Die Verwaltung des Prekariats

Die freien Kinder- und Jugendtheater in Köln stecken angesichts ­schwindender Fördergelder in der Krise — jetzt gibt es die erste Schließung

Zum Ende des Jahres fällt im Casamax Theater in Köln-Sülz nach 41 Jahren der letzte Vorhang. Dahinter und davor weitet sich schon jetzt eine Leere, die weitere Spielstätten aus dem Bereich des Kinder- und Jugendtheaters zu um­armen droht. Der Grund für die Schließung des kleinen Theaters: Weil die Aussicht auf ausreichende Fördermittel zu gering waren, entschieden sich die Betreiberinnen gegen eine Verlängerung des Mietvertrages.
 

»Wir haben viele Jahre ein Prekariat verwaltet. Die Begrenzung der Räume, die engen Vorgaben der Vermieter, die geringen Einnahmen, die bei gutem Wetter und wenig Publikum häufig nur bei 100 Euro liegen, zeigen uns, dass der Spielraum für Visionen, fürs Schaffen von kreativen ­Räumen und Ausprobieren sehr ­begrenzt ist«, erzählt Casamax-Gründerin Hille Marks. Auf 56.000 Euro belaufen sich die städtischen Zuwendungen für das Casamax, Ende 2026 sollen sie auslaufen. Was sich nach einem hohen Betrag anhöre, sei die mit Abstand niedrigste Fördersumme, die die freien Häuser von der Kommune erhalten, so Marks.
 

Man habe in jüngster Vergangenheit eine Kooperation mit dem Kölner Künstler:innen Theater angestrebt, um unter einer Dachorganisation zwei Spielstätten zu betreiben und damit Ressourcen einzusparen. Doch der Antrag sei vom Kulturamt aufgrund des begrenzten Budgets verworfen worden. Erschwerend hinzu gekommen seien die Vorgaben für Mindesthonorare der Künstler:innen, die zwischen 250 und 300 Euro pro Vorstellung lägen sowie inflationär steigende Allgemeinkosten. »Jahrelang wurden unsere Projekte auch vom Land mitgetragen. Seit zwei Jahren bleibt diese Förderung aus und konnte nur notdürftig mit privaten Sponsorengeldern aufgefangen werden. ­Unsere Verdienste in der Leitung lagen im Schnitt gerechnet deutlich unter dem Mindestlohn«, ­erklärt die Intendantin.

Jahrelang wurden unsere Projekte vom Land mitgetragen. Seit zwei Jahren bleibt diese Förderung aus
Hille Marks

Hille Marks wundert sich über vorhandenen Mittel für die Sanierung des Opern- und Schauspielhauses, während das Budget der freien Szene seit langem keine ­Erhöhung erhalten habe. »Es ist ein Ungleichgewicht beim Verteilen von Geldern. Und in dieser ­Hierarchie stehen die Kindertheater an letzter Stelle«, konstatiert die Unternehmerin. Noch nicht dramatisch, aber kritisch zeichnen sich die Auswirkungen von Einsparungen am Horizont Theater sowie in der Alten Wursterei, dem Domizil des Disdance Project, ab. Auch in diesen Spielstätten werden neben Erwachsenenproduktionen Inszenierungen für Kinder angeboten. »Die Lage ist sehr schwierig. Wir können keine Fördermittel mehr beantragen, weil wir nicht die empfohlenen Mindeshonorare aufbringen können. Bei uns gibt es unter anderem ein Krabbel­theater, in das manchmal nur 20 Leute kommen, für das aber zwei Schauspieler bezahlt werden müssen. Wir schaffen es nicht, dafür 600 Euro Gage auszuzahlen«, erzählt Horizont-Leiter Christos Nicopoulos. Mitunter gebe es fünf Auftritte am Tag, um die notwendigen Gelder für das Haus zu erwirtschaften. »Bisher überleben wir und werden weitermachen, so lange es geht. Natürlich ist das Selbstausbeutung. Aber wenn man etwas liebt, gibt man alles dafür«, so Nicopoulos.
 

»Die Luft wird immer dünner«, bestätigt auch André Lehnert vom Disdance Project. »In manchen Grundschulen gibt es vielleicht alle vier Jahre einen Theaterbesuch. Man weiß immer noch nicht, wie bildungsfördernd Theater für den Unterricht sein kann. Aus irgendeinem Grund soll Kindertheater weniger kosten als ­Erwachsenentheater. Die Budgets dürfen nur etwa halb so hoch sein. Man hat aber viel mehr Arbeit und geringere Einnahmen«, sagt der Theatermacher.
 

Die Kölner Stadtverwaltung äußert sich zur Situation ausweichend: »Grundsätzlich zeigt sich, dass der Förderbedarf der freien Theaterlandschaft angesichts steigender Personal- und Betriebskosten sowie allgemeiner Kostensteigerungen kontinuierlich wächst.« Die Kulturverwaltung setze sich aber »im Rahmen der verfügbaren Mittel« dafür ein, die freien Theaterstrukturen in Köln zu unter­stüt­zen und gemeinsam mit den Akteur:innen tragfähige Perspek­tiven zu entwickeln. Für das ­Casamax Theater und viele weitere kleine Kindertheater in Köln dürfte diese Aussage wenig zufriedenstellend sein.

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