Einladung zur Verbundenheit

Das Sommerblut-Kulturfestival feiert 25 Jahre, trainiert Widerstand und verstößt angeblich gegen das »Neutralitätsgebot«

Es war kurz vor Ostern, lange stand das pralle Jubiläumsprogramm des Sommerblut-Kulturfestivals schon fest, da erhielt Leiter Rolf Emmerich einen Anruf aus dem Kulturministerium NRW. Zur Förderung eines der zentralen Projekte des Festivals, der Arbeit »Generation Widerstand«, die Premiere geplant für den 21. Mai im Comedia Theater, gebe es »rechtliche Bedenken«. Nach eingehender Prüfung durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft stehe fest: Der Antrag könne nicht genehmigt werden, er widerspreche »dem Gebot der parteipolitischen Neutralität«.

Rolf Emmerich und das Festivalteam fielen aus allen Wolken. Fest stand das Geld bereits im Etat des ohnehin von Kürzungen gebeutelten Festivals, das jährlich im Mai ganz Köln in einen experimentellen Kunstrausch stürzt, Theatergrenzen erweitert, Fragen von Teilhabe, Inklusion und Marginalisierung neu denkt. In »Generation Widerstand«, ein Theaterprojekt mit 20 Jugendlichen, ­sollte es darum gehen, eine verletzliche Generation zu »empowern«, Mut zu machen und Widerstand zu trainieren. Was kann man tun im Angesicht von Rechtsruck und galoppierenden (Welt-)Krisen, die vor allem Jugendliche nachweislich in schwere psychische Krisen stürzen? 

Kreative Grenzen über­schreiten kann man viele beim Sommer­blut-Festival, aber auch ganz real nie betretene Orte erkunden

»Wir wussten erstmal nicht, auf welchen Teil des Antrags sich die Absage bezog«, erzählt Emmerich. Doch schnell wurde klar: Es war vor allem die Nennung des Parteinamens der AfD. »Das Projekt reagiert auf die wachsende Präsenz der AfD im öffentlichen Diskurs«, hatten sie etwa in den Antrag geschrieben, oder »Mit kleinen Anfragen blockiert die AfD auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene schon jetzt die Handlungsfähigkeit staatlicher Institutionen.« Faktisch war das richtig, und vor allem: erfahrungsgesättigt.

Denn bei der letzten Sommerblut-Ausgabe 2025 hatte die AfD tatsächlich mehrere kleine Anfragen zur Finanzierung mehrerer Festivalprojekte im Ministerium lanciert — ein Gebaren, dass zum Muster des bundesweiten rechtsextremen Kulturkampfs gehört und viel Arbeitskraft und Mittel bindet. Doch trotz — oder gerade wegen dieser Erfahrung? — wurde dem Sommerblut nun die Förderung versagt. Und auch, wenn aus dem Ministerium durchaus freundliche Signale kommen, bei Neuformulierung des Antrags eine Förderung ans Festival zu geben, ist Rolf Emmerich entsetzt: »Die Angst vor Rechten und der vorauseilende Gehorsam scheinen nun demokratische Institutionen zu lähmen.«

Auf fatale Weise trifft dies auf empfindliche Budgetkürzungen durch andere Förderer — um 50 Prozent ist der Festivaletat eingebrochen. Und das in einem Jahr, in dem Sommerblut stolzes 25-jähriges Jubiläum feiert, unter anderem mit einer multimedialen Ausstellung in den Kunsträumen der Michael Horbach Stiftung (ab 14.5.). »Alle sind hochmotiviert — aber wie lange wir das noch so schaffen können, ist völlig ungewiss«, sagt Emmerich. Trotz der Kürzungen sind in diesem Jahr 29 Kunst-Acts beim Festival zu erleben. »Solidarität« ist das Motto, wie immer kommen Menschen kraftvoll zu Wort, die sonst eher marginalisiert sind. Etwa Häftlinge: Direkt zu Festivalbeginn (13.5.) findet »Schweigen — Ein Chorstück« in der JVA Ossendorf statt (Voranmeldung und Perso nicht vergessen). Unter der Regie von Eli Pleß haben inhaftierte Frauen aus Köln und Willich ein Chorstück über Würde, Lebensfreude und ihre Scham erarbeitet. 

Eher selten zu hören hierzulande sind wohl verletzte ukrainische Soldaten. Vor dem russischen Angriffskrieg waren sie Taxifahrer oder Restaurant-Chefs, nun haben sie an der Front Arm oder Bein verloren, befinden sich zur ärztlichen Behandlung in Deutschland im seltsamen Wartezustand. In »Un/Zerbrechlich« (13.–15.5., Orangerie-Theater) erzählen sie von ihren Resilienz-Strategien, davon, wie sie trotz der Schicksalsschläge Hoffnung bewahren. Dazu singt der deutsch-ukrainische Chor RAI ukrainische Volkslieder (Regie: André Erlen). Was auch eine Form des Widerstands ist für ein Land, dessen soziale wie kulturelle ­Identität bedroht ist. 

Auch die bewegten Lebensbiografien der Senioren, Einwohner der Residenz am Dom, sind nicht täglich zu hören. »EchoTrace« ist eine ungewöhnliche Installation zum Eintauchen und stellt die Frage, wie wir alle mit Trauer und Erinnerung umgehen. Mit VR-Brille begegnet man Avataren, man kann Interviews lauschen — oder auch echten Menschen, mit denen man sich real berühren kann: als »Einladung zur Verbundenheit«, kündigt das Kollektiv Portrait Me ihre Arbeit an (16.–17.5., Residenz am Dom). 

Kreative Grenzen überschreiten kann man viele beim Sommerblut-Festival, aber auch ganz real nie betretene Orte erkunden. Etwa den umkämpften Kalkberg: Einst ein monströs gescheitertes, Chemie-verseuchtes Hubschrauber-Landeplatz-Projekt. Der aber ein guter Freizeitpark sein könnte. Im Stück »Kalkpark 3001« führen Regisseur Frederik Werth und das kopróchoma kollektiv vor, wie gut der Lost Place als utopisches Urlaubsresort geeignet ist: In einem Audiowalk wird er zu einer performativen Insel der Entspannung und Lebensqualität, zugleich hören wir von seiner wechselvollen Geschichte (17.–19.5.).

Reisen mit dem Festival kann man auch zum riesenhaften Strukturprojekt »Rheinisches Revier« nach »Bürgewald«, der Ort, der vom Energiekonzertn RWE vor kurzem fast abgebaggert worden wäre: Auf einer Bustour in ­Kooperation mit dem Theater Aachen blickt The Birds Republic aus der Vogelperspektive auf unsere seltsame Menschheit. Sind Großprojekte überhaupt noch sinnvoll? Auf dem großen Rundgang, der — wie auch die anderen Festival-Veranstaltungen — barrierefrei gestaltet wird, kann man manche Grenzerweiterung erleben, trifft auf Wissenschaftler, Dorf-Besiedler, Musiker — und ganz neue Perspektiven.

Und dann löst sich das große Wort »Solidarität« gegen Ende besonders ein, wenn das Schauspiel Köln seine Depot-Hallen für ein Wochenende zur Verfügung stellt: Etwa mit dem spektakulären Tanzgastspiel »Dzuda« aus Maputo (22.5.) oder der gefeierten Arbeit »Work Body« von Michael Turinsky (24.5.) — eine der prägendsten Stimmen der Disability-Arts-Szene. Aber natürlich wird beim Festival auch selbst getanzt, diskutiert und demonstriert, etwa auf dem Punkkonzert der Band Grenzkontrolle, bei der legendären »Mad Pride« oder im Live-­Podcast »Im Aufzug« des Aktivisten Raúl Krauthausen. Allen Bedrohungen zum Trotz: Die Lebendigkeit ist diesem tollen Kölner Festival nicht so schnell auszutreiben.

Sommerblut-Festival
13.–24.5.
Programm: sommerblut.de

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