»Mit Dir / in ein anderes Blau / wir teilen einen Traum«, hat Jochen Distelmeyer 1999 im Blumfeld-Song »Tausend Tränen tief« gesungen und so deutlich gemacht, welche Spuren der Kölner Autor Rolf Dieter Brinkmann hinterlassen hat. In seinem letzten Gedichtband »Westwärts 1&2« hatte dieser geschrieben: »Wer hat gesagt, daß sowas Leben / ist? Ich gehe in ein / anderes Blau«.
Das »andere Blau« bei Brinkmann, das Distelmeyer hier zitiert, ist ein Raum jenseits der Enge des Alltags, jenseits von Zwängen und Erwartungen, eine Schnittstelle zwischen privaten und gesellschaftlichen Utopien. Ebenso wie der Blumfeld-Sänger hat Brinkmann für seine Literatur in Anspruch genommen, in der Beschreibung des Privaten auf größere gesellschaftliche Zusammenhänge zu verweisen. »Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter«, schreibt Brinkmann in der Vorbemerkung zu »Westwärts 1&2«, »der Mond geht auf, die Sonne geht auf, die Augen gehen auf, Türen gehen auf, der Mund geht auf, man spricht, man macht Zeichen«. Als das Buch im Mai 1975 erschien, war der 1940 geborene Brinkmann nicht mehr am Leben, am 23. April 1975 hatte ihn bei einer Lesereise in London ein Auto erfasst. Das Weitemachen musste nun ohne den Lyriker stattfinden, der sich nach mehrjähriger Pause gerade erst wieder zu Wort gemeldet hatte.
Rolf Dieter Brinkmann will sich selbst immer wieder seine Leidenschaft gegen das Eingefahrene beweisen
Elfriede jelinek
»Rolf Dieter Brinkmann will sich selbst immer wieder seine Leidenschaft gegen das Eingefahrene beweisen. Er will ja auch gar nicht fahren. Im Kampf um die Verwirklichung seiner Leidenschaft erhebt sich sein Werk (und kickt sofort den Stuhl hinter sich weg), das gegen jeden Sitzplatz im Gemütlichen oder auch nur Gewöhnlichen aufbegehrt«, hat Elfriede Jelinek einmal über den Autoren geschrieben, der in seiner Literatur auch die Grenze zwischen Kunst und Leben eingerissen hat. Fotos seiner Wohnung und seiner Lebenswelt finden sich neben seinen Gedichten, Essays zwischen Autobiografie und literarisch-popkulturellen Reflexionen durchziehen sein Werk. Diese Lebenswelt kann man in der 2025 anlässlich des 50. Todestages erschienen Brinkmann-Biografie von Michael Töteberg und Alexandra Vasa erkunden, das im Titel — obwohl es weniger auf das literarische Werk als vielmehr auf die biografischen Stationen abhebt — wiederum auf das Weitermachen und die Überschreitung hin zur privaten und gesellschaftlichen Utopie verweist: »Ich gehe in ein anderes Blau«.
Den jungen Rolf Dieter Brinkmann auf der Suche nach einer literarischen Form und einem Leben jenseits der gesellschaftlichen Zwänge kann man nun außerdem im ersten Band der Edition seiner Briefe kennenlernen, in dem seine Korrespondenz von 1956 bis 1959 dokumentiert ist. Die beiden Germanist:innen Markus Fauser und Annkathrin Sonder haben die Briefe, die auch erste Gedichte enthalten, sorgfältig zusammengestellt und kommentiert. Es finden sich Liebesbriefe — »ich möchte Dich ganz banal in meine Arme nehmen und Dich küssen«, schreibt er seiner Jugendfreundin Elisabeth »Lis« Piefke —, Briefe an Verleger — »Sehr geehrter Herr Suhrkamp, ich lege Ihnen in der Beilage das Ergebnis eines dreijährigen Bemühens um den lyrischen Ausdrucks vor« — sowie an Vorbilder: »Gottfried Benn! Es ist der 2. Mai. Ihr Geburtstag. Und es ist Abend. Ich sitze hier und vor mir liegt eines Ihrer Gedichte.«
Der im niedersächsischen Vechta festsitzende Jugendliche muss 1957 den Krebstod seiner Mutter verarbeiten — er tut dies vornehmlich in Gedichten —, mit Zurückweisungen in Sachen Liebe wie auch von Manuskripten umgehen, leidet unter der Enge der Kleinstadt und findet auf seiner Suche viele Worte für seinen Seelenzustand (allein die Briefe dieser wenigen Jugendjahre füllen mehrere hundert Seiten): »Kannst Du Dir vorstellen, wie ich leide? Wäre ich nie geboren! Wäre ich statt Mutter gestorben! Diese Qual! Diese Sehnsucht! Diese Verlassenheit! Diese Ärmlichkeit! Dieses übergroße Verlangen nach Geborgenheit, nach Liebe, nach Verständnis!« Liebe, Verständnis, Geborgenheit und auch Anerkennung als Schriftsteller wird er einige Jahre später in Köln finden, auf dem Weg dorthin kann man ihn nun in seinen Briefen begleiten.
Rolf Dieter Brinkmann: »Briefe –Band I: 1956 bis 1959«. Hrsg. Markus Fauser und Annkathrin Sonder. Wallstein Verlag, 562 Seiten, 34 Euro.







