Einladung zum Träumen

Trotz finanzieller Probleme bieten die Internationalen Stummfilmtage Bonn eines der besten Programme seit Jahren

Wie alle Festivals haben auch die Internationalen Stummfilmtage inspiriertere und gewöhnlichere Jahre. Die  42. Ausgabe des Bonner Sommerkino gehört entschieden zu ersteren. Im Programm gibt es viel zu entdecken, was historisch nur wenig beachtet wurde, und nur wenig Standardklassik. Selbst diese ist mit Mauritz Stillers kolossalem Selma-Lagerlöf-Zweiteiler »Gösta Berlings Saga« (1924) zur Eröffnung interessanter als ­gewöhnlich.

Bonn kann sich das leisten, denn die Veranstaltung ist seit Jahren ein Selbstläufer. Die Leute kommen nicht zuletzt wegen des wunderschönen Ambientes im Arkadenhof der Universität, der exquisiten Livemusik bei jeder Vorführung und natürlich wegen des freien Eintritts. Was nicht heißt, dass das Festival nicht auch — wie so viele andere — finanzielle Pro­bleme wegen gestrichener Förderungen hat. So wurden gleich zwei Spendenaktionen ins Leben gerufen, einmal in Kooperation mit der Sparkasse Köln/Bonn, um den freien Eintritt weiter garantieren zu können, außerdem eine Crowd­funding-Kampagne, um die musikalische Vielfalt des Festivals zu erhalten. Ganz ohne Streichungen kommt die 42. Ausgabe allerdings nicht aus, das Programm wurde um einen Tag verkürzt.

Viele Filme haben dieses Jahr eine thematische, seltener eine formale Beziehung zueinander. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Frauen in der Filmgeschichte — nicht sonderlich originell, aber ergiebig. Da wäre etwa die Wiener Schauspielerin Ellen Richter, die in den 1920er Jahren ein Star des reichsdeutschen Sensations- und Exotika­kinos war. Gemeinsam mit ihrem Gatten, dem Regisseur Willi Wolff, betrieb sie eine eigene Produktionsfirma. Und das mit Erfolg. Dann aber sah sie sich nach der Machtübernahme der Nazis zum Exil gezwungen. Ihre Karriere lief in der Fluchtbewegung über Österreich, der Tschechoslowakei und Portugal schließlich in den USA aus.

Das protofeministisch grundierte, abgründige Krimiexposé »Schatten der Weltstadt« (1925) bietet ein exzellentes Beispiel für die Qualitäten des Kreativpaares Richter und Wolff: eine ergiebige Geschichte über die korrupte Macht des Kapitals, intensives Spiel der Richter, stilvolle, den Film noir vorwegnehmende Regie Wolffs. Wie so viele Stummfilmstars, deren Schaffen nicht die höheren Weihen der Filmgeschichtsschreibung erhielten, wurde das Ehepaar bald vergessen. Auch weil ihre Filme kaum zu sehen waren, vielfach als verschollen galten oder es immer noch sind. Wer mehr zum Thema wissen will, sollte Philipp Stiasny und Oliver Hanleys Buch »Ellen Richter. Die große Unbekannte des Weimarer Kinos« lesen, das in einer Sonderveranstaltung in Bonn präsentiert wird, inklusive einer Vorführung von Georg Jacobys Fragment des Schauermelodrams »Der Aberglaube« (1919) mit Richter in der Rolle einer Zirkusartistin.

Ein besonderer ­Schwerpunkt des ­Programms liegt auf Frauen in der Film­geschichte — nicht ­sonderlich originell, aber ergiebig

Eine weitere Bergung aus den Tiefen der Kino-Einst ist die Regisseurin Hanna Henning, von der zu wenig erhalten ist, um auf Basis ihrer Filmografie mehr zu sagen als: ein Regieprofi, dem scheinbar kein Genre fremd war — Titel wie »Fräulein Schwindelmeier« (1917), »Seine Liebe war mein Tod« (1919) und »Am roten Kliff« (1921) laden ein zum Träumen. Zu sehen sein wird in Bonn »Bubis Locken« (1919), eine der vielen Episoden ihrer Familienkomödienserie um den Lausbub Bubi. Er läuft als Vorfilm zum selten gezeigten Klassiker des Shanghaier Kinos »Guó fēng« (1935).

Weitere sinnstiftende Kombinationen: Der Experimentalfilm »The Life and Death of 9413: a ­Hollywood Extra« (1928) vertieft kongenial, wenn auch formal völlig anders den Revuefilm »Die ­große Sehnsucht« (1930). Buster Keatons Seefahrtsfarce »The Love Nest« (1923) bereitet einen tonal kon­trastreich vor auf John Ernest ­Williamsons dokumentarische Unterwasserschwärmerei »Wonders of the Sea« (1922). Das kann man so oder so ähnlich auch ­sagen über das Duo »Soldier Man« (1926), eine Kriegskomödie mit Harry Langdon, und »Dr. Bessels Verwandlung« (1927), ein Zeitstück, in dem es ebenfalls um Doppelgänger geht.

Besonders hinweisen sollte man auch noch auf den letzten Langfilm des Festivalprogramms, »Sam sobì Robinson« (1929) von ­Lazar Frenkel, einem sowjetukrainischen Spezialisten für Kinder­filme — ein Genre, das UdSSR-­übergreifend seiner Wertschätzung harrt.  

13.–22.8., Arkadenhof der Uni Bonn, LVR-Landesmuseum. 
Infos: internationale-stummfilmtage.de

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