Herr Sorrentino, in früheren Filmen wie »Il Divo« und »Loro« standen korrupte Politiker im Mittelpunkt. In »La grazia« dagegen erscheint der fiktive italienische Präsident, gespielt von Toni Servillo, wie das moralische Idealbild. Ist Ihnen der Zynismus abhandengekommen?
Ich wollte zeigen, wie ich mir Politiker eigentlich vorstelle: als Menschen, für die Politik beinahe eine religiöse Berufung ist. Entscheidungen müssen aus Zweifel entstehen, nicht aus Gewissheit. Alles ist Verantwortung, alles verlangt Aufmerksamkeit. Leider gibt es solche Politiker kaum noch. Die Mächtigen unserer Zeit sind voller Gewissheiten. Und wie Cioran sagte: Nur wer nichts wirklich durchdrungen hat, kann sich seiner Sache völlig sicher sein. Es ist sehr selten geworden, Politik als moralische Verpflichtung zu begreifen.
Woran liegt das?
Weil unsere Gesellschaft egozentrischer und individualistischer geworden ist. Politiker sind ein Spiegel der Gesellschaft.
Dennoch sind in Ihrem Film fast alle Figuren reflektiert, gebildet, nachdenklich ...
Der Film spielt im Quirinalspalast, dem Sitz des Präsidenten. Ich hatte die Gelegenheit, den früheren Präsidenten Giorgio Napolitano kennenzulernen sowie viele seiner Mitarbeiter. Diese Menschen spiegeln die Werte des Präsidenten wider: Bildung, Verantwortung, Ernsthaftigkeit. Natürlich gibt es auch im Film Verbrechen und Gewalt. Aber insgesamt wollte ich diese besondere Welt zeigen, die der Würde dieses Amtes entspricht.
Ihr Film berührt auch das Thema Sterbehilfe, ohne daraus ein eindeutiges politisches Statement zu machen.
Mich interessierte vor allem, wie unterschiedlich einzelne Generationen damit umgehen. Meine Generation und die meines Protagonisten glauben, dass Verletzlichkeit Schwäche bedeutet, die man mit Stärke und Macht überspielen muss. Die Jüngeren, verkörpert durch die Tochter des Präsidenten, hingegen sehen darin etwas, das geschützt und respektiert werden sollte. Deshalb entscheidet er sich schließlich, ihre Position einzunehmen. Das entspricht auch meiner persönlichen Haltung.
Ihr Film hat einen eigenen Ton: melancholisch, aber auch humorvoll. Wie entsteht diese Balance?
Ich bin mit der Commedia all’italiana aufgewachsen — einem Kino, das Drama und Ironie, Melancholie und Leichtigkeit verbindet. Vielleicht habe ich von diesen Filmen gelernt, Gegensätze nicht zu trennen, sondern zusammenzudenken.
Es ist sehr selten geworden, Politik als moralische Verpflichtung zu begreifenPaolo Sorrentino
Auch den Soundtrack, vor allem elektronische Stücke und HipHop, setzen Sie oft als Kontrast ein.
Manchmal wähle ich die Musik sehr früh, und dann entstehen die Bilder aus der Musik heraus. In anderen Fällen kommt sie erst später dazu. Die Szene mit dem portugiesischen Präsidenten, der sich in Zeitlupe auf dem roten Teppich durch den Regensturm kämpft, war ursprünglich nur mit Wind und Wetter geplant — erst später habe ich mich für die elektronische Musik entschieden.
Insgesamt aber wirkt »La grazia« stiller, intimer als viele Ihrer früheren Filme, weniger opernhaft.
Das stimmt. Meine letzten drei Filme sind persönlicher, sentimentaler, emotionaler. Früher habe ich Filme gemacht, weil ich das Kino liebe, ich wollte den Filmen und Regisseuren huldigen, die ich bewundere. Inzwischen schaue ich weniger Filme, stelle mir mehr Fragen über mein Leben. Also erzähle ich Geschichten, die näher an mir selbst sind.
Ihr Protagonist muss am Ende eine jahrzehntelange Eifersucht loslassen. Warum war dieses private Motiv für eine öffentliche Figur so wichtig?
Weil seine Krise mit Verzweiflung zu tun hat. Er muss über einen Menschen urteilen, der aus Verzweiflung getötet hat. Er muss über Sterbehilfe entscheiden, der oft letzte Ausweg verzweifelter Menschen. Zugleich muss er seine eigene Obsession begraben. Ich wollte einen Mann zeigen, der in eine Ecke gedrängt wird und einen Weg hinausfinden muss. Erst indem er seine Eifersucht loslässt, kann er die Entscheidungen treffen, die von ihm verlangt werden.






