Minimale Geschichten, so lautet die Genrebezeichnung von Annette Pehnts »Einen Vulkan besteigen«, und dieses Etikett trifft die Prosa darin und verfehlt sie zugleich. Denn die knappen Erzählungen entfalten in kürzester Erzählzeit glaubwürdig wendige, teils maximale Dramaturgien. In »Training« etwa führt ein einigermaßen enthusiastischer Lauftrainingseinstieg samt Funktionskleidungskauf über eine schamvolle Begegnung mit dem eigenen Hausarzt zur Einsicht vor dem Spiegel, dass der eigene Sport zu viel zu tun haben könnte mit Selbstoptimierung. Annette Pehnts Kurzprosa bringt die Affekte in Wallung, wie in »Mit Pinguinen«, mit deren Protagonistin gemeinsam man immer passiv-aggressiver gegen die toxischen gesellschaftlichen Erwartungen an Schwangere wird. Und sie skizziert komplex verschobene Konstellationen zwischen den Generationen. Eine Mutter spielt in »Weiße Landschaft« wieder mit der Eisenbahn ihrer inzwischen ausgezogenen Kinder. Die beiden jungen Schwestern aus »Rehe spielen« ertragen die Eltern in Hauptsatzlakonie, versprechen sich gegenseitig, »nicht zu heulen. / Nicht, wenn Mama und Papa schreien. / Nicht, wenn Mama kotzt. / Oder wenn sie blass am Tisch sitzt und schweigt. / Sie riecht säuerlich. / Wir gehen dann ins Zimmer und legen uns Rücken an Rücken.«
Dass allerdings manche erwachsene Ich-Erzählerinnen klingen wie Kinder und alle Erzählstimmen weitgehend unisono, ist möglicherweise nicht beabsichtigt. Sprachlich verfährt diese Prosa höchst simpel, semantisch und im Wortschatz reduziert, auf jeden Punkt folgt ein Zeilenumbruch. Das höchste der syntaktischen Gefühle sind Konditionalnebensätze. »Wenn Lili sich anzieht, müssen die Kleider bereitliegen.« Oder spiegelt das Buch bloß selektive literaturkritische und Lesegewohnheiten? »Einen Vulkan besteigen« folgt dem Regelwerk der »Leichten Sprache«, konzipiert für Menschen mit geringer Sprachkompetenz. »Was geschieht mit der Sprache«, fragt Pehnt in ihrer Nachbemerkung, »wenn ich sie so konsequent entschlacke, dass keine Füllwörter, keine verschachtelten Sätze, keine Abschweifungen, keine elaborierten Metaphern mehr Platz haben?«
In manchen Texten, so antwortet ihr Buch, werden mittels der Sprachenverschlankung die Protagonistinnen zu plastischen, wahrhaftigen Figuren macht. In anderen erfährt die Sprache Tonfälle, die mit dem Erfahrungshorizont der Figuren kollidieren.
Annette Pehnt: »Einen Vulkan besteigen«, Piper, 288 Seiten, 24 Euro






