Auf Deutsch konnte man lange Zeit keine Mangas von ihm lesen, Zeichnungen von Suehiro Maruo, Jahrgang 1956, waren aber schon 1989 in der westlichen Welt zu sehen. Der Jazz-Extremist John Zorn hatte die Cover seiner Band Naked City mit dessen Illustrationen verziert. Ero-guro nennt sich das Genre, in dem sich Maruo mit seinen kunstvollen, transgressiven Zeichnungen zwischen grotesker Gewalt, abgründiger Sexualität und bizarren Mutationen austobt.
Der Berliner Comicverlag Reprodukt machte 2003 einen Versuch mit dem ersten Band von »Der lachende Vampir«. Der zweite Band erschien wegen schlechter Verkaufszahlen erst 20 Jahre und einen unglaublichen Manga-Boom später. Nach diesem vampiristischen Blutrausch folgte das in einer umherziehenden Freak-Show angesiedelte »Midori — Das Kamelienmädchen«. Gegen diese beiden Geschichten muten »Die seltsame Geschichte der Panorama-Insel«, im Oktober erschienen und eher an Gothic-Literatur angelehnt, und ganz aktuell »Underground«, fast zahm an.
»Underground« ist anders als die meisten von Maruos Geschichten nicht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern während der Studentenunruhen Ende der 1960er Jahre angesiedelt: Sachiko und Migeru, der als Pflegekind in Sachikos Familie aufgewachsen ist, verschlägt es nach Tokyo. Während sich Sachiko in kleinen Theatern als Schauspielerin versucht, will Migeru Mangaka werden. Migeru schlägt sich mit Jobs durch, Sachiko steht ihrem Vermieter als Aktmodell und mehr zur Verfügung. Ein Gewaltakt reißt Sachiko und Migeru aus dem ohnehin schon fragilen Alltag.
Maruo nutzt die studentische Revolte und die Popkultur der 60er Jahre als wilden Hintergrund für sein Coming-of-Age-Drama. Auch Serienmorde mit realem Vorbild fehlen in dem Großstadttrip nicht, der zudem einen Einblick in die Underground-Mangas der 1960er Jahre gewährt und vielleicht sogar autobiografische Elemente enthält. Der feine Strich in Maruos Zeichnungen scheint stets im Widerspruch zu der brachialen Handlung zu stehen. Doch Schönheit und Grausamkeit gehen bei Maruo immer Hand in Hand. Die permanente Grenzüberschreitung knüpft an eine lange japanische Bildtradition, aber auch an die Malerei des Surrealismus oder das expressionistische Kino an. Einflüsse, die häufig als Zitate in seinen alptraumhaften Geschichten zu finden sind.
Suehiro Maruo: »Underground«, Reprodukt, 208 Seiten, 24 Euro






