»Film ist grund­sätzlich politisch«

Regisseur Faraz Shariat über sein Aufwachsen in Köln, seinen neuen Film »Staatsschutz« und den Backlash in der Kultur

Du lebst in Berlin, bist aber in Köln-Porz geboren. Wie kamst Du nach Köln? 

Meine Eltern kamen als politische Flüchtlinge aus dem Iran und hatten eine turbulente, etappenreiche Reise und ein schwieriges Ankommen. Ich kam daher mit mehreren Jahren Ab­stand zu meinen Geschwistern in Köln zur Welt. Und habe dort gelebt, bis ich 18 war.

Wie war dein Weg zur Kunst, zum Film? 

Das Schauspiel Köln war der wichtigste Ort für mich, damals noch unter der Intendanz von Karin Bayer. Da habe ich so ab 16 im Jugendclub gespielt, bei den Rheinischen Rebellen. Filmisch war die Traumathek wichtig. Da habe ich alles ausgeliehen: Ulrich-Seidel, Xavier Dolan, Andrea Arnold, Lars von Trier.
 

Köln hat Filmhochschulen, warum bist du nicht geblieben? 

Ich habe mich nach etwas anderem gesehnt. Ich wollte eigentlich Theater machen und habe dann aber in Hildesheim eine sehr theatrale Filmarbeit eingereicht. Der Kultur­campus dort bringt Leute aus ganz Deutschland zusammen, die sich mit Gender Studies oder Queer Theory beschäftigen.
 

2014 hast du dann mit gerade mal 24 deine Produktionsfirma mit dem Namen Jünglinge gegründet. Wie kam es dazu? 

Meinen Debütfilm »Futur Drei« wollte niemand produzieren. Wir haben dann mit der Firma angefangen, diesen Film umzusetzen. Wir wollen einen Perspektivwechsel, ein selbstbestimmtes Erzählen, in dem sich queere, migrantische und auch andere Figuren oder Lebensrealitä­ten nicht die ganze Zeit erklären müssen. Dann gibt es auch einen Werteaspekt: Wir glauben, dass Film, visuelle Kultur grundsätzlich politisch ist und dadurch mit einer bestimmten Verantwortung einhergeht.

Wir wollen ein selbstbestimmtes Erzählen, in dem sich queere, migrantische und auch andere Figuren oder Lebensrealitä­ten nicht die ganze Zeit erklären müssen 
Faraz Shariat
 

Wie steht Jünglinge heute da, einige Serien weiter und mit deinem zweiten Film »Staatsschutz« in den Startlöchern? 

Wir sind nicht mehr in dieser Underdog-Position. Wir konnten mit der ARD, mit großer Förderung »Schwarze Früchte« machen, eine Serie über zwei schwarze, queere beste Freunde in Hamburg, mit Lamin Leroy Gibba. Aber jetzt gibt es weltweit einen Rückschritt: Diversitätsprogramme werden abgeschafft, Förderungen werden gekürzt, der Platz für solche Per­spektiven und Positionen wird sehr viel kleiner. Dieser Rückschritt ist auf jeden Fall spürbar, auch im Austausch mit Redaktionen, Produzent*innen. Vor fünf, sechs Jahren gab es so einen Common Sense, dass man sich progressives Erzählen wünschte, jetzt gibt es wieder weniger Raum für queere Perspek­tiven; sexistische Jokes werden wieder möglicher. Und man merkt den Wunsch, nicht zu »woke« zu sein, mehr Stoffe zu entwickeln, die auch Menschen aus dem rechten Spektrum abholen — also das Gegenteil davon, Haltung zu zeigen. Das sind klare Warnsignale.

In »Staatsschutz« geht es um eine junge Staatsanwältin mit Migrationsgeschichte, die Opfer eines rechten Anschlags wird, was ihr aber zunächst niemand glauben will. Bei der filmischen Umsetzung stellst du dich in die Tradition des Gerichtsfilms …  

oder des Investigativ-Thrillers, das schlägt die Brücke zu unserer Idee vom »aktivistischem Popcorn-Kino«: Film muss auch Spaß machen. Und Genre ist da ein wichtiges Vehikel. »Staatsschutz« ruht stark im Realismus, aber je mehr unsere Protagonistin Seyo Kim Regeln brechen muss, um gegen dieses System anzutreten, das rechte Gewalt verharmlost, desto mehr wird ihre Figur mit Mitteln des Genres ausgestattet: Sie holt sich einen Waffenschein, sie kauft ein kugelsiche­res Auto, sie entwickelt diesen Superheld*innenmut. Das soll auch Hoffnung machen, Signale von Empowerment senden.

»Futur Drei« hatte als Jugendfilm auch eine große Leichtigkeit. Dahin­gegen ist »Staatsschutz« ein sehr wuchtiger Film, schon durch das brutalistische Gerichtsgebäude — das einige vielleicht als das Rathaus von Bensberg erkennen werden. 

»Futur Drei« entstand in der Zeit nach Angela Merkels »Wir schaffen das«. Es ging darum, ein hoffnungsvolles, affirmatives, poppiges Gefühl von Gemeinschaft, Zusammenhalt und gemeinsamer Zukunft zu beschreiben — trotz einer rassistischen Asylpolitik. »Staatsschutz« ist auch ein Ergebnis der Zeit, in der wir gerade leben. Die Welt ist düsterer, die Bedrohungslage unmittelbarer, rechte Gewalt ist sichtbarer geworden. Der Film sollte sich so anfühlen wie diese Gegenwart, durch Sounds, durch einen sehr destabilisierten Rhythmus.

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