Empathische Bilder

Das 43. Internationale Frauen Film Fest Dortmund + Köln vermittelt die Vielfalt des female gaze

Verschwimmende Farbspuren zeichnen undeutlich ein vollbesetztes Schlauchboot auf dem ­offenen Meer, die Schwimmwesten der Menschen ziehen fahrige Fährten durchs Bild. Es sind Geflüchtete, bald werden sie an Bord des Seenotrettungsschiffs »Humanity 1« gelangen. Unter ihnen eine Hochschwangere und eine Frau mit einem zwei Wochen alten Baby.

Kamerafrau Sophia Fenn bleibt an Deck und filmt, wie die fast 200 Menschen das Boot erklimmen. Kurzfristige Erleichterung, medizinische Notversorgung, Hebamme Ann-Kathrin untersucht vorsichtig die Frauen und das Baby. Im dichten Gedränge sucht Fenn respektvollen Abstand und stellt trotzdem Nähe her. Später findet sie für das Erleben der Frauen auf dem Boot kunstvoll kadrierte Bilder in einem Studio. Für ihre Leistung als Kamerafrau des Dokumentarfilms »Where the Waves Took Her« der Regisseurin Jana Stallein erhält sie einen der beiden Preise, die im »Female Gaze«-Wettbewerb für Bildgestalter*innen des Internationalen Frauen Film Fest (IFFF) dieses Jahr in Köln vergeben werden.

Wie verschiebt sich unsere Wahr­nehmung der Welt, wenn wir durch die Augen von Frauen auf sie blicken? 

Wie verschiebt sich unsere Wahrnehmung der Welt, wenn wir durch die Augen von Frauen auf sie blicken? Das IFFF präsentiert weibliche Blicke, die sich auf neue Themen mit unterrepräsentierten Protagonist*innen richten. In vier Wettbewerben und verschiedenen thematischen Reihen und Specials zeigt eines der ältesten Frauenfilmfestivals der Welt das aufstrebende Filmschaffen von Frauen und FLINTA. Der mit 10.000 Euro für die Gewinner*in dotierte Internationale Spielfilm-Wettbewerb vereint acht Debüts und zweite Spielfilme, darunter sind fünf Deutschlandpremieren. Der »ECFA Short Film Award« geht an einen europäischen Kurzfilm aus dem Filmprogramm für Kinder und Jugendliche. Mit dem Nachwuchspreis »Shoot« ehrt die Kunsthochschule für Medien Köln eine Absolventin der Hochschule mit einer herausragenden künstlerischen Vision. Dieses Jahr geht der Preis an Lenia Friedrich für ihren Kurzfilm »So ist das Leben und nicht anders«, einem animierten Dokumentarfilm, der den Alterungsprozess erkundet.

Der female gaze bietet eine Alternative zum männlichen Blick-Regime, das die Filmhistorie geprägt hat. Letzteres ist nicht zuletzt ein Machtinstrument in einer patriachalen, kapitalistischen und nicht selten rassistischen Dominanzordnung. Unter dem female gaze wiederum kann im besten Fall eine unhierarchische, kollektive Erzählweise gefunden werden für Themen und Ästhetiken, die unter dem male gaze kaum Beachtung finden. So hat Kamerafrau Sophia Fenn beim Dreh von »Where the Waves Took Her« auch eine Kamera an die Regisseurin Jana Stallein gegeben, sie ließ sie die fast abstrakten Bilder auf hoher See filmen.

Die »Female Gaze«-Preisträgerin in der Sektion Spielfilm ist Kamerafrau Lisa Jilg, die für »Vena« der Regisseurin Chiara Fleischhacker eine starke eigene Ästhetik gefunden hat. In dem sensiblen Sozialdrama um eine drogensüchtige Schwangere bleibt sie ganz nahe bei der Hauptfigur Jenny, fährt die Haut entlang, zeigt ein Tattoo, immer ganz beiläufig füllt sie den Bildraum der Handkamera. Das alles zeigt sie mit großer Ruhe, gibt dem Gefilmten etwas Träumerisches — Lisa Jilg macht empathische Bilder. 

Für eine Vertiefung dessen, was »weiblicher Blick« bedeuten könnte, gibt es auf dem IFFF das Werkstattgespräch mit einer Legende unter den Kamerafrauen. Die an der KHM als Professorin tätige Sophie Maintigneux wird dieses Jahr in einem Werkstattgespräch geehrt. Die 1961 geborene Französin hat ihre Karriere 1986 als Kamerafrau bei Éric Rohmers »Das grüne Leuchten« begonnen. Es folgten rund 70 Filme, darunter Erica von Moellers »Fräulein Stinnes fährt um die Welt« und zuletzt Doris Metz’ Dokumentarfilm »Petra Kelly — Act Now!«. Maintigneux hat seit 2009 selbst die Werkstattgespräche beim IFFF in Köln geführt.

Im Gespräch mit Wegbegleiterinnen, darunter die Regisseurin Erica von Moeller und die WDR-Fernsehredakteurin Sabine Rollberg, rückt Maintigneux nun selbst als Bildgestalterin in den Fokus.

Mi 22.–So 26.4., div. Orte
frauenfilmfest.com

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