Geschichten vom Beckenrand

Wie geht’s den Kölner Schwimmbädern?

Kaum ist der Sommer da, suchen die Menschen nach Abkühlung. Wo aber finden sie die in Köln? Das Baden im Rhein ist lebensgefährlich, und wer es trotzdem tut, muss seit diesem Jahr mit empfindlichen Strafen rechnen. Ein Flussbad in Rodenkirchen, wie es die FDP/KSG-Fraktion im Zuge der Olympiabewerbung gerne sähe, ist in weiter Ferne, und kostenlose Badestellen, an denen das Schwimmen — auf eigene Gefahr — erlaubt ist, gibt es gerade mal zwei in Köln, beide liegen am Fühlinger See. 

So führt der Weg meist ins Schwimmbad, am besten ins Freibad natürlich, jenem Sehnsuchtsort mit dem ­Geruch nach Chlor, Pommes und Sonnencreme, an dem Teenager den ganzen Tag die perfekte Arschbombe üben. Die Schwimmbäder haben sich gewandelt: Die Rutschen sind breiter geworden, Sprungtürme findet man seltener, und nach Chlor schnuppert man heute ­zuweilen vergebens, etwa am Lentpark, wo der Natur­badeteich eher nach Wattenmeer riecht. 

Und noch etwas hat sich geändert: immer weniger Kinder können schwimmen. Nach einer Studie der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) ist jedes fünfte Kind im Grundschulalter Nichtschwimmer, doppelt so viele wie noch im Jahr 2017. Auch in Köln waren die Grundschullehrer beim Schwimmunterricht mit so vielen Nichtschwimmern überfordert, weshalb die Stadt das Programm »Sicher schwimmen« ins Leben gerufen hat.  Selbständige Schwimmlehrkräfte unterstützen seither die Lehrer der Grund- und Förderschulen. »Wir sind immer auf der Suche nach selbständigen Schwimmlehrkräften, die sowohl die Sicher-Schwimmen-Maßnahme unterstützen als auch die Kurse der Kölnbäder durchführen«, sagt Judith Jussenhofen, Sprecherin der Kölnbäder. Dann könne man auch mehr Schwimmkurse anbieten. Den Bedarf gäbe es: Schalten die Kölnbäder ihre Kurse frei, sind sie innerhalb von Sekunden ausgebucht. 

Aber es mangelt nicht nur am Personal, sondern auch an der »Wasserfläche«, wie man es bei den Kölnbädern nennt. Vor rund fünfzehn Jahren wurden die Bäder in Nippes, Weiden und Bickendorf geschlossen, dafür baute man das Ossendorfbad und die Hallenbäder am Lentpark und Stadionbad. Zwölf Bäder betreiben die Kölnbäder GmbH, die 1998 als städtische Tochtergesellschaft gegründet wurde, doch aktuell sind nur elf geöffnet. Das Agrippabad, meistbesuchtes Bad der Stadt, wurde im Januar geschlossen, es sollte saniert werden. Seither werden die Schulen und Vereine, die bislang dort unterkamen, auf andere Bäder verteilt. Im April dann teilten die Kölnbäder mit: Die Schäden seien größer als gedacht, die Sanierung werde komplizierter und teurer, auch ein Abriss und Neubau des denkmalgeschützten Bads ist nun im Gespräch. Noch in diesem Sommer soll das Agrippabad aber vorläufig wieder öffnen. »Das Bad ist jetzt so ­instandgesetzt, dass es mehrere Jahre weiterbetrieben werden kann«, schätzt Jussenhofen. 

Es mangelt nicht nur am Personal, sondern auch an der ›Wasserfläche‹

In der Politik und Stadtverwaltung fürchtet man hohe Sanierungskosten, denn die Haushaltslage ist dramatisch. Die Stadt und der Stadtwerkekonzern, zu dem die Kölnbäder gehören, gaben Ende Mai neue Sparvorgaben aus: keine zusätzlichen Wasserflächen. Der seit langem geplante Ausbau des Beckens im Lentpark ist damit vom Tisch. Das Agrippabad soll erhalten werden — zuvor waren auch Stimmen laut geworden, man solle doch gleich komplett darauf verzichten. Am 2. Juli wird der Rat darüber entscheiden.

Doch auch, wenn das Agrippabad offen ist, fällt in Köln immer wieder der Schwimmunterricht aus. Denn der findet nicht nur in den Kölnbädern statt, sondern auch in den neun Lehrschwimmbecken, die die Stadt unterhält. Doch laut einem Sachstandsbericht von Ende Februar sind fünf von ihnen außer Betrieb, viele schon seit Jahren. Mal führt die Stadt statische Gründe an, mal heißt es, die alte Technik sei kaputt und die neue passe nicht mehr ins Gebäude. Möglicherweise brauche es hier einen neuen Betreiber, meint Oliver Seeck (SPD), Vorsitzender des Sportausschusses. »So kann es nicht weitergehen.« 

Etwas Abhilfe soll nun ein mobiler Schwimmcontainer schaffen, der in einem Turnus von rund drei Monaten von Schule zu Schule wandert. Vormittags findet im »Mobi« Schwimmunterricht statt, nachmittags können ihn Vereine nutzen, abends machen Senioren Wassergymnastik. »Es ist ein guter Notbehelf, aber kein Ersatz für echte Schwimmbäder«, sagt Seeck. Wenn schon nicht genug Schwimmbäder da sind, braucht Köln da nicht wenigstens mehr Badestellen im See? »Das geht nur guten Gewissens, wenn jedes Kölner Kind schwimmen kann«, findet Seeck. 

Doch ob Kinder nun im Container schwimmen lernen oder im Lehrbecken, ob das Agrippabad saniert oder abgerissen und mit Naturbadeteich wieder aufgebaut wird — gleich, wie die Kölner Bäderlandschaft sich noch wandelt, eins wird es immer geben: Bauchplatscher und Arschbomben. Sonst ist es kein richtiger Sommer. 
 

 

Unter Kiefern

Vor mehr als hundert Jahren gruben Arbeiter in Dünnwald mit Schaufel und ­Spaten das Waldbad aus. Sie waren im Freien Ortskartell Dünnwald organisiert, das Kölns idyllischstes Freibad noch heute betreibt 

Mitten im Kiefernwald leuchtet blau das Schwimmbecken auf. Badegäste dösen im Schatten oder schauen den Libel­len zu, die immer wieder über dem Bächlein aufkreuzen. Es ist der Mutzbach, der hier mitten über die Wiese plätschert und dem das Waldbad seine Existenz verdankt. An diesem schwülen Freitagmittag Ende Mai herrscht bestes Freibadwetter. Noch ist es ruhig, doch das wird sich ändern, sobald in den umliegenden Veedeln die Schule aus ist. »Wenn wir so ein Wetter die ganze Freibadsaison hätten, würde uns das natürlich helfen«, sagt Franz Philippi. Mit »uns« meint Philippi das Freie Ortskartell Dünnwald (FOK), ein Zusammenschluss von Vereinen, dessen Vorsitzender er ist. Das »FOK« baute 1923 das Bad und betreibt es bis heute. »Wir sind das einzige Bürgerbad Kölns«, sagt Philippi stolz. 

Philippi zeigt auf ein Foto, das neben der Kasse am Eingang hängt. Männer in Badebekleidung lassen ihre Füße ins Wasser baumeln, einige stehen bis zur Brust darin. Hinter ihnen stehen dicht gedrängt Männer im feinen Anzug, auch einige wenige Frauen und Kinder sind zu sehen. Das Bild zeigt die Eröffnung des »Strandbads Loreley« im Jahr 1923, benannt nach dem Arbeitergesangsverein im Ort. Philippi zeigt auf einen Mann in der hinteren Reihe: Peter Baum, Gründer des FOK, Gewerkschafter und sozialdemokratisches Ratsmitglied. »Er hat mit seinen Freunden, mit den Arbeitern hier in Dünnwald, das Becken gegraben und den Mutzbach aufgestaut«, berichtet Philip­pi. Im folgenden Jahr aber war das mit Reisigbündeln ausgekleidete Becken völlig verschlammt, sodass die Dünnwalder sich entschlossen, ein neues Becken zu bauen und mit Beton auszugießen. 1928 wurde das Bad zum zweiten Mal eröffnet.

Die Geschichte des Baus kann man in einem Buch des SPD-Politikers Marc Jan Eumann nachlesen, in dem er der Arbeiterbewegung in Dünnwald eine »Avantgarde-Stellung« attestiert. Sie gründete eine Freie Schule, um den oft evangelischen oder konfessionslosen Arbeiterkindern Bildung jenseits der katholischen Schulen zu bieten, sie gründete diverse Kultur- und Bildungsvereine und baute Sportstätten wie das Waldbad. Auch der spä­tere Kölner Oberbürgermeister Theo Burauen und der Minister­präsident Heinz Kühn halfen als Jungsozialisten beim Bau des Schwimmbads mit. 
1933 wurde das FOK verboten, die Hitlerjugend übernahm das Waldbad — und Peter Baum wurde 1944 im KZ Sachsenhausen ermordet. Nach ihm ist heute der Weg benannt, der zum Waldbad führt und auch zum Camping­platz, der in den 1960er Jahren hinzukam. 

Franz Philippi fuhr schon als Kind mit dem Fahrrad ins Waldbad. Damals wurde es immer noch vom Mutzbach gespeist. Entsprechend kalt sei das Wasser gewesen, sagt Philippi, und die Luft voller Insekten. »Schnakenbad« habe man es genannt. In den 1960ern dann verlegte man den Bach um das Becken herum, seitdem kommt das Wasser aus einem Brunnen. 

Philippi ist pensionierter Sportlehrer, wie all seine Vorgänger Sozialdemokrat und saß lange im Stadtrat. Es sei eine große Ehre, im Sinne von Peter Baum weiterzuarbeiten, sagt Philippi. »Man identifiziert sich schon sehr stark damit.« Aber das alles, sagt Philippi, sei auch eine große Heraus­forderung. Denn das Waldbad macht, wie alle Schwimmbäder, Verluste. Von der Stadt gibt es keine Zuschüsse. Deshalb veranstaltet das FOK seit knapp zwanzig Jahren Konzerte im Waldbad, Miljö hat im Juni gespielt, im Juli dann Druckluft. »Ohne unsere Events wären wir längst weg vom Fenster«, sagt Philippi. So stehen nun seit Jahren fest installierte Zelte und eine Bühne im Schwimmbad, die die Idylle auf die Probe stellen. 

Dann ist da noch ein Problem: das Schwimmbad muss saniert werden. Denn die Folien, die das hundert Jahre alte Betonbecken auskleiden, sind undicht, Wasser versickert im Boden. Die Kosten für eine Sanierung schätzt man auf 8,4 Mio. Euro — Geld, das die Stadt in der schlechten Haushaltslage nicht aufbringen möchte. Doch im April kam die Nachricht, dass das Waldbad Dünnwald 3,9 Mio. Euro aus der sogenannten Sport­milliarde des Bundes erhält. Den Rest soll die Stadt zuschießen, hat der Rat beschlossen. Philippi hofft, dass die Sanierung im Herbst kommenden Jahres beginnen kann. Dann soll ein Edelstahlbecken eingesetzt werden. Aber die besondere Form des Beckens, das die Arbeiter vor hundert Jahren hier ­eigenhändig ausgehoben haben, soll erhalten bleiben — es ist nicht rechteckig, sondern läuft spitz zu.  


Wir sind das einzige Bürgerbad Kölns
Franz Philippi

»Wir haben hier ja ein 50-Meter-Becken — wenn Olympia nach Köln kommt, könnte das Waldbad ein Trainingsstandort sein!«, hofft Philippi, der nun auf den Unterstand der Schwimmmeisterin zusteuert. »Steffi, wie viel Grad haben wir?«, fragt Philippi. 23 Grad, antwortet Steffi Jülicher, die heute Dienst hat. »Oh gut, das ist akzeptabel, es soll ja kein Badewasser sein«, sagt Philippi. Mit ihrer verspiegelten Sonnenbrille und dem roten Oberteil ist Jülicher eine Rettungsschwimmerin wie aus dem Bilderbuch, dabei ist sie nur durch einen Zufall an ihren Job geraten. Als Stammgast habe sie ein paar Mal im Kiosk ausgeholfen, wo irgendwann »herauskam, dass ich einen Rettungsschein habe«, erzählt sie. Schon war sie angestellt.

Jülicher ermahnt Kinder, nicht vom Beckenrand zu springen, verteilt Pflaster oder Kühlpacks bei Insekten­stichen, und wenn jemand die Nummer vom Waldbad wählt, ist sie es, die ans Telefon geht. Wie warm ist das Wasser, wie teuer der Eintritt? Ab wann gibt’s Pommes? Geduldig beantwortet Jülicher die immer gleichen Fragen. Das größte Ärgernis, sagt Jülicher, seien Jugendliche mit Unterhose unter der Badehose. »Das ist ein Trend, der inzwischen auch Mittdreißiger befällt«, sagt Jülicher. »Ich erkenne das aber auf jede Entfernung.« Wer sich weigere, auf die Unterhose zu verzichten, müsse das Bad leider verlassen. Doch von derlei Reibereien abgesehen sei es ein wunderschöner Arbeitsort, sagt Jülicher, die in Höhenhaus wohnt. »Schön ist das Vogelgezwitscher morgens, bevor der große Andrang da ist.« Und dann sind da die Stammgäste, die Rentnergruppe zum Beispiel, die immer mittwochs kommt, mit Kaffee, Kuchen und Sekt im Gepäck, den Sekt in eine Plastikflasche umgefüllt, wegen des Glasverbots. »An der Gruppe kann man nicht vorbeigehen, ohne einen Keks angeboten zu kriegen«, sagt Jülicher. Zum Abschluss sause jeder noch einmal die Rutsche herunter. »Sonst können die nicht nach Hause gehen.« 

Wenn das Wetter schön und das Freibad geöffnet ist, trifft man hier auch Armin Kuge an. Er ist 85, wohnt in Buchheim und sitzt auf seinem Campingstuhl, auf dem Schoß hält Kuge eine Tupperdose mit Radieschen und Frikadellen. »Ich war schon an allen Stränden dieser Welt: Südsee, Asien, Südamerika«, sagt Kuge. Doch mit den Fernreisen ist es nun vorbei, jetzt verbringt er seine Tage im Waldbad. Erst ein paar Bahnen schwimmen, dann Bücher lesen, Krimis, aber auch »anspruchsvolle ­Literatur«. »Hier ist es ruhig, nicht so voll, es gibt keine Schlägereien. Wenn hier mal einer Ärger macht, fliegt er sofort raus.« Kuge trifft sich hier mit anderen Stammgästen, »aber es werden weniger, viele sind verstorben«. 

»Es gibt viel zu wenig Schwimmbäder für eine Millionenstadt wie Köln«, findet Kuge. Er selber habe im Wandlitzsee schwimmen gelernt, im Norden Berlins, wo er aufgewachsen ist. Heute aber könnten viele 
Kinder gar nicht mehr schwimmen. »Das liegt an den Eltern, die gucken nur noch ins Handy, aber auch die Kinder hängen am Handy, statt ins Wasser zu gehen.« Heute aber sind viele Kinder im Wasser zu sehen, vor allem im »Erlebnisbecken«. »Nichtschwimmer­becken sagt man ja nicht mehr«, sagt Philippi. Er freut sich, dass die umliegenden Schulen zum Schwimmunter­richt ins Waldbad kommen. Das sei überhaupt das schönste an seinem Amt, meint Philippi: all die Kinder hier zu sehen. »Und die Menschen, die bei diesem Wetter aus ihrer Mietswohnung rauskommen und sich hier eine Auszeit nehmen können.« 
 

 

»Für mich gibt es nichts anderes«

Erika Offermann arbeitet im Zündorfbad an der Kasse. Kaum jemand kennt die Kölnbäder so wie sie 

Wer in Zündorf schwimmen geht, kommt an Erika Offermann nicht vorbei. Sie sitzt an der Kasse, seit 39 Jahren arbeitet sie bei den Kölnbädern, und wenn das Zündorfbad Anfang Juni seinen fünfzigsten Geburtstag feiert, mit DJ und Kinderprogramm, geht das nicht ohne sie. Doch wenige Tage vor dem Fest ist sie beunruhigt. Im Vierjahreszeitenbecken ist eine Verankerung für die Folienabdeckung kaputt, deshalb ist die Rutsche geschlossen, Verletzungsgefahr. Was aber wäre ein Familienfest im Schwimmbad ohne Rutsche? Die Handwerker sind informiert, aber ob sie auch rechtzeitig kommen werden? Offermann hat da so ihre Zweifel. 

Als man das Zündorfbad plante, war Porz noch eigenständig. Als es 1976 eröffnete, war es schon nach Köln eingemeindet, weswegen Porz heute zwei Schwimmbäder hat, ein Hallenbad in Wahn und das Kombibad an der Groov in Zündorf. Auch im Porzer Zentrum gab es ein großes Freibad, doch das wurde schon 1998 geschlossen. 

In der Kölner Bäderlandschaft kennt Erika Offermann sich aus. Angefangen hat sie im Bickendorfbad, das es heute auch nicht mehr gibt, es folgten Stationen im Höhen­bergbad und in Wahn, bis sie schließlich nach Zündorf kam. »Ich habe eine Karriere hingelegt bei den Kölnbädern, die sonst keiner gemacht hat«, sagt sie. Zunächst als Badehelferin und Ersatzkassiererin, wie es damals hieß, später machte sie ihren Rettungsschein und dann den »Saunameister«, erzählt sie. Doch dann hatte sie »den bekloppten Motorradunfall«, seitdem sitzt sie an der Kasse.« Anfangs sei ihr das schwergefallen, sagt Offermann. Doch sie habe sich mit der Kasse arrangiert, »denn ich bin gern mit Menschen zusammen und helfe, wo ich kann«. 

Kinder bekommen von ihr das Schwimmabzeichen ausgehändigt, Kamelle zugesteckt oder landen auch mal auf ihrem Schoß. »Gestern hatte ich so einen kleinen Futzemann, der steppt einfach in die Kassenfront rein. Dem sag ich: Komm mal her, jetzt knüpfen wir deiner Mama das Geld ab, und wenn wir fertig sind, gehst du mit ihr schwimmen!« Doch es gibt auch andere Begegnungen, vor allem mit älteren Kindern, mit Jugendlichen. »Wenn die sich bei mir im Foyer nicht benehmen und das Handy so laut haben, dann gehen die eben wieder raus.« Kann man unliebsame Gäste einfach so rauswerfen? »Also bei mir geht das ganz leicht«, sagt Offermann. 

Es gebe hier auch eine »Katastrophenschule«! Ins Bistro vom Zündorfbad kämen die Schüler jetzt gar nicht mehr rein. »Beim letzten Mal haben die das Inventar vom Gastronomen zerdeppert, also da hört es dann auf.« Erika Offermann zeigt auf die große Scheibe, durch die man vom Bistro in die Schwimmhalle blicken kann, dort schwimmt gerade eine Schulklasse. Durch dieses Fenster gucken auch Eltern ihren Kindern zu, die einen Schwimmkurs der Kölnbäder machen. »Die drücken sich hier die Nasen platt, winken und lenken ihre Kinder nur vom Schwimmen ab«, sagt Offermann. 

Jetzt will Erika Offermann die Schwimmhalle zeigen, das Babybecken, den Drei-Meter-Sprungturm, die originalen Kacheln aus den 1970er Jahren in dunkelblau und grün. Donnerstags kommt die Seniorengruppe und spielt Wasserball. »Das ist eine Augenweide! Die unterhalten das ganze Bad«, erzählt sie. Es ist sehr warm in der Halle, über 30 Grad. Badegäste, die nass aus der Dusche kommen und bibbernd die Zehen ins Becken tauchen, bemerken das kaum, die Mitarbeiter aber schwitzen. In Zündorf übernehmen sie auch das Putzen. »Das erfordert Kraft, wenn man schon einen ganzen Arbeitstag in der Hitze hinter sich hat. Danach ist man wirklich platt«, sagt Offermann. »Man hat Wochenenddienst, Schichtdienst, und trotzdem: Für mich ist das ein Luxusleben.«


Sauna war mein Leben
Erika Offermann

Erika Offermann hat viele Kinder erlebt, die Angst vorm Wasser haben. Sie kann das gut verstehen, denn »ich war selbst so«. Schon ihr Vater hat bei den Bädern gearbeitet. »Wenn der sagte, wir gehen schwimmen, hatte ich Panik in den Augen.« Erst später, als sie ihren Rettungsschein machte, habe sie richtig schwimmen gelernt, bei ihrem Kollegen im Höhenbergbad. »Ich dachte immer, ich kann nicht schwimmen. Weil ich diese Angst hatte. Aber Erika konnte!« Damals, in Höhenberg, passierte Erika Offermann aber auch das schlimmste, was einem Rettungsschwimmer passieren kann. Ein Kind ist ertrunken, Offermann und ihr Kollege versuchten noch, es wiederzubeleben, aber vergebens. »Da habe ich lange dran zu knabbern gehabt. Da war ich echt am Arbeiten.« Aber damit müsse sie leben, sagt sie, denn das bringe der Beruf eben auch mit sich: enorm viel Verantwortung.

Und noch etwas müssen die Mitarbeiter im Bad im Blick haben: Gäste, die andere Gäste belästigen, denn auch das kommt immer wieder vor. Nachdem ein 13-jähriges Mädchen im Agrippabad sexuell missbraucht worden war, starteten die Kölnbäder die Kampagne »Ich sag’s«. Sie soll Kinder und Jugendliche dazu ermutigen, sich Hilfe zu holen, auch die Mitarbeiter wurden geschult. »Ich hab sämtliche Antennen für missbräuchliches Verhalten«, sagt Erika Offermann. »Wenn hier einer nur auf der Bank sitzt und den Kindern zuguckt, dann melde ich das sofort meinem Schichtleiter.« Sie habe auch schon die Polizei rufen müssen, »aber zum Glück selten«. 

Dann will Offermann noch die Sauna zeigen, denn dort hat sie am liebsten gearbeitet: »Sauna war mein Leben.« Im »Saunapark« kann man in einem Teich Kois betrachten, man kann sich unter alten Bäumen in einer Hängematte niederlassen oder in einer mongolischen Jurte. Diese sei auf den großen Wunsch des früheren Geschäftsführers der Kölnbäder hier aufgestellt worden, berichtet sie. Und dann ist da noch das »Rheinzimmer«, eingerichtet vom Betriebsleiter: ein Raum mit Kamin und Klubsesseln, dekoriert mit Stichen, Plakaten und Karten vom Rhein. 

Doch weil Sommer ist, wollen die Menschen heute lieber ins Freibad. Welcher Dienst ist beliebter, drinnen oder draußen? »Immer draußen«, sagt Offer­mann. Große Trauerweiden stehen auf der Liegewiese, die so groß ist, dass es hier nie voll wird. Gerade ist sie noch geschlossen, nach ­einem Sturm liegen überall noch Äste herum, dazwischen watscheln zwei Gänse. »Das sind unsere Nilgänse«, sagt Offermann. In der großen Weide, erzählt sie, lebten sogar Greifvögel. »Wenn man morgens von der Terrasse guckt und sieht, wie die Eltern ihren Jungen das Jagen zeigen — das ist ein Traum!« 
Im Schwimmbad, sagt Erika Offermann, erlebt man alles: das Lustige, das Schöne, aber auch das Traurige. »Ich hab lieber die lustigen Sachen, weil ich ein lustiger Mensch bin«, sagt sie. Einen anderen Job kann sie sich jedenfalls nicht vorstellen: »Für mich gibt es nichts anderes.« 
 

 

»Riecht nach Wattenmeer«

Der Lentpark ist das Vorzeigebad der Kölnbäder — doch auf zu viele Gäste ­reagiert der Naturbadeteich empfindlich 

Früh am Morgen, um halb sieben beginnt im Lentpark das Frühschwimmen. Die Luft ist noch frisch, obwohl an der angrenzenden Inneren Kanalstraße schon die Pendler zur Arbeit brausen. Viele Frühschwimmer warten schon draußen, wenn das Bad die Türen öffnet. Viel Zeit haben sie nicht: Um acht fallen hier die Schulklassen ein, um bis zum Mittag das komplette Bad in Besitz zu nehmen. »Dann geht die Lautstärke sofort hoch«, sagt Jan Schmitt, der hier Fachangestellter für Bäderbetriebe ist. 

Früher hatten im Lentpark die Kölner Haie ihre Heim­stätte, doch das 1939 erbaute Eis- und Schwimm­stadion wurde 2008 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt: eine hochmoderne, kombinierte Eis- und Schwimmanlage. Auf zwei Etagen kann man Schlittschuhlaufen, wer oben seine Runden dreht, kann dabei hinunter ins Hallenbad schauen und umgekehrt. Draußen hat man einen sogenannten Naturbadeteich angelegt, in dem das Wasser nicht mit Chlor, sondern allein mithilfe von Pflanzen gereinigt wird. 

Heute aber wird niemand darin schwimmen, denn es ist Zeit für die wöchentliche Teichpflege. Ein Mitarbeiter lässt einen Sauger zu Wasser, »den es eigentlich so für ­Naturfreibäder nicht gibt«, sagt René Voß, der Leiter des Bads. Es sind umgerüstete Hallenbadsauger, die hier durch den Teich fahren. In einer Holzhütte läuft das Wasser über verschiedene Matten und werden so gefiltert. »Da sieht man schön, was da so hängen bleibt. Es riecht immer so ein bisschen wie Wattenmeer!«

Als der Teich 2011 öffnete, war das ein Novum im Köln. Wie kam das bei den Gästen an, die sonst Kacheln und Chlorgeruch gewohnt sind? »Wenn das Wasser grün wird, denken viele Leute erstmal, es ist dreckig, was aber praktisch nicht stimmt«, sagt Voß. Das hätten die meisten inzwischen verstanden und die Menschen kämen gern hierher. »Weil der Teich eine ruhige Atmosphäre ausmacht und auch einfach mal, um was anderes zu haben.« 

Im Lentpark bekomme man »Badegewässer-Feeling«, aber in sicherer Umgebung: »Wir haben hier quasi einen kontrollierten Badesee.« Manchmal aber, wenn es lange heiß ist und viele Gäste da sind, muss der Teich auch mal außerplanmäßig schließen, denn dann kommen Wasser­lilien, Hornkraut und Wasserminze nicht hinterher mit der Wasserdesinfektion. Oder die Sprungplattform wird gesperrt, weil man unter Wasser nicht mehr viel sehen kann. »Wenn wir viele Gäste haben, die viel Nährstoff eintragen und auch viel Phosphor, dann trübt sich das Wasser, das ist teilweise sicherheitsrelevant.« Zum Nährstoffgehalt trügen aber auch Kanadagänse ihren Teil bei, so Voß. An diesem Morgen aber ist am Teich nur eine Ente zu sehen.


Es gibt so ein paar Spezialisten, die kommen täglich. Die sind dann immer auf ihrer Bahn
Jan Schmitt

Drin ziehen die Frühschwimmer weiter ihre Bahnen, der Ablauf scheint eingeübt, niemand kommt sich in die Quere. Das seien Berufstätige, die nachher weiter zur ­Arbeit eilen, Studenten, aber auch  »Rentner, die früh ins Bett gehen«, sagt Jan Schmitt. »Es gibt so ein paar ­Spezialisten, die kommen tagtäglich«, sagt Jan Schmitt, der hier die Aufsicht führt. »Die sind dann immer auf ihrer Bahn, der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier.« Auf Bahn fünf, auch Rentnerbahn genannt, geht es gemächlich zu, während die Schwimmer auf Bahn eins und zwei Gas geben. »Das teilt sich ein bisschen von selber so auf«, sagt Schmitt. Doch so eingespielt geht es nicht immer zu, Schmitt muss auch mal Streit schlichten, sogar bei den Frühschwimmern. »Da schlägt oder berührt einer versehentlich den anderen, der eine ist zu schnell, der andere zu langsam.« Manchmal frage er sich, ob er Kindergärtner sei, wenn »die Leute sich aus komplett banalen Gründen angiften«. 

Jan Schmitt behält dann die Ruhe, er mag seinen Job, vor allem, sagt er, weil er so abwechslungsreich sei. Schmitt ist 35, er hat Sportmanagement studiert. »Ich müsste jetzt nicht, ich sag mal, hier am Beckenrand stehen, ich hätte noch andere Optionen.« Früher habe er im Management eines Handballvereins gearbeitet, doch das sei ihm zu langweilig gewesen, »das war wirklich nur ­Büroarbeit«. Hier im Schwimmbad aber gebe es immer etwas zu tun, man treffe auf immer andere Gäste und ­Situationen. Außerdem geht er in seiner Pause selbst schwimmen.

»Man kann die Menschen so ein bisschen lesen«, sagt er. Richtige Unruhestifter gebe es im Lentpark aber nicht. »Die Gästeklientel ist hier sehr entspannt.« Security-Personal, das an warmen Tagen etwa schon mal ins Höhenbergbad geschickt werde, brauche es im Lentpark nicht.

Trotzdem gibt es Momente, in denen Schmitt die Fassung verliert. »Das größte Problem hier sind Eltern, die ihre Aufsichtspflicht vernachlässigen«, sagt er. Sehr oft geschehe es, dass Kinder alleine und ohne Schwimmflügel durchs Freibad irrten. »Da bin ich echt schockiert! Wenn ich ein Kind hätte, das nicht schwimmen kann, würde ich es keine Sekunde aus den Augen lassen!« 

Dann ist es viertel vor acht, und Jan Schmitt und sein Kollege bitten die letzten Schwimmer aus dem Wasser. Kurze Zeit später liegt das Wasser spiegelglatt da, ein kurzer Moment der Ruhe, bevor der Ansturm beginnt. Seit das Agrippabad im Januar zumachte, ist es hier noch voller als sonst. Viele der Schulen und Vereine, die vorher im Agrippabad waren, sind nun im Lentpark. »Es gibt Tage, da blockieren die Vereine vier Bahnen, zwanzig Leute müssen sich auf die eine Bahn quetschen, die noch frei ist. Darauf hätte ich als Gast auch keine Lust«, sagt Schmitt. Hat er einen Tipp, zu welchen Zeiten man noch entspannt schwimmen kann? »Frühschwimmen«, sagt er und lächelt. »Wenn man es schafft, so früh aufzustehen.« 

 

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