Erschütterungen des Alltags

Das allererste und das allerneueste Abenteuer von Lewis Trondheims ­Comic-Reihe »Herr Hase« sind jetzt auf deutsch erschienen

»Ich will, dass wir zusammenbleiben«. Das sind die letzten Worte, die Nadia von ihrem Freund Herr Hase hört, nachdem sie sich wegen eines dummen Missverständnisses getrennt haben. Gerade ist sie in ihre Wohnung zurückgekehrt und hört den Anrufbeantworter ab. Aber Hase ist schon tot.Das letzte Panel des zehnten Bands der Reihe »Die erstaunlichen Abenteuer von Herrn Hase« treibt einem die Tränen in die Augen. Hier läuft die ins Unermessliche gesteigerte Dramatik in einem finalen Moment zusammen, der so viele Fragen an das Leben stellt — und an die Liebe.
 

Schöpfer der »Herr Hase«-­Reihe ist der französische Comiczeichner Lewis Trondheim. Anfang der 90er Jahre veränderte er mit Kollegen rund um den Kleinverlag L’Association die französische Comiclandschaft nachhaltig. Sie brachten neue Themen und Zeichenstile ein. Seitdem hat Trondheim über 200 Comics realisiert, als Zeichner oder Autor, häufig auch, wie bei der Reihe um Herrn Hase, in Personalunion. Hier verbindet er Humor mit Tragik, Realismus mit Fantastik, Grobschlächtigkeiten mit philosophischen und gesellschaftspolitischen Einlassungen. Die Reihe erzählt vom Großstadtleben einer Clique, darunter der gutmütige, aber sorgenvolle Bedenkenträger Herr Hase, der alles ernst nimmt, und sein Freund Richard, ein kindischer, draufgängerischer Kater, der nichts ernst nimmt.
 

Für Komplettisten ist gerade der über 500-seitige Urknall der Serie »Herr Hase und die patagonischen Karotten« erschienen. Trondheim hat sich damit 1992 im Rahmen des strengen Seitenaufbaus von 4x3 Panels munter improvisierend von einer erzählerischen Volte zur nächsten (eine Inhaltsangabe ist weder sinnvoll noch möglich) das Zeichnen beigebracht. Mit »Mehltau« folgte 1994 ein opulentes Mantel-und-Degen-Abenteuer, bevor die eigentliche Heftreihe startete, die in »Wie das Leben so spielt« mit Herrn Hases Tod endete. 
 

Genre-Experimente mit Western, Schauerroman, viktorianischer Liebesgeschichte, aber auch Spirou & Fantasio- und Asterix-Adaptionen sind fantasievolle Ausfallschritte innerhalb der Reihe. Der Grundton aus kumpelhaftem Unsinn, existentiellen Diskussionen und schicksalshaften Wendungen durchzieht den Alltag der leicht neurotischen Freunde. In diesen brechen mitunter Monster, Übersinnliches und anderer Irrsinn ein, um die große Sinnfrage in dieser allzu menschlichen Tierwelt zu stellen. 
 

Meine Aufgabe als Autor ist es doch, ­meinen Lesern eine gute Zeit zu bereiten — ohne sie für dumm zu verkaufen
Lewis Trondheim

Der Tod von Herr Hase war die größte Zäsur. Es dauerte gut zehn Jahre, bis Trondheim die Reihe in einer Parallelwelt als »Die neuen Abenteuer von Herrn Hase« auferstehen ließ. Seitdem gibt es neben den inhaltlichen auch Experimente mit dem Format, darunter Comics komplett ohne Worte. 
 

Zusammen mit den Spin-Offs (»… ohne Herrn Hase«) sind es bereits 25 Bände, fast alle koloriert von Trondheims Ehefrau Brigitte Findakly. Alleine in diesem Jahr sind bei seinem deutschen Verlag Reprodukt drei neue Bände erschienen: neben dem genannten Frühwerk ein kleinformatiges ­Leporello von 3,50 Meter Gesamtlänge, das sehr anschaulich zeigt, wie das Fantastische bei Trondheim in die Realität einbricht und sie erschüttert.
 

Der Band »Der verfluchte Hut« vereint dann wieder alle Themen dieser Serie in einem dramaturgisch dichten, pointenreichen Heft, aus dem andere Zeichner drei gemacht hätten: das Leben, der Tod, Freundschaft und Liebe, Sinnliches und Übersinnliches, Philosophie und Quatsch. Zum Beispiel ein friedliches Grillen von Juden, Arabern und Bikern. Mit dabei auch ein Unglücksvogel, eine unsichtbare Wand und die alles vernichtende Finsternis. Doch bei all dem polyphonen Irrsinn mit seinen narrativen Brüchen hat Trondheim eine klare Agenda: »Das Leben ist nun mal nicht leicht, und meine Aufgabe als Autor ist es doch, meinen Lesern eine gute Zeit zu bereiten — ohne sie für dumm zu verkaufen«, sagt er im Interview mit seinem französischen Verlag Dargaud. »Der verfluchte Hut« ist der Startschuss für einen neuen Zyklus unter dem Titel »Die unmöglichen Abenteuer von Herrn Hase«. Als wäre in Trondheims Universum bislang alles mit rechten Dingen zugegangen ... 

Lewis Trondheim: »Herr Hase und die patagonischen Karotten«, Reprodukt 512 Seiten, 39 Euro; »Die unmöglichen Abenteuer von Herrn Hase: Der verfluchte Hut.«, Reprodukt, 48 Seiten, 13 Euro
 

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