Zeit anders erfahren
Kunst unter freiem Himmel öffnet neue Denkräume
In seinem wundersamen Fotobuch »Der Tod« notiert der Schriftsteller Günter Herburger nach einem Streifzug durch einen italienischen Badeort: »Strandleben verspricht Bräune, die für Gesundheit sorgen soll. Früher war es umgekehrt: Blässe verhieß Reichtum, Schutz und Burg. Wer hungerte, sah ländlich aus, gehörte kommender Verderbnis an.« Die Sonne verbrannte den Bauern die Haut; Macht und Wohlstand kamen darin zum Ausdruck, sich von den Witterungsbedingungen unabhängig gemacht zu haben.
Wenn wir auf den folgenden Seiten Kunst-orte vorstellen, die zum Ausflug einladen, die Kunst entweder unter freiem Himmel präsentieren oder eingebettet in eine Parklandschaft, die zum Flanieren vor oder nach der Ausstellung reizt, dann ist das durchaus ambivalent. Denn zum Kunstgenuss gehört immer noch die vornehme Haltung, das überlegt Distanzierte. Das muss man gar nicht mokant aufspießen: Es ist ja durchaus sinnvoll, dass man sich Zeit nimmt, um Kunstwerke zu betrachten, sie einzuordnen, sie daraufhin zu befragen, was sie für einen selbst bedeuten, warum wir auf sie so und nicht anders reagieren. Um im Bild zu bleiben: Kunst und vornehme Blässe gehören zusammen.
Nun ist aber seit »Früher« einiges ins Rutschen geraten: Bräune gilt, wenn auch längst nicht mehr ungebrochen, als Ausdruck von Luxus, eines Überflusses an freier Zeit, ja selbst von Gesundheit, was wissenschaftlich freilich längst widerlegt ist. Wer blass ist, verbringt, so mutmaßt man, seine Tage im Büro und in Fabrikhallen, kann sich womöglich gar keinen Urlaub leisten, um dort die ästhetisch so aparte Bräune zu erlangen. Analog dazu hat sich Kunst eventisiert. Mögen die Museen über sinkende Besucherzahlen klagen — Großereignisse wie Biennalen, die Documenta, Skulpturenfestivals locken immer noch ein großes Publikum. Und sie finden meistens unter freiem Himmel statt.
Dadurch aber öffnen sich für die Kunst und für unser Verhältnis zu ihr neue Räume — mag tautologisch klingen, ist es aber nicht. Denn Kunst im öffentlichen Raum, wo sie denn nicht nur der Aufhübschung öffentlicher Gebäude dient, ist in der Tat für alle da, und wer sie genauer betrachten will, muss das berücksichtigen. So gesellt sich zum öffentlichen Raum auch ein neuer Denkraum. Denn Kunst im öffentlichen Raum hat von vornherein einen anderen Bezug zum Publikum, muss, um zugänglich zu sein, um zu gelingen, alle meinen (was das Gegenteil von Populismus ist). Sonst wäre sie bloß elitär — und das fiele jetzt auch noch potentiell allen Betrachtenden auf!
Andererseits ist Kunst unter freiem Himmel in diesen Wochen der Hitzewellen kein ganz ungefährlicher Genuss. Hitze macht müde, laugt aus, lässt uns kollabieren, der Sonnenbrand schmerzt und kann böse Folgen haben. Bräune zeigt wieder »kommende Verderbnis« an. Was das für die Präsentation von Kunst heißt, was das für die Kunst selbst bedeutet — extreme Hitze kann auch für Skulpturen, die bislang witterungsbeständig galten, gefährlich werden —, werden wir in den nächsten Jahren noch verstärkt erfahren.
Bis dahin gilt: »Die prompten Gespräche über das Wetter, die auch zwischen völlig fremden Menschen problemlos in Gang kommen und die wohl zu jeder Zeit Konversationen angestoßen haben, sind heute insbesondere der Versuch, sich der natürlichen Basis der Zeiterfahrung neben und unterhalb der verordneten Zeit (der Zeit der Fabrik, der Schule, des Fernsehprogramms etc.) zu vergewissern.« Das notierte einst die Essayistin Barbara Sichtermann. Hieraus lässt sich eine Analogie zwischen Kunst und Wetter gewinnen. Denn gerade die Auseinandersetzung mit Kunst kann die »Zeiterfahrung neben und unterhalb der verordneten Zeit« fördern. Kunst passt nicht in den geordneten Ablauf des Betriebsamen, sie fordert ein anderes Zeitverständnis, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Dieses andere Zeitverständnis hilft uns auch im Alltag. Es fördert unsere Aufmerksamkeit und Sensibilität. Und schärft in weiterer Konsequenz unser Nachdenken über das Wetter.
Felix Klopotek
Maschinenpoesie im Wald
Skulpturenpark Waldfrieden
Mit »Emotion in Motion« widmet der Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden der 2024 verstorbenen Künstlerin Rebecca Horn in diesem Sommer eine Sonderschau. In kaum einer deutschen Stadt wird wohl die Verschränkung von Natur und Industrie so anschaulich wie in dieser. Die Industrialisierung folgte hier dem Lauf der Wupper, während bewaldete Höhenzüge die Stadt bis heute umschließen und eine Landschaft hervorbringen, in der technische und natürliche Prozesse aufeinandertreffen. Horns Arbeiten treten somit in einen Kontext, der ihre Auseinandersetzung mit fließenden Übergängen zwischen Natur, Mensch und Technik auf besondere Weise aufnimmt. Geflügelte Objekte, Steine und metallene Grashalme fügen sich in ihren motorengesteuerten Arbeiten zu einer Choreografie, in der diese Verflechtungen ebenso sinnlich erfahrbar werden wie ihre Fragilität.
Neben dem ikonischen Konzertflügel mit den ausfahrenden Tasten, der kopfüber von der Decke hängt, sind weitere großformatige Installationen und kinetische Kunstwerke in den drei Ausstellungshallen und der Villa Waldfrieden zu sehen. Mit anmutiger Lebendigkeit führt ihre Maschinenpoesie auch vor Augen, wie Kunst sich selbst im Spannungsfeld von Bewegung und Wirkung reflektiert. Die großformatigen Installationen und kinetischen Kunstwerke präsentieren sich dabei in reicher Umgebung.
Initiiert von dem Bildhauer Tony Cragg erstreckt sich das Ausstellungsgelände mit wachsender Skulpturensammlung inmitten der ausgreifenden Parklandschaft und bildet einen Resonanzraum, in dem sich die Arbeiten auf eindrucksvolle Weise mit der charakteristischen Topografie und Atmosphäre des Ortes verbinden. Auf nach Wuppertal!
Julia MartelSkulpturenpark Waldfrieden, Hirschstr. 12, 42285 Wuppertal, Laufende Ausstellung bis 30.8., Di–So 11–18 Uhr
Eigenartige Pracht
Der Malkasten in Düsseldorf
Es geht immer noch enger und voller. Wem die Kölner Innenstadt zu stickig vorkommt, der war schon länger nicht in Düsseldorf. Auch die Landeshauptstadt hat ihre monströsen Baustellen, auch dort will man alle urbanen Fortbewegungsarten — Tram, Radfahren, Autoverkehr, Fußgänger — irgendwie gleichberechtigt auf die Straße bringen. Was nicht gelingen kann. Grünflächen sind selbstredend Mangelware. Aber wenn man auf sie stößt, entfalten sie eine Pracht, die die unseres linksrheinischen Stadtgartens, sorry, deutlich übertrifft.
Gemeint sind die Hofgarten-Anlagen, begrenzt werden sie im Westen durch den Ehrenhof, also durch den Kunstpalast, und im Osten durch den Malkasten, der sogar in seinem eigenen Park liegt.
Der Malkasten ist der Sitz des Düsseldorfer Künstlervereins, der sich 1848 zur Unterstützung der bürgerlichen Revolution in deutschen Landen konstituierte. Seine stolze Geschichte wäre 1990 beendet worden, damals sollte der sachlich elegante Nachkriegsbau, in dem der Malkasten residiert, einem neoliberalen Bürogebäude weichen. Das mobilisierte Künstlerszene wie Stadtgesellschaft und führte zur Rettung der Anlage. Der Nachkriegsbau, das »Hentrichhaus« (benannt nach seinem Architekten Helmut Hentrich, der nebenan auch das weltberühmte Dreischeibenhaus entworfen hat) wurde behutsam renoviert, der Park neu gestaltet — er beheimatet heute ein Gästehaus und einen weiteren Ausstellungsraum — und vor allem: Das Programm wurde verjüngt.
Von diesem Schwung profitiert der Malkasten bis heute. Die Ausstellungen sind radikal zeitgenössisch — und sie nutzen jeden Raum, jeden Winkel, den der Malkasten bietet: vom Vorplatz (aktuell: Installation von Tayyib Seb), über diverse Schaukästen (Juri Masss) und Vitrinen (Nadine Karl und Majo Caporaletti), die Rotunde im Hentrichhaus (Michael Sauer und Katja Stuke & Oliver Sieber), bis zu den eigentlichen Ausstellungsräumen (Izvor Pende, »Way of Thinking«).
Die Künstler:innen sind häufig Düsseldorf durch ihre Ausbildung an der dortigen Kunstakademie verpflichtet, arbeiten aber mittlerweile international. Die Verwurzelung des Malkastens sowohl im Rheinland wie zugleich in der weiten Welt wird unterstrichen. Im Sommer laden Künstler zum Eintritt freien »Zeichnen im Park«, um gemeinsam zu zeichnen und sich über Kunst auszutauschen (und nein, das ist kein VHS-Kurs!). In Köln gibt es so einen Ort nicht, aber der Weg nach Düsseldorf ist nicht weit und Ressentiments zwischen den beiden Kunstmetropolen werden eh nur noch im Karneval gepflegt.
Felix KlopotekMalkasten, Jacobistraße 6a, 40211 Düsseldorf, malkasten.org
Geheimnisvoller Nebel
Landesgartenschau Neuss
Wenn die Straßenbahn 709 von Düsseldorf nach Neuss über den glitzernden Rhein rollt, ist es nicht mehr weit bis zur Landesgartenschau: Gleich hinter dem Halt »Stadtpark Neuss« liegt der Osteingang der LAGA, wo sich ein Blütenmeer in bunt bepflanzten Ausstellungsgärten entfaltet. Rosen und Dahlien wachsen in den auf der ehemaligen Galopprennbahn angelegten Beeten, in denen sich zudem zahlreiche Kräuter und Wildblumen finden. Diese Arrangements sind gelungen, schön anzusehen und treten in Kontakt mit ihrem Umfeld — wie zum Beispiel die Ringelblumen mit einer in der Ferne sichtbaren, gelben Industriehalle. Zarte Klatschmohnblüten säumen eine Basketballspielfläche. Die Situation wirkt im Sommerlicht fast so, als läge gleich dahinter das Meer.
Sehr gelungen sind die Kunstwerke, die für die LAGA entstanden sind. Hayato Mizutanis Pavilloninstallation aus sanft im Wind wehenden Tüchern ist eine Insel der Ruhe im Norden des Parks. Hannah Schneiders Nebelskulptur bringt an warmen Tagen die ersehnte Frische, denn sie hüllt das historische Totalisator-Gebäude der alten Rennbahn in einen leichten Nebel, der sich kühl auf die Haut legt. Die Arbeit findet sich nahe dem Westeingang und ist damit von der Innenstadt und vom Neusser Hauptbahnhof gut erreichbar. Ein zwei Kilometer langer Spaziergang zum Rhein führt zu einer 30 Meter hohen Installation von Christian Odzuck: ein bepflanzter Stahlgerüstturm, in dem die Idee der Hängenden Gärten anklingt (auf unserem Cover zu sehen).
Die RP-Seeterrasse lädt mit Liegestühlen und Bistrotischen dazu ein, den Spaziergang bei einem erfrischenden Getränk unterm Sonnenschirm und mit Blick auf den See des Neusser Stadtparks ausklingen zu lassen, der nach der LAGA in erweiterter Form als »Grünes Herz« der Stadt erhalten bleibt.
Christina IrrgangLandesgartenschau Neuss, Haupteingang Ost: Langemarckstraße 1, 41460 Neuss. Bis 11.10., täglich 7–22 Uhr
Kunst mit Dehnungs-E
Museum Wilhelm Morgner mit Raum Schroth
Soest war im Mittelalter eine der bedeutendsten Hansestädte Europas. Die kleinen Gassen und Plätze in der pittoresken Altstadt stammen noch aus dieser Zeit, genauso wie die mit Soester Grünsandstein gebauten Kirchen, die neben den zahlreichen Fachwerkhäusern und einem barocken Rathaus das Stadtbild prägen. Auf der Wallanlage der ehemaligen Stadtbefestigung kann man heute spazieren gehen.
Zu den über 600 denkmalgeschützten Bauten in dieser Stadt gehört auch das 1962 entstandene Gebäude des Museum Wilhelm Morgner, das gerade das zehnjährige Jubiläum seiner Sanierung und Wiedereröffnung feiert. Dem Werk des in Soest geborenen Expressionisten ist darin ein eigener Saal eingerichtet.
Zum Jubiläum blickt das Haus mit drei ineinandergreifenden Ausstellungen auf die jüngere Soester Kunstgeschichte. 1969 hatte die Stadt den Wilhelm-Morgner-Preis erstmals für »experimentelle Kunst« ausgeschrieben — und einen Skandal ausgelöst, der bundesweit Aufmerksamkeit erlangte. Die aktuelle Ausstellung »EXPERIMENT ’69« vermittelt das Kunstereignis mit einigen prägnanten Werken und dokumentarischem Material. Das »Bildrückseitenbild«, das auf der Vorderseite der Leinwand das fotografische Abbild ihrer Rückseite zeigt, hatte der vor Kurzem verstorbene Timm Ulrichs eingereicht. Blinky Palermo ist mit einem »Blauen Dreieck« vertreten, Hans Haacke mit dem »Selbstportrait eines deutschen Künstlers in New York«, und Joachim Bandau mit einer ebenso attraktiven wie provokanten »Gummikanone«.
Die Aufregung galt damals dem Werk der Preisträgerin Renate Weh. Die Künstlerin hatte zwei Holzleitern »eingesiebt«, wofür sie mit Quarz und Kalk vermischten Sand durch ein Sieb über die auf dem Boden liegenden Objekte rieseln ließ. Ihre von der Alltagswelt ausgehenden, auf Veränderlichkeit zielenden plastischen Konzepte fanden seit den späten 1960er Jahren Beachtung. Um 1970 war Weh in diversen Gruppenausstellungen neben bekannten Künstlern wie Joseph Beuys, Gilbert & George oder Wolf Vostell zu sehen. Mit ihren als Aktion vorgeführten oder in Fotografien festgehaltenen »Einsiebungen«, den textilen »Einkleidungen« eines Menschen und den »Eintauchungen« von Gegenständen in Wachs wurde sie zu Einzelausstellungen ins Museum Folkwang eingeladen. Mitte der 1970er Jahre zog sie sich aus der Kunstwelt zurück und ihr erstaunliches Werk geriet in Vergessenheit. Nun widmet das Museum Wilhelm Morgner der 1938 geborenen Künstlerin unter dem Titel »WELCOME BACK!« eine Retrospektive, die man nicht verpassen sollte.
Auf den experimentellen Charakter der Videokunst bezieht sich die Ausstellung »I’M CALLING« mit eindrucksvollen Videos von Ulrike Rosenbach bis zu Marianna Simnett oder Louisa Clement. Im Raum Schroth sind überdies noch neue Werke von Ignacio Uriarte zu sehen. Zum Ausklang empfehlen sich die Lokale auf dem einladenden Marktplatz. Soest ist unbedingt eine Reise wert.
Dagmar BehrLandesgartenschau Neuss, Haupteingang Ost: Langemarckstraße 1,41460 Neuss. Bis 11.10., täglich 7–22 Uhr
Wenn der Tulpenbaum ruft
Schloss Dyck
Der Niederrhein ist eine absolut undramatische Landschaft, die zur Gestaltung auffordert. Meistens wird das industriell verstanden: Feld reiht sich an Feld, ein modernder Landwirtschaftsbetrieb an den nächsten, symmetrisch durchschnitten von Land- und Bundesstraßen. Aber es gibt auch Oasen der humanen Gestaltung — eine haben wir bereits vorgestellt, die die Kulturlandschaft Hombroich. Die andere folgt hier: Das Schloss Dyck in Jüchen, westlich von Neuss gelegen, gilt unter den zahllosen Wasserschlössern im Rheinland als eines der schönsten, und das liegt wesentlich an der großzügigen, liebevoll gestalteten Gartenanlage, die ebenfalls eine Landesgartenschau beheimatete. Die Ursprünge der Gartenanlage reichen 200 Jahre zurück, seitdem wurde sie immer wieder modernisiert — da wurde eine englische Gartenanlage angelegt oder ein von Hanns-Dieter Hüsch, dem spektakulären Poeten des unspektakulären Niederrheins, gestalteter (Klein-)Garten realisiert.
Die Kunsträume im Schloss greifen die Gartenkunst in den aktuellen Ausstellungen auf. Die stehen nämlich allesamt unter dem Motto der Landschaftskunst und vor allem der Naturfotografie. Die heimische Gartenkunst spiegelt sich wider in dokumentarischen Bildern und künstlerischen Positionen aus der weiten Welt. Die aktuelle Ausstellung zeigt »Mittsommer Gärten«, Schwedens Gärten im nicht enden wollenden Licht des Midsommars. Wie hier menschliche Gestaltung, die somnambule Stimmung ab drei Uhr morgens und eine Natur, die auf dem Sprung ist, unserer (An-)Ordnung zu entfliehen, im Wechselspiel zueinander stehen, fasziniert. Was ist Naturschauspiel, was surreale Inszenierung? Die Grenzen verschwimmen.
Danach brechen wir selbst im Wachtraum zu den seltenen Bäumen im Schlosspark auf: zum Riesenmammutbaum, dem Tulpenbaum. der Echten Sumpfzypresse oder der Rieseneibe.
Felix KlopotekSchloss Dyck, 41363 Jüchen, Di–Fr 14–18 Uhr, Sa/So/Feiertage 12–18 Uhr, Tagesticket 12,50 Euro
»GARTENFOKUS — Mittsommer Gärten«. Bis 18.10.
Zwischen Mosel und Rhein
Ludwig Museum Koblenz
Am Deutschen Eck gelegen und nahe dem Zusammenfließen von Rhein und Mosel findet sich ein von den regionalen und internationalen Besucher*innen oft übersehenes Museum. Das geschichtsträchtige Deutschherrenhaus, dessen ursprünglicher Gebäudekomplex auf das 12. Jahrhundert zurückgeht, beherbergt heute das Ludwig Museum Koblenz — mit Kunstwerken aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Wie auch das Kölner Pendant geht es auf das Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig zurück, die Institutionen weltweit mit ihren Schenkungen unterstützten. Peter Ludwig wurde in Koblenz geboren und wählte die historische Architektur für das 1992 eröffnete Museum. Der Sammlungsschwerpunkt »Französische Kunst nach 1945« ist im Gegensatz zum Kölner Schwesternmuseum, das insbesondere aufgrund der Werke der US-amerikanischen Pop Art bekannt ist, außergewöhnlich. Künstlerische Entwicklungen der europäischen Nachkriegszeit lassen sich mit Arbeiten von Jean Dubuffet, Pierre Soulages oder den Nouveaux Réalistes nachverfolgen. Die künstlerische Ausrichtung und fundierte Aufarbeitung der Kunst des französischen Nachbarn stellt eine Seltenheit in deutschen Museen dar.
Die Sammlung, die reichlich 300 Kunstwerke aus fast allen Bewegungen und Epochen, u.a. die Figuration libre, umfasst, wird regelmäßig in einen neuen Zusammenhang gesetzt. Ergänzt wird dies durch fünf Wechselausstellungen, die sowohl international bekannte als auch junge künstlerische Positionen zeigen. Aktuell ist die indische Künstlerin Surdashan Shetty zu sehen.
Sabrina Meyer-TeschLudwig Museum Koblenz, Esther-Bejarano-Straße 1, 56068 Koblenz, Di–Sa 10:30–17 Uhr, So 11–18 Uhr
Zwischen Schnecke und Labyrinth
Museum Insel Hombroich
In Hombroich steht und fällt alles mit dem Verständnis dafür, was einen dort seit genau 40 Jahren erwartet: Das Museum Insel Hombroich (nicht Museumsinsel, wie es fälschlicherweise rezipiert wird) ist eine dezent gezähmte Auenparkanlage, die von elf Architekturen bevölkert wird. Diese begehbaren Skulpturen sind nach Entwürfen des Bildhauers Erwin Heerich gebaut worden und besitzen auch leer — wie derzeit beim Turm und beim sog. Zwölf-Räume-Haus — einen hohen Schauwert. Dennoch sind die Highlights jene »Skulpturen«, die zugleich Ausstellungsgebäude sind — wie das »Labyrinth«. Hier finden sich Figurinen der chinesischen Tang-Dynastie neben beachtlichen Konvoluten von Hans Arp, Francis Picabia und Gotthard Graubner, der auf dem Gelände lebte und arbeitete.
Unvorstellbar dicht ist die in der »Schnecke« gezeigte grafische Sammlung, die ohne großes Getue Matisse und Rembrandt präsentiert. Man kann in der Kunst, aber auch an ihr vorbei — dann in der betörenden Natur des Areals mit seinen versteckten Skulpturen — einen ganzen Tag versinken. Um dies noch zu unterstützen und »um Kunst und Natur vor allem sinnlich erfahrbar zu machen«, verzichtet man auf künstliche Beleuchtung, sowie Werkbeschilderungen samt jeglicher Didaktik. Das ist in sich konsequent, lässt aber so manche Besucher*in mit Fragen an Werk und Inhalt allein. Dann heißt es entweder loslassen und schauen und sich selbst erschließen oder man nimmt eine der Führungen wahr, die jeden Sonntag (bis Oktober) ab 13 Uhr starten!
Wer dann noch Kräfte und Sinn für mehr hat: Der Kulturraum Hombroich bietet mit der ebenfalls imposanten Raketenstation, der Skulpturenhalle Neuss und der Langen Foundation noch weitere atemberaubende Highlights!
Lars FleischmannMuseum Insel Hombroich, Minkel 2, 41472 Neuss, täglich 10–19 Uhr, Eintritt regulär 19 Euro, Hombroich-Ticket 29 Euro (für den Kulturraum gültig; auf jeweilige Öffnungszeiten achten)
Rheinhessen Premium
Skulpturen Triennale Bingen
Die Reise zur 7. Skulpturen Triennale in Bingen am Rhein inspiriert. Über den Bahnhof »Bingen Stadt« lässt sich das Kulturufer direkt erreichen. Markiert wird es vom Alten Kran, der ehemals zur Schifffahrtslogistik diente. Nun schwingt an ihm eine feine Stoffarbeit von Nadine Schemmann: Das bemalte Leinentuch »Matronengeflüster (Erde, Wind, Wasser)« weht über den Flusswellen und lädt dazu ein, die Triennale zu erkunden, ihren Stimmen zu lauschen. Denn die von Sara Bernshausen und Lutz Driever kuratierte Freiluftschau mit dem Titel »Verbindung und Zusammenhalt« fragt: »Was hält uns zusammen, als Gesellschaft, als Einzelne, als Kollektiv?«
Und so präsentiert die Triennale Skulpturen, die in einen Dialog mit Bingens gewachsener Landschaft, Kultur und Geschichte treten, sowie Werke, die das Publikum zum Miteinandersein einlädt und das Partizipative in den Fokus rückt.
Lena Marie Emrichs Sitzinsel »Talk Of The Town« zum Beispiel, bei der man nach Einnahme eines Platzes einander ansieht, ermutigt, in ein Gespräch mit den Benachbarten zu kommen. Die Doppelschere, eine fast fünf Meter hohe Bronze von VALIE EXPORT, ist ein Hingucker und erinnert zugleich an die kurz vor Beginn der Triennale verstorbene Medienkünstlerin. Zwanzig Arbeiten entfalten sich entlang des Rheinufers, das westlich von einer kinetischen Plastik von Martine Seibert-Raken am ehemaligen Elektrizitätswerk, dem Museum am Strom, gerahmt wird, und östlich, in Hafennähe, von einer Installation von Bettina Allamoda. Diese erinnert durch gespannte Paillettenbahnen an gehisste Segel, die dort inmitten der Kirschbäume glitzern. Ergänzende partizipative Projekte begleiten die Schau, die zudem in der Basilika St. Martin und der Kapuzinerkirche St. Laurentius stattfindet.
Skulpturen Triennale Bingen, verschiedene Orte entlang des Kulturufers
Informationen unter: skulpturen-bingen.de

















