Deutscher Herbst, Stahlgipfel und französische Chansons

Ab August bespielt die Ruhrtriennale wieder verschiedene Spielorte im Pott.

Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen und Gladbeck präsentieren sich im Spätsommer als Gastgeber:innen für Musiktheater, Schauspiel, Tanzperformances, Live-Konzerte, Installationen und Kunstausstellungen. Unter der Intendanz von Theater- und Opernregisseur Ivo van Hove bespielen rund 600 Künstler:innen aus 43 Ländern die Bühnen an markanten Industrieorten der Region. Auf dem Spielplan sind mehrere Ur-Aufführungen und deutsche sowie europäische Erstaufführungen. Das Spektrum soll ein generationenübergreifendes Publikum ansprechen. Neben besonderen Familien-Events sind unter den Labels »Junge Triennale« und »Triennale Teens Talk« Veranstaltungen speziell für Kinder und Jugendliche vorgesehen.
 

»Kunst beinhaltet die Kraft der Fantasie, das Leben wie in einem Traum zu erleben«, sagt Ruhrtriennale-Intendant Ivo van Hove. »Es ist wichtig, dass sie uns einen Blick hinter den Spiegel ermöglicht und wir so neue Welten, Möglichkeiten und Chancen entdecken können.« Er setzt auf die Kreation von Utopien in einem Zeitalter der Dystopien. Befragt nach dem politischen Stellenwert der Ruhrtriennale bezieht er sich auf die Etymologie: »Das Wort ­›politisch‹ hat für mich die Bedeutung, die eine Polis im antiken Athen hatte. Sie umfasste alles, was mit der Gemeinschaft zu tun hatte. Das, was eine Gemeinschaft benötigt, um allen Menschen dieselben Chancen im Leben zu geben. Polis ist nicht polarisierend, sondern verbindet die Menschen«, sagt  van Hove. Für ihn ist es die letzte Intendanz der Ruhrtrien­nale. Im kommenden Jahr wird die US-amerikanische Opernregisseurin Lydia Steier die Leitung des Festivals übernehmen.
 

Um den Wert des Aufeinandertreffens verschiedenster Kulturen wissen offenbar auch die Entscheidungsträger:innen aus den Parlamenten und Stadtverwaltungen: »Für die Ruhrtriennale gab es keine Kürzungen. Dafür sind wir sehr dankbar«, sagt van Hove. 
 

Sicherlich eines der interessantesten Stücke auf der diesjährigen Ruhrtriennale: »Deutscher Herbst« von Regisseur Christopher Rüping in der Jahrhunderthalle Bochum. Wer jetzt an das Jahr 1977, geprägt von Anschlägen der RAF und der Reaktion des Staates, denkt, liegt falsch. Rüping leiht sich den »Deutschen Herbst« von Stig Dagerman, dem schwedischen Autor. Er reist im Herbst 1946 durch das vom Krieg zerstörte Nazi-Deutschland. In seinem gleichnamigen literarischen Reisebericht beschreibt Dagerman ein Land zwischen Ende und Anfang und fragt: Ist dieses Land zur Freiheit bereit? 
 

Zusammen mit dem Ensemble des Deutschen Theaters Berlin, wo das Stück auch die neue Spielzeit eröffnen wird, legt Rüpping das Ohr an die deutsche Geschichte, erforscht Zeiten des Übergangs, der Verunsicherung, der Verantwortung. Wie viel Freiheit tragen wir in uns? Wer sind wir, wenn nichts mehr selbstverständlich ist?
 

Musikalische Schwerpunkte setzt das Festival unter anderem mit dem Stück »Brel«, benannt nach dem belgischen Chansonier und Schauspieler Jacques Brel, der durch seine einfache und direkte Sprache in den 50er und 60er Jahren weltweit Berühmtheit erlangte — und sich 1967 auf dem Höhepunkt seiner Karriere von der Bühne verabschiedete. 
 

Ist dieses Land zur Freiheit bereit? 

Rund 150 Lieder hat er als einer der größten Stars der Chanson­szene geschrieben: Liebeslieder, aber auch gesellschaftskritische Songs. In »Brel« erforschen die renommierte belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker und der Tänzer Solal Mariotte, der ursprünglich aus dem Breakdance kommt, diese Spannbreite — und wie sich Brels ausdrucksvolle Bühnenperformance in Tanz übersetzen lässt. Sie fragen: Wie wirkt Jacques Brels künstlerisches Erbe über den Abstand von einem halben Jahrhundert auf das Publikum? Wie lässt sich seine Musik verkörpern?
 

Literarisch ruft die Triennale Hermann Hesses dichterisches Meisterwerk »Siddhartha« ins ­Bewusstsein. Für den beschwer­lichen Trip in die inneren menschlichen Abgründe und ihre finale Erleuchtung konnten Regisseurin Lisaboa Houbrechts und Komponistin Caroline Shaw den Lettischen Rundfunkchor gewinnen. Auf der Bühne der Maschinen­halle Zweckel in Gladbeck verkörpert die Singer/Songwriterin Meskerem Mees die Hauptfigur. 
 

In der Jahrhunderthalle Bochum huldigt die US-amerika­nische Opernsängerin Joyce ­DiDonato mit »Emily — No Prisoner Be« der US-amerikanischen Poetin Emily Elisabeth Dickinson. Zusammen mit den Grammypreisträgerinnen von »Time for Three« und Komponist und Pulitzerpreis-Gewinner Kevin Puts widmet sie ihr einen Liederabend. Dickinson, deren Poesie oft für Einsamkeit steht, begegnet dem Publikum als freier Geist, der vor allem in ihren Zeilen über die Natur-Phänomene und den Tod fortexistiert.
 

Einen brachialen »Stahlgipfel« ruft dagegen das Schauspiel Essen in Koproduktion mit der Ruhrtriennale aus. Der dokumentarische Musiktheaterabend unter der Regie von Frieda Lange erzählt Geschichten aus dem Pott. Ehema­lige Stahlarbeiter:innen, Bergleute, Kneipeninhaber:innen und Gewerkschafter:innen kommen hier zu Wort. Sie sind zu sehen in der letzten Kneipe, in der fünf Menschen Wache halten, ausharren, Vergangenheit bewahren. Was bleibt, wenn Arbeit verschwin­det? Das Stück »Stahlgipfel« wolle die weitreichenden Folgen der Massenentlassungen betrachten, die Mechanismen von Macht, Aus­beutung und Widerstand — und wie diese realen Sachverhalte künstlerisch bearbeitet werden können, so die Regisseurin Frieda Lange.
 

Gesellschaftskritisch ist auch der Programmpunkt »Waste me. Verloren im Konsum«. In der Tanzperformance von Maas theater & dance und der Cecilia Moisio Company leben fünf Performer:innen in einem Abfallberg aus Besitztümern. Der Überkonsum der Weltbevölkerung ist längst zum selbstgeschaffenen Gefängnis geworden. Die Menschen sind süchtig nach dem Gefühl, die Verpackung einer Bestellung aufzureißen — und werden nach und nach selbst zu Objekten.
 

Im Essener Pact Zollverein schafft Choreograf Cecilia Moisio in seiner Produktion für Teenager, Erwachsene und Familien mit Tanz, Schauspiel und Live-Musik eine Welt der Trash Art und fragt: Können wir uns von diesem Überkonsum befreien? Was bleibt dann noch von uns und der Beziehung zu unseren Mitmenschen übrig?

Mehr Infos unter ruhrtriennale.de

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