In den Romanen von Anne Berest drängt das, was nicht tot und noch nicht vergangen ist, in die Gegenwart ihrer Erzählerin. In ihrem Bestseller »Die Postkarte« war es die Geschichte ihrer Mutter, die zu Neujahr eine Postkarte mit den Namen ihrer Angehörigen erhielt, die in Auschwitz ermordet wurden.
In »Vatertage« wendet sie sich nun der väterlichen Seite ihrer Erzählerin zu und bringt ihre Haltung dazu bereits auf den ersten Seiten auf den Punkt: »Ich hatte dieses Faible für die Vergangenheit und den Eindruck, zu spät geboren zu sein […]. Mir schien, als hätte alles, was zählte, alles, was es wert war, gelebt zu werden, bereits stattgefunden, vorher, ohne mich.«
Geschichte ist bereits gemacht worden, und was ihr bleibt, ist die melancholische Sehnsucht nach dem Ereignis. »Vatertage«ist klassisch erzählt, aber dabei an die Erinnerungsarbeit der Erzählerin gekettet, und spürt dem Vergangenen immer wieder stockend detektivisch und von der Gegenwart befangen nach. Die Geschichte beginnt 1909 mit dem Großvater. Verhandelt wird die Gründung der ersten Bauerngenossenschaft bis hin zur deutschen Besatzung seines kleinen bretonischen Dorfs.
Im zweiten Teil springt Berest zum Leben des Vaters und setzt im Jahr der Studentenproteste 1968 ein. Er spannt sich in Zeiten des Aufruhrs zwischen den Forderungen des Schüleraktionskomitees und den starken Protesten im Mai auf.
Der letzte Teil des Romans spielt zwischen 1981 und 2024 und widmet sich den globalpolitischen Änderungen der Zeit, aber zu einem großen Teil der Aids-Krise.
Geschrieben ist »Vatertage« in sehr kurzen, kleinschrittigen Kapiteln, die die umfassenderen Bücher nochmals unterteilen. Manchmal sind es kleine erinnernde Anekdoten, etwa aus der Kindheit der Erzählerin. Sie ist dabei mit unterschiedlichen Zugängen zu diesen Erinnerungen konfrontiert: »Ich kehre zum ersten Mal ins Haus meiner Eltern zurück. Überall schwebt dort noch der Geruch meines Vaters.« Wie in dieser Form autofiktionaler Literatur üblich, wird so die Familiengeschichte postum über Erinnerungsfetzen, Objekte und historische Kontextualisierung nach und nach fiktionalisiert. Dabei entsteht keine neue Romanform, aber ein lesenswerter Zugang zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, verhandelt an sehr detailliert beschriebenen Familienschicksalen.
Anne Berest: »Vatertage«
Berlin Verlag, 448 Seiten, 25 Euro







