Es dauert keine Viertelstunde, bis Lucy anfängt, ihr eigenes Leben umzuschreiben. Eben hat sie noch mit ihrem Mann Philip Umzugskartons geschleppt und den Sohn durch den Garten toben sehen. Dann steht die Polizei vor der Tür. Computer, Handys, Festplatten verschwinden in Beweissäcken. Auf dem Revier fällt das Wort »Kinderpornografie«. Von da an ist nichts mehr verlässlich. Kein Blick. Kein Familienvideo. Keine Erklärung. Auch keine Erinnerung.
Marie Kreutzer macht daraus keinen Krimi. Die Frage, was Philip getan hat, beantwortet der Film vergleichsweise früh. Spannender ist ohnehin, wie lange Lucy braucht, um das Bild loszuwerden, das sie sich über Jahre von ihrem Mann gemacht hat. Was war Zuneigung? Was war Gewohnheit? Was habe ich übersehen? Man sieht Léa Seydoux dabei zu, wie jeder neue Satz ihres Mannes eine frühere Szene überschreibt. Seydoux muss dafür erstaunlich wenig tun. Sie hört zu. Wartet. Denkt. Ihr Gesicht verändert sich manchmal kaum sichtbar, und doch kippt innerhalb weniger Sekunden eine ganze Gefühlslage. Laurence Rupp spielt Philip als jemanden, der große Gesten meidet. Er argumentiert. Er relativiert. Er liefert immer noch eine Erklärung hinterher. Mal war alles Recherche. Mal ging es ums Geld. Dann klingt wieder alles ganz anders. Man versteht, weshalb Lucy ihm noch zuhört. Man versteht irgendwann auch, warum sie damit aufhört.
Die zweite Erzähllinie um die Ermittlerin Elsa und ihren dementen Vater wirkt dagegen etwas aufgesetzt. Was im Haus von Lucy und Philip längst sichtbar geworden ist, hätte nicht noch einmal gespiegelt werden müssen. Jella Haase spielt das mit der ihr eigenen Klarheit, das Konstruierte bleibt trotzdem sichtbar.
Kreutzers Drehbuch existierte bereits, als gegen Florian Teichtmeister, den Hauptdarsteller ihres Historiendramas »Corsage« (2022), ermittelt wurde. Nach dessen Verurteilung wegen Besitzes von Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder bekam Kreutzers Recherche plötzlich eine persönliche Dimension. Man muss »Gentle Monster« deshalb nicht als Verarbeitung dieses Falls lesen. Ganz ausblenden lässt er sich trotzdem nicht. Der Film gewinnt dadurch keine Eindeutigkeit, wohl aber eine zusätzliche Fallhöhe.
Lucy weiß am Ende weniger über den Menschen, mit dem sie gelebt hat, als am Anfang. Sie gewinnt keine Gewissheit. Das ist das Verstörende und Ehrliche an Marie Kreutzers Film.







