»Die Infrastruktur wächst nicht mit«

Der Kreisvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) erklärt, warum Köln in der aktuellen ADFC-Klimastudie schlecht abschneidet

Herr Bersch, laut der soeben veröffentlichten Fahrradklimastudie des ADFC sind die rund 80.000 Teilnehmer bundesweit sehr unzufrieden mit der Situation in ihren Städten. Die Durchschnittsnote aller Großstädte in NRW liegt bei 4,0. Fast die Hälfte der Großstädte in NRW hat einen schlechteren Wert als 4,0. Mit einem schlechten Dreierschnitt liegt man im oberen Drittel. Die eigentliche Fragestellung der Studie lautet also: Welche Städte sind nicht ganz so schlecht wie die anderen?

 

 

Köln liegt bei den 38 Großstädten in NRW auf Platz 31. Die Werte sind im Vergleich zur letzten Erhebung 2005 von 4,14 auf 4,27 gesunken. Sind die Bedingungen schlechter geworden oder der Anspruch größer? Köln hat in fast allen Punkten schlechter abgeschnitten als beim letzten Mal, ob das nun Sicherheit, Komfort oder die Berichterstattung über das Radfahren sind. Damit sind wir nicht allein: Auch beim unangefochtenen Spitzenreiter Münster ist das so. Es liegt aber nicht daran, dass die Bedingungen schlechter geworden sind, sondern an einer veränderten Mobilität: Der Autoverkehr nimmt ab, der ÖPNV und der Radverkehr nehmen zu. 2011 wurden in Köln über 600.000 Radler mehr als im Vorjahr gezählt. Das Problem ist: die Infrastruktur wächst nicht mit, die veränderten Voraussetzungen werden nicht berücksichtigt.

 

Was wären denn Maßnahmen, mit denen man der größer werdenden Menge an Radfahrern begegnen sollte? Wir brauchen vor allem ein Gesamtkonzept für den Verkehr in Köln. Abgesehen davon gibt es viele kleine Ansätze: Es gibt für Radfahrer zum Beispiel keine vernünftige Nord-Süd-Verbindung. Am Schokoladenmuseum muss man sich durch die Touristen durchschlängeln. Auch die Brückenanbindungen sind ein Problem: Wenn man vom Rechtsrheinischen über die Hohenzollernbrücke fährt, landet man auf dem Roncalliplatz, wo man nicht fahren darf. Man muss sich zudem Gedanken über die Verschränkung von ÖPNV und Fahrrad machen. Wie kann man mehr Räder in der Bahn transportieren? Das ist momentan zum einen teuer, zum anderen ist zu wenig Platz. Und natürlich brauchen wir auch mehr Fahrradabstellanlagen. Da werden zwar pro Jahr 500 bis 1000 aufgestellt. Der tatsächliche Bedarf wäre damit aber erst in ungefähr 200 Jahren gedeckt.

 

Ein Hauptproblem ist das Thema Sicherheit, da liegt Köln bei den NRW-Großstädten auf dem letzten Platz. Größter Streitpunkt in diesem Zusammenhang sind Radwege. Es gibt eine Menge gefährlicher Kreuzungen, wo die Radwegnutzungspflicht aufgehoben gehört. An der Kreuzung Richard-Wagner-Straße und Moltkestraße zum Beispiel, da kam erst im Sommer vergangenen Jahres eine Frau auf dem Radweg durch einen abbiegenden LKW zu Tode. Schon Monate zuvor war eine Frau an derselben Stelle schwer verletzt worden. Und das ist nur ein Beispiel in Köln, wo die Radfahrer auf die Straße müssen.

 

Schlecht schneidet Köln auch beim Thema »Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern« ab. Auch mir als regelmäßigem Radfahrer fällt auf, dass viele Autofahrer oder Fußgänger Radfahrer als Verkehrsrowdies wahrnehmen, die sich nicht um rote Ampeln scheren und ständig Verkehrsregeln brechen. Das mit der Missachtung von roten Ampeln beobachte ich auch — allerdings nicht nur bei Radfahrern. Ich kann Ihnen an einem Tag viele Autofahrer in Köln zeigen, die bei Rot fahren. Genauso könnte ich jede Menge Fußgänger finden, oder eben Radfahrer. Das ist eine Wahrnehmungssache. Oft liegen diese Konflikte auch an fehlender Kenntnis der Verkehrsregeln. Wenn im Winter ein Radweg vereist ist, dann dürfen Radfahrer auf der Straße fahren. Dort werden sie dann angehupt. Umgekehrt verhalten Autofahrer sich ständig falsch, wenn sie Radfahrer überholen. Da sind 1,50 Meter Abstand vorgeschrieben, das sieht man eher selten.

 

Wir wollen auch die positiven Punkte nicht verschweigen. Was hat sich in Köln gebessert in den vergangenen Jahren? Es sind viele Einbahnstraßen für Fahrräder geöffnet worden. Die Beschilderung hat sich verbessert, und auch das Verleihsystem. Aber es muss noch viel mehr passieren. Köln hat alle Möglichkeiten, eine fahrradfreundliche Stadt zu werden. Wir haben kaum Berge, wenig Wind, wenig Eis, Schnee oder Regen, und der Stadtkern ist nicht zu groß. Diese Voraussetzungen sollten wir auch nutzen.

 

Sven Bersch ist Vorsitzender des ADFC Köln und des Kölner Fahrradnetzwerks


Die Studie findet ihr auf adfc.de/fahrradklima-test

 

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