»Diese Wucht steckt mir noch in den Knochen«

Fatih Akın erzählt in seinem neuen Film von der ersten großen Liebe und ihrem jähen Ende. Für ihn ist »Geister« der Film eines Vaters und die Rückkehr zur eigenen Jugend

In »Geister« begegnet der junge Faris seiner bei einem Autounfall verstorbenen Liebe Farasha in seinen Träumen. Stimmt es, dass Sie sich nach dem Tod Ihres Vaters eine solche Begegnung gewünscht haben? 

Fatih Akın: Beim Film kannst du dir Paralleluniversen schaffen und dabei Erfahrungen verarbeiten, meistens unbewusst, manchmal bewusst. Als mein ehemaliger Produzent Andreas Thiel gestorben ist, habe ich ein Jahr lang jede Nacht von ihm geträumt. Wir hatten viel über Filme geredet und haben das im Traum fortgesetzt. Ich konnte mich darauf freuen, Andreas wiederzusehen. Als mein Vater gestorben ist, habe ich ihn dagegen ein Jahr lang nicht gesehen. Nicht eine Nacht. Meine damalige Therapeutin sagte etwas ganz Tröstendes: Mein Vater sei dort, wo er ist, so glücklich und zufrieden, dass er nicht das Bedürfnis habe, noch einmal zurückzusehen. Wir wissen nicht, ob das stimmt. Aber es ist ein schöner Gedanke. Film gibt dir die Möglichkeit, solche Gedanken aufzuschreiben.

Hätten Sie diesen Film auch vor 20 oder 25 Jahren machen können? 

Es ist schon der Film eines Vaters — bis hin zu der Ästhetik von Animes und Mangas. Das habe ich von meinen Kids. Mich interessiert, womit sie sich beschäftigen: das Computerspiel »Ghost of Tsushima«, die Mangas, die meine Tochter liest. Das ist deren Popkultur.

Die Teenagerliebe im Film hat eine enorme körperliche Wucht. Erinnern Sie sich noch daran, wie das bei Ihnen war? 

Das war eigentlich nie schön, weil es immer unglücklich war. Und physisch so heftig. Ich glaube, ich bin Filmemacher geworden, weil ich mich so oft unglücklich verliebt habe. Diese Wucht steckt mir noch in den Knochen. Weil ich von jungen Leuten erzähle und ich die Echos davon noch wahrnehme, wollte ich das einbauen.

Die Arbeit mit jungen Leuten fordert einen heraus und hält einen auf Trab

Braucht es Abstand, um diese Wucht zu verarbeiten? 

»Gegen die Wand« (Akins Durchbruch von 2004, d. Red.) war der Film des wilden und zerstörerischen ­jungen Mannes, der ich damals war, aufgewachsen mit Kurt Cobain. Jetzt bin ich ein Elternteil, die Haare werden grau und fallen aus. Ich habe zwei Kinder, eines ist gerade ausgezogen, um zu studieren. Das Leben ist weitergegangen. Ich sage mir nicht: Ich muss Filme machen wie früher. Meine Filme sind poetischer geworden, ob ich wollte oder nicht. Es ist so eine gewisse Milde. Ich beobachte die Figuren. Die große Frage ist: Können sich junge Leute mit diesem Film identifizieren? Irgendjemand hat einmal gesagt, es gibt ein Alter, in dem man hängen bleibt. Auch wenn du hundert wirst, bist du immer noch in ­diesem Alter. Wenn das stimmt, bin ich irgendwo mit 16 hängen geblieben. Vieles, was ich heute tue, ist immer noch das, was ich mit 16 gemacht habe.

Hilft Ihnen das bei der Arbeit mit jungen Darstellern? 

Ich glaube schon. Ich bin kein Pädagoge. Ob ich mit alten oder jungen Leuten rede, ich begegne ihnen auf Augenhöhe. Die finden es gut, dass ich ehrlich mit ihnen bin. Natürlich könnten die vier aus »Geister« meine Kinder sein. Aber auf eine gewisse Weise bin ich dann doch nicht so weit weg. Die Arbeit mit jungen Leuten fordert einen heraus und hält einen auf Trab. Ich kann mich schnell hineinversetzen, und die merken das. Der Trick ist, ehrlich mit ihnen umzugehen.

Mit Radyo Bombero haben Sie jetzt ein Plattenlabel gegründet. Die erste Veröffentlichung ist der Soundtrack zu »Geister«. Warum machen Sie das? 

Seit »Aus dem Nichts« von 2017 gibt es keine Soundtracks mehr zu meinen Filmen. Das hat mir das Herz gebrochen. 

Die Schlager aus »Der goldene Handschuh«? 

Ich bitte dich! Aber es hieß: Verkauft sich nicht, rechnet sich nicht. Dann Hainbachs wunderschöne Musik zu »Amrum«. Und jetzt »Geister«: Ich wollte etwas, das Ennio Morricone hätte schreiben können. Wieder hieß es: zu teuer! Ich bin leidenschaftlicher Soundtrack-Sammler. Inzwischen ist das auch mein Ding als DJ: Soundtracks in Listening Bars aufzulegen. Überall auf der Welt gibt es im Plattenladen ein Soundtrack-Fach. Alles gibt es, nur meine Sachen nicht. Ein Freund sagte: Mach es doch selbst! Es kann doch kein Hexenwerk sein, ein Label zu gründen. Ich habe auch eine Filmproduktion gegründet, verdammt!

Was soll noch erscheinen? 

Wir wollen rückwärts alle Soundtracks herausbringen: »Amrum«, »Der goldene Handschuh«. »Gegen die Wand« hat es nie auf Vinyl gegeben. Ich möchte bis »Kurz und schmerzlos« zurückgehen und vielleicht auch Soundtracks von befreundeten Filmemachern herausbringen.

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