»Ihr müsst uns schon ein bisschen helfen«, fordert der Fernsehredakteur Raphael den Handwerker Matze und dessen Tochter Lea auf. Die Schülerin nimmt an einer Castingshow teil, deren Dramaturgie den Dreh einer Homestory erfordert, um die Kandidatin dem Fernsehpublikum nahezubringen. Nachdem die Jugendliche und ihr Vater mehrere Vorschläge der TV-Crew abgelehnt haben, sollen sie sagen, »was und wie ihr euch zeigen wollt«. Doch ihre Reaktion besteht darin, die Sache zu vertagen. Wenn der angesprochene TV-Einspieler schließlich in »Etwas ganz Besonderes« zu sehen ist, fällt daher umso mehr auf, dass dessen Zustandekommen im Film ebenso ausgespart worden ist wie die Beantwortung der Frage nach dem Input Leas und ihrer Familie.
In ihrem dritten Spielfilm beleuchtet Regisseurin Eva Trobisch, die wie bei »Alles ist gut« (2018) und »Ivo« (2024) auch das Drehbuch verfasst hat, das Entwerfen biografischer Erzählungen und kollektiver Selbstbilder. Beim Sprechen über dieses Thema bedient sie sich Fragen, die in »Etwas ganz Besonderes« fast wortgleich Matzes Schwester Kati aufwirft: »Wer schreibt diese Geschichte? Wer erzählt sie? Wem hören wir zu? Können wir entscheiden, was unsere Geschichte ist? Wer hat die Deutungshoheit?«
Kati leitet im thüringischen Greiz das Stadtmuseum und nutzt solche Fragen zur Erläuterung ihres kuratorischen Konzepts. Zudem führt sie Metaphern aus der Musik und der vor Ort einst prägenden Textilindustrie an, um zu veranschaulichen, warum sie bei der Präsentation feudaler Schlossbauten deren pragmatische Umnutzung zu DDR-Zeiten berücksichtigt: Von einem »Kanon« und von »Kontrapunkten« ist die Rede sowie davon, die historischen Gesellschaftsordnungen zu »verweben«.
Das bietet einen Referenzrahmen für die komplexe Erzählweise, die die 1983 in Berlin (Ost) geborene Filmemacherin, deren Großvater aus Greiz stammt, sehr souverän handhabt. Dabei lässt Trobisch das Nebeneinander der Stimmen von mehr als einem halben Dutzend Figuren nie konstruiert wirken. Statt die ebenso zahlreichen Erzählfäden eng zu verweben, hebt sie lose Enden hervor. Trotz der Nähe, die Adrian Campeans Handkamera stiftet, bleibt der Blick auf die Figuren dabei so äußerlich-objektiv wie der auf die Umgebung, von deren sozioökonomischem Niedergang statische Einstellungen gelegentlich atmosphärische Eindrücke vermitteln.
Die Figuren behalten ihren unaufdringlichen Reiz, weil sie im Privaten Geheimnisse und blinde Flecken haben
Die Erzählperspektive favorisiert Matze, Lea und Kati geringfügig gegenüber dem Rest des Hauptfiguren-Ensembles. Zu dem gehören außerdem Leas Mutter Rieke, die gerade mit dem Schulleiter Arthur zusammengezogen und von ihm schwanger ist; Großmutter Christel, die seit dem durch die Wende erzwungenen Berufswechsel mit Ehemann Friedrich ein zunehmend vom Bankrott bedrohtes Waldhotel betreibt; und Katis Sohn Edgar, der — was die kühnen Ellipsen von Laura Lauzemis’ Montage allenfalls mutmaßen lassen — mit einer antifaschistisch gemeinten Sabotage eine Zuspitzung des denkbar skizzenhaften Plots verantwortet haben könnte.
Alle diese Figuren behalten gerade deshalb ihren unaufdringlichen Reiz, weil sie im Privaten Geheimnisse und blinde Flecken haben. Und ganz nebenbei scheinen auch gesellschaftliche Widersprüche auf, die sich nicht zuletzt an Kulturthemen festmachen: Das beginnt mit dem (in Münchner TV-Studios eingefangenen) Castingshow-Budenzauber, der dem neoliberalen Imperativ, sich als »etwas ganz Besonderes« zu inszenieren, mediale Strahlkraft verleiht. Es setzt sich fort mit der Feigenblattfunktion von Museumsförderung in sogenannten strukturschwachen Regionen. Und es gipfelt anlässlich von Heines »Weberlied«, das Lea, Edgar und Mitschüler*innen für eine Aufführung proben, in der Frage, ob dezidiert politische Kunst jemals ihre gewünschte Wirkung entfaltet hat — oder ausgerechnet heute entfalten kann.







