Drei Scheinfragen und ein sonderbarer Umtrunk

Materialien zur Meinungsbildung

Fragt man Gesine Stabroth ganz freundlich, ob denn auf der Party ihrer »besten Freundin Tine«, die ja — ich zitiere aus der mir ­zugespielten Einladung — ein »Umtrunk« sein soll, auch genug »Trunk« vorrätig sei, kommt zur Antwort, dass die Frage ganz falsch gestellt sei. Man solle sich — also: ich mich — stattdessen besser mal fragen, ob man — also: ich — vielleicht auch mal kein Bier trinken muss, sondern Tines »total ­leckere alkoholfreie Cocktails.« 

Nun, ich lasse mich nicht provozieren von Mikroaggressionen wie »vielleicht« und »muss«, sondern überhöre geflissentlich diese Scheinfrage. Sonst gibt es wieder Streit, und ich bekomme gesagt, dass ich, wenn ich »so drauf« sei, »am besten gleich zu Hause bleiben« könne. Dann nämlich nehme mich Gesine Stabroth nicht mit!

Was liegt hier vor? Die Menschen kennen Fragen nur noch als Bedrängung — und fragen zurück! Sie vergelten Gleiches mit Gleichem. Wobei das auch nicht stimmt, denn im Gegensatz zu Gesine Stabroths parierender Scheinfrage war meine Frage sehr redlich gemeint, sehr freundlich formuliert und — jeder der Gesine Stabroths »beste Freundin Tine« kennt, wird das bestätigen — sehr berechtigt. Besser also, man bringt sich was von Trinkhalle Hirmsel mit.

Überhaupt sind Fragen im ­eigentlichen Sinne aus der Mode gekommen. Sie tauchen nur noch in drei verlotterten Varianten auf: als getarntes Herrscherlob im PR-Journalismus (»War es nicht sehr aufwändig, diese grandiose Austellung zu kuratieren?«), als Verhör-Routine (»Wo waren Sie gestern zwischen 20 und 23 Uhr?«) und als ironische, rein rhetorische Frage (»So, so. Und das soll ich ­Ihnen also glauben?«).  

Allesamt Scheinfragen, die man orthografisch gar nicht mehr mit einem Fragezeichen adeln sollte. Das Fragezeichen, einst Ausweis einer Bitte um Unterstützung, wird hier zum Symbol des Umgarnens, Einfangens oder gar Erwürgens — es versinnbildlicht dann die Schlinge, die da um den Befragten gelegt wird.

Nun ist ein jeder mal mit Anwürfen, die als Frage verkleidet sind, konfrontiert, und so hat sich ein Reflex etabliert. Man macht’s wie Gesine Stabroth und behauptet, die Frage sei falsch gestellt und erklärt prompt, wie sie richtig zu stellen sei, nämlich so, dass man selbst bequem darauf antworten kann. Aber die Frage eines anderen zu korrigieren, ist eine große Anmaßung und nur selten berechtigt (»Liebe Frau Kommissarin, die Frage muss nicht lauten, ob Oma Porz nach dem nachmittäglichen Nickerchen vielleicht ­etwas durcheinander war und sich am Telefon verhört hat, sondern was sie tun können, um die Landung der Ufos mit den Enkeltrick-Robotern zu verhindern.«)

Die eigentliche Frage gibt es kaum noch. Wer fragt noch einen anderen: Wie machst Du das bloß so bewundernswert gut, was mir gar nicht gelingen will? Magst Du mir, der ich keine Ahnung habe, das einmal erklären? Könntest du das, wovon du sprichst, weiter ausführen, damit ich es besser ­begreife? 

Ach, es wäre reizvoll, die Gespräche an Gesine Stabroths Küchentisch zu transkribieren. Wenn Menschen, die sich eine gewisse Zeit nicht begegnet sind, wieder aufeinandertreffen, wäre doch vieles in Erfahrung zu bringen: Was hat sich seit der letzten Begegnung geändert? Kann der Hund schon Stöckchen holen, ist das Klo repariert, was macht der Juckreiz hinterm Ohr?

Aber all die Themen vorheriger Unterhaltungen sind passé. Nur das Neueste zählt. Diese Unterhaltungen sind eine endlose Folge von Geschichten ohne Ende. Und ob genug Trunk beim Umtrunk vorrätig ist, erfährt man erst, wenn es schon zu spät ist und man Tine zu fragen hat, ob man das ­Rezept für diese »leckeren alkoholfreien Cocktails« haben könne — damit Gesine Stabroth nicht ­wütend wird.

Mach mit: Gemeinsam sichern wir unabhängigen Journalismus für Köln!
→ Ja, ich abonniere die Stadtrevue!
→ Ja, ich erwerbe einen Anteil der Stadtrevue-Genossenschaft!


Tagnacht – Kölns Gastro-Guide. Essen, Trinken, Ausgehen in Köln: alle Küchen, alle Veedel! Hol dir ein Abo und erhalte als Prämie die tagnacht 2025/26 gratis dazu. 

Stadtrevue abonnieren →

Alle Prämien ansehen →

Unsere Magazine

tagnacht – Kölns Gastro-Guide: Essen, Trinken, Ein­kaufen, alle Küchen, alle Veedel, die besten Adressen der Stadt. 
ansehen / bestellen →


Raum 5 – Der Design Guide für Köln/Bonn: Neues und Schönes, Porträts und Tipps sowie 300 Design-Adressen. 
ansehen / bestellen →


alma — Das Kölnmagazin für Studis: Alles, was wichtig ist für den Durch­blick an der Uni und das Leben in der Stadt.
ansehen / bestellen →


kurzundklein – Ein ganzes Jahr Köln mit Kindern: Akti­vi­täten und Aus­flüge, Familien­politik, Stadt­leben, Adressen. 
ansehen / bestellen →


weiter! — Aus- und Weiter­bil­dung in Köln und der Region: Der Pocket-Guide mit rund 200 Adressen und vielen nütz­lichen Infos.
ansehen / bestellen →