Die Poesie des Mordens

Das Theater im Bauturm zeigt Shakespeares »Richard III.« in einer Bearbeitung von Alexander Vaassan

»Tötet er mich? Tötet er mich nicht? Tötet er mich?« So gut wie alle Nebenfiguren in den Tragödien von William Shakespeare würden beim beliebten Spiel, dem Abzählen von ausgerissenen Blumenblättern, am Ende bei letzterem Ankommen: beim Mord. Schließlich windet sich die Blutspur von Intrige, Verrat, Manipulation und Machtanspruch zielsicher durch die wort- und bildgewaltigen Akte — bis hin zum noch besetzten oder vakanten Throne. 

So auch im mehr als 400 Jahre alten Stück »Richard III.« um den gleichnamigen englischen König. Dass in den Darstellungen die Übersicht der Handlungsstränge für das Publikum oftmals verloren geht, liegt an den Ausmaßen der jeweiligen Großfamilien und ihrer Gefolgschaften. Cousins, Neffen, Nichten, Brüder, Schwestern, Mütter, Väter, Liebhaber:innen sowie Berater:innen entfalten allesamt ihre eigene Biographie in den opulenten Werken. Da kann man schon mal den Überblick verlieren.

Für die neue Inszenierung am Theater im Bauturm ist das nebensächlich. Im Prolog wird dazu aufgefordert, sich davon nicht verwirren zu lassen. Es zähle vor allem die Unterhaltung. Der Ansage folgen Taten. Was das Triumvirat Nicole Kersten, Antonia Kalinowski und Stefanie Wimmer (in stetig wechselnden Rollen) auf der kargen Bühne entfacht, würde Shakespeare-Purist:innen vermutlich Tränen in die Augen treiben, für offene, progressive Theatergänger:innen wandelt sich diese Emotion jedoch in pure Glücksgefühle.

Mit mutiger Hand führt Regisseur Alexander Vaassan in einer Poetik des Mordens Schwert, Krone und Wort der Protagonist:innen in neue Höhen der Imagination. Die Inszenierung besticht durch ihre Vermählung von Deutsch, Englisch, Französisch, Kölsch und einer Laissez-Faire-Stilistik, die sich nicht um die Aufregungen in den eitlen Parallelwelten der Fürsten-Höfe kümmert. 

Der Tod ist hier kein Drama, sondern eine stete Abfolge im Dasein, das in Endlosschleifen durch den Kosmos geistert und nach Jahrtausenden des Schmerzes final verlacht wird — ohne die Gewalt zu verherrlichen. Dem ausdrucksstarken Ensemble gelingt in gerade einmal 90 Minuten ein höllischer Trip entlang der Sternzeichen. Schon lange flackerte die Finsternis auf der kleinen Lebensbühne nicht mehr so verführerisch. Le roi est mort, vive le roi! Shakespeare lebt, mit neuzeitlicher Wucht.  

Theater im Bauturm, 2.3., 19 Uhr; 15.3., 18 Uhr, 30. & 31.3., 20 Uhr

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