Dieses unglaubliche ­Gespür

Mit »Music, Fashion, Film« bleibt Charli XCX am Puls einer Zeit, die zunehmend gefährlich wird

Charli XCX — ultracoole Popkünstlerin und berüchtigte Party-Queen — hat Angst… Was sie sagt, werde aus dem Kontext gerissen; wer sie eigentlich sei, weiß die 34-Jährige selbst nicht mehr. Da tendiert man schnell dazu, einfach alles hinzuschmeißen (»It makes me wanna throw my life away«), denn wirklich verstehen kann sie eh niemand. »You don’t get me«, singt Charli XCX — und lügt sicherlich, wenn sie gegen Ende ihres neuen Albums behauptet: »Since everyone knows my name, all the parties got better«. Während der omnipräsente Vorgänger »Brat« den Höhepunkt ihres Daseins als gefeierter Popstar darstellte, ist »Music, Fashion, Film« nun die Reaktion darauf. Ein Anti-Star-Album, wenn man so will.

Es ist ein typischer Karriereschritt, den schon viele Pop-Acts vor ihr gemacht haben: das be­schei­dene Rückzugsalbum, das gar nicht erst an den Erfolg des gigantischen Vorgängers anknüpfen will. Charli XCX wollte eigentlich für ein paar Jahre Pause machen und vorerst keine neuen Alben veröffentlichen — doch wenn die Inspiration anklopft, muss man nunmal aufmachen.

Eben diese Inspiration sah nun etwas anders aus: »I think the dance floor is dead, so now we’re making rock music«, heißt es schon zu Beginn des Albums (mit halbironischem Unterton). Ja, 2024 war die aufgekratzte Charli-Platte »Brat« eindeutig die wichtigste Musikveröffentlichung des Jahres, doch schon 2025 prägten plötzlich die Indie-Jungspunde Geese und ihr rockiges Meisterwerk »Getting ­Killed« den Diskurs; also scheint Charli XCX hier gewissermaßen den Zeitgeist aufzugreifen. Doch tatsächliche Rockmusik findet man auf »Music, Fashion, Film« natürlich keine… Klar, E-Gitarren tauchen öfter auf als zuvor — diese sind derartig verzerrt, das sie perfekt zur überbordenen Klangästhetik von Charli XCX passen —, doch im Kern hat man es hier immer noch mit schamloser Popmusik zu tun. Dafür hat die Musikerin schlichtweg ein unglaubliches Gespür. Ihre knallige Vision ist durchgehend spürbar. Jeder Song lebt von einer frech-eingängigen Hook.

Ein Anti-Star-Album, wenn man so will

Doch Rückzug war ja das Stichwort. Das geschieht einerseits durch Nostalgie, den gerührten Blick in die Vergangenheit — »I can take you to heaven like it’s 2007«, singt sie (und erwähnt damit das vielleicht stärkste Musik- /Filmjahr der Geschichte) —, andererseits durch eine Fokussierung auf ihren engsten Kreis. Die ersten Worte des Albums lauten nicht zufällig »me and my friends«, und mit dem Song »Magic Metal Montana« existiert außerdem eine lyrische Huldigung an Charlis engsten Kollaborateur, den Hyperpop-Produzenten A.G. Cook, der hier für knackige Ear-Candy-Momente sorgt. Die beiden sind ein großartiges Team. Charli schenkt ihm ein wundervolles Kompliment: »You make it easy for me«.

Die kompakte Bescheidenheit von »Music, Fashion, Film« scheint auf den ersten Blick im Kontrast zum prätentiösen Schwarzweiß-Album­cover zu stehen: Abgebildet sind darauf Avantgarde-Legende John Cale, Modedesigner Marc Jacobs und Regisseur Martin Scorsese, die jeweils für einen der Bereiche im Albumtitel stehen. Charli XCX will uns damit jedoch nicht sagen, dass das ihre Freunde seien, sondern: Trotz ihres gefeierten Gesamtwerks werden auch diese drei Ikonen irgendwann sterben.

»No One Lasts Forever« heißt der fantastische Closer des Albums. Hier kommt Filmemacher David Cronenberg, der vielleicht beste Horror-Regisseur der Kinogeschichte, zu Wort und erklärt, dass er während einer dramatischen Nahtoderfahrung nichtmal für eine Sekunde über seine Kunst (oder die anderer) nachgedacht hätte. Am Ende zählen andere Dinge. Kunst kann dich zwar überleben, doch sie wird dich niemals unsterblich machen. Am Ende bist du tot. »Thank goodness for that«, erklärt Cronenberg.

Es ist eben diese Erkenntnis, die Charli XCX im Laufe von »Music, Fashion, Film« lernt: Ich bin krass, aber nicht krass genug. Niemand ist das. »We’re walkin’ on a runway that goes straight to hell, nothing’s gonna save us, not music, fashion or film«, singt sie. Das ist eine simple, aber keineswegs naheliegende Erkenntnis, wenn man gerade den Erfolg von »Brat« durchlebt hat. Und doch bleibt einem nichts anderes übrig. Man greift zu den Dingen, die man liebt: ­Alben, Outfits, Meisterwerke von Scorsese oder Cronenberg. Irgendwie muss man sich ja beschäftigen. Das wirkt als Konzept nicht unbedingt zu Ende gedacht, doch das muss es auch gar nicht sein. Dafür hat Charli XCX noch Zeit. ­Jedenfalls ist sie schonmal um eine Erleuchtung schlauer: 
»I think people can change«. Stimmt. Ich präsentiere: Beweisstück A.

Tonträger: Charli XCX, »Music, Fashion, Film« (Atlantic / Warner)

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