Erziehung zur Kälte

Ute Wegmann beschreibt das Erbe der NS-Mentalität im Leben von drei Frauen in Köln

»In Kriegszeiten gehörte zum Gute-Mutter-Sein, die Kinder nicht zu verhätscheln. Die Nationalsozialisten forderten Disziplin, Strenge, Ordnung, Bindungslosigkeit, Selbstständigkeit. So wurde der junge Mensch formbar im faschistischen Sinne«, reflektiert ­Ellen, 1935 geboren und Wirtschaftswundermacherin. Als 16-Jährige hilft sie den Eltern, ihre Firma aufzubauen. Sand aus der eigenen Grube in den LKW, zur Ziegelei und dann nach Köln, um die Stadt wieder aufzubauen. Ute Wegmanns Roman wechselt zwischen den Ich-Perspektiven von Ellen, ihrer Mutter Hertha und Tochter Dora, die 1960 zur Welt kommt. Mosaikartig erzählen sie nebeneinander und scheinbar unbehelligt voneinander ihre Leben zwischen 1930 und 1990. Sie reflektieren, was es heißt, Kind zu sein, begleiten das eigene und gegenseitige Älterwerden anekdotisch, denken an Ehemann / Vater / Opa Max und an das Erwachsenwerden mit, während und nach dem Krieg. 

»Ich bin das Kind von Kriegskindern«, schreibt Dora und ihr gelingt es, die Distanz und die Beiläufigkeit zu hinterfragen, mit der Mutter und Großmutter sich, einander und ihr begegnen. Nachdem sie im Unterricht den KZ-Dokumentarfilm »Nacht und Nebel« gesehen hat, fragt sie die Eltern, ob sie davon gewusst haben, von den Lagern, den Millionen Ermordeten und bekommt den Mund verboten. Sie fragt: »Wie lebt man miteinander, nebeneinander, wenn man weiß, dass der Nachbar eine jüdische Familie verraten hat?«

Nüchtern und präzise, bisweilen knapp entwirft Wegmann mit klaren Bildern eine Atmosphäre: »Nachts im Bett wurden die Füße nicht warm. Stundenlang lag man so wach, eingewickelt in Decken und dunkle Gedanken, Gedanken, die zu Max wanderten, während über den Dächern Flugzeuge dröhnten, die Richtung Köln flogen und die Stadt zerbombten.«

Max ist an der Front, später in Kriegsgefangenschaf, und den Frauen bleibt das Hoffen und das Festhalten an Arbeit: »Man betete unentwegt. Zwiegespräche mit Gott beim Suppekochen, beim Wäschebügeln, beim Fensterputzen.« 

So wird Doras Frage, warum sie als Kind immer allein spielen musste und keine Wärme zwischen den Frauen in ihrer Familie fühlt, nach und nach beantwortet. Ohne Durchhaltesätze wie »So weh kann das nicht getan haben« oder »Jetzt reiß dich mal zusammen!« hätten Hertha und Ellen ihren Alltag ganz anders bewältigen müssen. »Arbeiten und das Kind durch den Krieg bringen, das zählte.«

Ute Wegmann: »Alles soll sehr weiß sein«, Maro, 248 Seiten, 24 Euro

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