KVB-Linie 4, Haltestelle »Im Weidenbruch«. Über die Brücke geht es zurück nach Mülheim, darunter zerschneidet die A3 mit lautem Getöse das Rechtsrheinische. Der Sound der Autobahn vertreibt auch im links der Berliner Straße liegenden Weidenbruch mit seinem alten Fort aufkommende Gefühle verwunschener Großstadtromantik, der Weg führt aber ohnehin nach rechts in den Circus-Roncalli-Weg, der, wie der Name vermuten lässt, zum Sitz des Circus Roncalli führt. Nach rund hundert Metern dann jede Menge parkende Autos mit Roncalli-Logo, linkerhand die mit güldenen Pfeilspitzen gespickte schwarze Eingangspforte zum Gelände, flankiert von zwei Säulen, auf denen glänzende Löwen majestätisch den Blick schweifen lassen. Wer hier residiert, muss schon ein kleiner König sein. Und die Vermutung ist richtig. Denn Bernhard Paul, der das Gelände samt der im Nachhinein historistisch im Wiener Stil aufgehübschten Villa und den Werkstätten 1983 vom Circus Williams übernommen hat, ist sozusagen der Zirkus-König von Kölle. Und das, obwohl er aus Österreich stammt und bis heute nichts von der Aura des grantelnden Wieners verloren hat.
Der Circus Roncalli wird vor 50 Jahren von dem Werbegrafiker Bernhard Paul gegründet, der damit — ohne jeglichen familiären Zirkushintergrund — einen Kindheitstraum verwirklichen möchte. Kompagnon, Geld-, aber auch Ideengeber ist zunächst der aus wohlhabenden intellektuellen Verhältnissen stammende und bereits als Liedermacher erfolgreiche André Heller, der das Projekt mit seinem avantgardistischen Faible für Phantastischen Realismus prägt und die Vision einer ganz neuen, eher theatralische Geschichten erzählenden Art von Zirkus hat. Nach ersten Erfolgen zerstreiten sich die beiden Protagonisten aber aufgrund ihrer verschiedenen Zirkus-Philosophien, Heller zieht sich aus dem Projekt zurück und Paul steht vor einem Berg von Schulden. Rettung kommt 1978 ausgerechnet aus Köln, wo er mit seinem Restbestand an Wagen und Requisiten Unterschlupf auf dem zu der Zeit brachliegenden Stollwerck-Gelände findet, um seinen Zirkus wieder auf die Beine zu stellen. Was folgt, könnte gut und gerne als Adoption Pauls durch die Stadt Köln bezeichnet werden, denn 1980 darf Roncalli als erster Zirkus mitten in der Stadt sein Zelt auf dem Josef-Haubrich-Hof aufschlagen — und feiert dort Premiere und Wiedergeburt zugleich, bejubelt von Publikum und Presse. Ab dann geht es nur noch aufwärts: Roncalli erlangt internationales Renommee, tourt sogar als erster bundesdeutscher Zirkus durch die Sowjetunion, Paul wird zum Medien-Promi und Popstar.
Bernhard Paul ist es gelungen, einen naiven Kindheitstraum in eine unglaubliche Erfolgsstory umzuwandeln — ohne aus einer der etablierten Zirkus-Dynastien zu stammen
Doch zurück nach Mülheim, wo die Kulturwissenschaftlerin Catrin Blanke das Roncalli-Archiv leitet, welches in einem kleinen, mit unzähligen Büchern, Fotosammlungen und historischen Dokumenten vollgestopften Container auf dem Gelände untergebracht ist. Im Gespräch mit ihr zerplatzt zunächst der romantische Mythos, das progressiv-linke Umfeld des Stollwercks in den späten 1970er-Jahren habe in der Neugründungsphase von Roncalli Einfluss auf das Zirkuskonzept und die künstlerische Haltung Pauls gehabt. Das liegt schon daran, dass Paul zwar ab 1978 auf dem Stollwerck-Gelände war — aber bereits wieder weitergezogen war, als es am 20. Mai 1980 zur Besetzung kam, auf die dann eine Zwischennutzung durch die progressive Kunst- und Theaterszene erfolgte, bevor das Stollwerck 1987 abgerissen wurde. Dennoch wird Paul das Umfeld der Südstadt genutzt haben, vermutet Blanke: »Da tummelten sich alle möglichen Größen der Kölner Szene, die sich dann im Chlodwig-Eck getroffen haben, wo Clemens Böll, der Neffe von Heinrich Böll, Zapfmeister war.
Dort trieb sich auch Galerist und enfant terrible Ingo Kümmel herum, der damals Kunstaktionen der äußerst progressiven Art veranstaltet hat — das war für Paul schon ein sehr inspirierendes Umfeld.« Und natürlich — Roncalli war in seinem Ursprung ja ebenfalls Anti-Establishment und als Alternativ-Zirkus gedacht. »Eben nicht mehr diese Abfolge von Nummern und Sensationen, eine gefährlicher und gewagter als die nächste, also nicht mehr dieser permanente Nervenkitzel, sondern eher Theater«, sagt Blanke. »Ein erzählerischer Zirkus — mit einem roten Faden.«
Dennoch erfolgte mit der Verkölschung des Circus Roncalli offenbar auch eine Abkehr vom Avantgardismus der Hellerschen Anfangszeit, verbunden mit einer Kommerzialisierung und zugleich bodenständigen Volksnähe, die ideal zur karnevalistisch geprägten Seele der Stadt passt. »Bernhard Paul kommt eben tatsächlich vom Zirkus oder von dem, was ihn selbst als Kind am Zirkus fasziniert hat«, so Blanke. »Er ist mit dem klassischen Zirkus großgeworden und das ist sein Faszinosum. Und ästhetisch ist er angetan von der Belle Époque in Wien und bevorzugt eine Kombination historischer Stile, die von Avantgarde-Künstlern als reine Dekoration abgelehnt wurden.«
Könnte man also die These aufstellen, Paul sei es weniger darum gegangen, den Zirkus zu revolutionieren als zu seinen Wurzeln zurückzuführen? »Bernhard Paul ist eben ganz stark von seinen Kindheitserinnerungen und dieser damit verbundenen Nostalgie ausgegangen«, erklärt Blanke. »Und da gehören das Sägemehl und der Tiergeruch und all diese Geräusche, die Tiere machen, dazu (Der Circus Roncalli ist seit 2018 tierfrei, Anm. d. Red.); all diese Aufregung, die man hat, wenn man als Kind zum Zirkus geht und erstmal hört und riecht und eine fremde Welt spürt und noch nicht sehen kann, was eigentlich passiert. Das ist das Bild, das er hat — also auch dieses leere Manegen-Rund, das übrigbleibt, wenn der Zirkus wieder abgereist ist.«
Bernhard Paul ist ganz stark von seinen Kindheitserinnerungen und dieser damit verbundenen Nostalgie ausgegangen
Zu Beginn stand bei Circus Roncalli das Avantgardistische, Revolutionäre im Vordergrund. Das eigentlich Faszinierende ist aber der Umstand, dass Paul es gelungen ist, einen naiven Kindheitstraum in eine unglaubliche Erfolgsstory umzuwandeln — ohne aus einer der etablierten Zirkus-Dynastien zu stammen, die bis dahin den Markt unter sich aufgeteilt hatten. »Das wurde in der Branche auch als wahnwitzig empfunden«, pflichtet Blanke bei. »Es gibt diese legendäre ORF-Sendung, wo er von den Zirkusdynastien geschlachtet wird, weil das, was er mache, nichts mit echtem Zirkus zu tun habe. Und ja, das war schon auch überaus gewagt, weil da logistisch und finanziell so unglaublich viel dranhängt und es so ein unterschiedliches Können voraussetzt.«
In einer abschließenden Führung verschafft Catrin Blanke noch Einblick in die zahlreichen Werkstätten des Geländes, wo eifrig lackiert, geschrubbt und ausgebessert wird. Dazwischen Hallen voller alter Requisiten und historischer Wohnwagen. Eine Welt, in der man sich endlos verlieren könnte. Die von einem freundlich in der Sonne dösenden Hund bewachte Pforte schließt sich wieder — und die magische Zirkusluft verfliegt im zunehmenden Donnern der A3.
10.4.–25.5., »50 Jahre Circus-Theater Roncalli«, Gastspiel auf dem Neumarkt.
Weitere Infos: <link http: roncalli.de spielorte koeln _blank external-link-new-window external link in new>roncalli.de/spielorte/koeln






