurose in der verschütteten Familiengeschichte schürfender Ich-Erzähler und dessen melancholisch-zärtlicher Tonfall lassen an die Erinnerungspoetik W.G. Sebalds denken. Der passagenweise Verzicht auf Interpunktion, die unmittelbar roh geschilderten inneren Vorgänge Simons, die gedanklichen Sprünge, ohne Satzzeichen in den nächsten Absatz, erinnern an die erzählerischen Experimente eines William Faulkner.
In seinem jüngsten, noch nicht auf Deutsch erschienenen Buch »Coyote« von 2024 fährt Sylvain Prudhomme per Anhalter die Grenze zwischen Mexiko und den USA entlang.







