Die große Werkschau von Yayoi Kusama beginnt schon im Foyer des Museum Ludwig mit einer monumentalen Skulptur Kusamas in Kürbisform — eines ihrer populärsten Motive. Die dunkelgelbe Oberfläche ist mit einem schwarzen Punktmuster überzogen, das die rundlichen Formen des Objekts noch plastischer hervortreten lässt. »Ich liebe Kürbisse«, schrieb die Künstlerin in einem Gedicht 2010. »Es sind die Kürbisse, die mich weitermachen lassen.«
Ihre Eltern betrieben im japanischen Matsumoto eine erfolgreiche Samengärtnerei mit Gewächshäusern und Feldern, eine Erfahrung, die Kusamas Bildwelten dauerhaft prägte. Ein Schwarzweißfoto, das Ende der 1930er Jahre entstand, zeigt die etwa Zehnjährige, die einen prachtvollen Strauß Chrysanthemen im Arm hält. Die riesigen Blüten sind größer als ihr Kopf. Vielleicht haben sie zu Kusama gesprochen, so wie die Kürbisse. Schon als Kind, schreibt sie, wurde sie von Halluzinationen heimgesucht: »Eines Tages betrachtete ich vor mir das rote Tischtuch mit dem Blumenmuster, und plötzlich sah ich überall rote Blumen, an der Decke, an den Fenstern und Pfosten. Das Zimmer, mein Körper, das ganze Universum war mit roten Blumen übersät«. In ihrer Kunst wendet sie solche inneren Bilder nach außen und teilt sie seit Jahren mit einer globalen Insta-Fangemeinde.
Ich liebe Kürbisse. Es sind die Kürbisse, die mich weitermachen lassenYayoi Kusama
Vom Foyer geht die Installation »Narcissus Garden« (1966/ 2025) quasi fließend in die Ausstellungsräume über: mit Hunderten von spiegelnden Edelstahlkugeln, die den Boden bedecken wie ein Blumenteppich. Narziss ist die Hauptfigur in einem antiken »Blumenverwandlungsmythos«. Der schöne Jugendliche war ein Verächter des Eros und lehnte alle Verehrer*innen ab. Zur Strafe für diese Grausamkeit ertrank er, als er sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, das er in einem Gewässer sah. An dieser Stelle sollen, so der Mythos, Narzissen gewachsen sein. Auch Kusama hat sich den Forderungen des Eros, wie sie sagt, panisch entzogen. Sie zeigte diese Arbeit zum ersten Mal 1966, passenderweise in den »Giardini« der Biennale von Venedig. Die einzelnen Kugeln bot sie für zwei Dollar das Stück als »Euer Narzissmus zum Verkauf« an — ein Echo der damals blühenden Konsumkritik. Heute meldet das Museum Ludwig, nach gut zwei Wochen Laufzeit, dass die Nachfrage nach Kusama-Tickets, -Merchandise und -Katalogen rekordverdächtig ist.
Schon in den 1960er Jahren war Kusama in der internationalen Kunstszene gut vernetzt, aber lange noch nicht markterfolgreich. Dennoch bewies sie über ihre ganze Laufbahn ein bemerkenswertes Durchhaltevermögen und knüpfte immer wieder produktive Kontakte. Mit der amerikanischen Malerin Georgia O’Keeffe, deren stilisierte Blumengemälde sie bewunderte, begann sie noch in Japan einen Briefwechsel. Dem weiblichen Lebensweg, den die Tradition und die traditionsbewusste Familie für sie vorsahen, wollte sie unbedingt entkommen. 1958 ließ sie sich, praktisch mittellos, in New York nieder. Ihre großformatigen, abstrakten Leinwände aus dieser Zeit, die »Infinity Net«-Gemälde, passten durchaus in die künstlerische Landschaft der USA. Sie waren inspiriert von der leicht gekräuselten, scheinbar grenzenlosen Oberfläche des Pazifiks, die sie vom Flugzeug aus betrachtet hatte. Aber auch von der amerikanischen Malerei, die ihrerseits Anregungen aus der japanischen Kalligrafie bezog.
Dass die Ausstellung weitgehend chronologisch angelegt ist, macht den Besuch auch zu einem konzentrierten Gang durch die Kunstgeschichte. Das gilt vor allem für Kusamas Zeit in New York, damals die Welthauptstadt der zeitgenössischen Kunst. Kusama war Akteurin der neuen Bewegungen, die dort aufkamen oder weiterentwickelt wurden: Pop Art, Minimalismus, Body Art, die Kritik an den Kunstinstitutionen und politisch aufgeladene Happenings.
Das Museum Ludwig besitzt ein Werk aus dieser Zeit und feiert mit der Kusuma-Schau zugleich sein 50-jähriges Jubiläum. Das Sammlerpaar Peter und Irene Ludwig erwarb frühzeitig Kusamas »Compulsion Furniture« (1966) — ein »Zwangsmöbel«, übersät mit phallisch-wuchernden Formen aus gepunkteten oder gestreiften Stoffen. Die »sexuelle Revolution« der 1960er Jahre ist in Kusamas New Yorker Werken allgegenwärtig. Oft arbeitet sie mit Nacktheit, inszenierte auch den eigenen, mit einem Punktmuster überzogenen Körper in einer Pin-up-Pose — allerdings mit einem Twist. Es fehlt das zustimmende Lächeln. Eine ihrer spektakulärsten Ausstellungen dieser Zeit war wohl ihre »Aggregation: One Thousand Boats Show« in der Gertrude Stein Gallery 1963: Im Ausstellungsraum platzierte sie ein mit ausgestopften Stoffausstülpungen überzogenes Ruderboot, die Wände waren mit 999 Siebdrucken dieses Motivs tapeziert.
Der Konkurrenzdruck der Kunstwelt führte bisweilen zu Auseinandersetzungen mit Kollegen. Von Claes Oldenburg sah sich Kusama der Idee der »weichen Skulpturen« beraubt. Auch Andy Warhols Tapete mit Kuh-Motiv führte sie auf ihre eigene Arbeit zurück. Solche Originalitätskämpfe sind allerdings kaum zu gewinnen. Der französische Künstler Jean Dubuffet brachte diese verbreitete Erfahrung auf die lakonische Formel: »Man ist nie allein.«
Nach dem Tod ihres Künstlerfreunds Joseph Cornell und angesichts einer psychischen Krise kehrte Kusama Anfang der 1970er nach Japan zurück. Dort wies sie sich selbst in eine psychiatrische Klinik ein, wo sie bis heute lebt. Ihr Studio liegt in unmittelbarer Nachbarschaft. Ihre Karriere nahm vor allem seit 1993 Fahrt auf, als sie Japan auf der Venedig-Biennale vertrat.
Der Run auf die Kusama-Ausstellung ist angesichts ihrer medialen Präsenz kaum überraschend. Auffällig ist eher, wie gleichmäßig sich die Besucher*innen — geradezu punktnetzartig — über die unterschiedlichen Räume verteilen. Es hat seinen Reiz, in Kusamas Spiegelkabinetten die Orientierung zu verlieren oder sich in der gedämpften Wohnzimmer-Atmosphäre ihrer Rauminstallation »I’m here, but nothing« (2000 bis heute) zu fotografieren; die im UV-Licht leuchtenden Punkte scheinen in der Dunkelheit zu schweben wie farbiger Schnee. Doch genauso ergiebig ist die Vertiefung in die starken Anfänge, wie das kleinformatige »Screaming Girl« (1952) — ein expressives Selbstporträt auf Papier, mit Zähnen und Augen aus dicken gelben Punkten. Die Fähigkeit zur Selbstbehauptung, allen Widrigkeiten zum Trotz, ist schon hier abzulesen.
Die Ausstellung läuft noch bis zum 2. August im Museum Ludwig






