Das nepalesische Palastmassaker von 2001: ein maoistischer Anschlag aus den Reihen des Königshauses? Seit dem Erscheinen seines zweiten Romans im März ermöglicht Philip Krömer uns deutschsprachigen Leser*innen, in eine den meisten wohl unbekannte Szenerie einzutauchen. Es geht um »Kumari«, die Reinkarnation der Göttin Taleju, Instanz der vielarmigen Göttin Durga, die in Nepal sowohl von Hindus als auch von Buddhist*innen verehrt und der Allwissenheit zugeschrieben wird. Auch heute werden in Nepal Kumaris verehrt, bis die Göttin den Mädchenkörper vor der ersten Menstruationsblutung angeblich verlasse und eine nächste Kumari gefunden werden muss: Erst Ende September dieses Jahres wurde die zweijährige Aryatara Shakya zum aktuellen Sitz der Gottheit erklärt und wird seitdem im Tempel-Palast Kathmandus als solche verehrt.
Der multiperspektivische und dennoch zu großen Teilen aus Sicht der Göttin geschriebene Roman scheut nicht davor zurück, sich eine Perspektive anzueignen, die dem mittelalten in Deutschland aufgewachsenen Mann wohl eher abgeht, wie der Kumari in Krömers Roman die Achtarmigkeit. Krömer fiktionalisiert das Palastmassaker, bei dem zehn Menschen bei einem Amoklauf starben, darunter das nepalesische Königspaar und der Kronprinz Dipendra, ein Waffennarr und im Roman überzeugter Maoist. Hier erlaubt sich Krömer »literarische Freiheiten«, wie es in der Vorbemerkung des Autors heißt, aber dennoch enthalte die Geschichte »ebenso viel Wahres wie Erfundenes«.
Wenn man erste Irritationen über den Sitz der Erzählstimme hinter sich lässt, liest sich der Roman gut und kurzweilig. Eventuelle Unstimmigkeiten im Erzählton der zwölfjährigen Kindgöttin verlieren an Relevanz, wenn man das Buch wie Science Fiction liest, die schließlich auch nichts über die Zukunft aussagt, sondern vielmehr über gegenwärtige Gedanken zum Thema Morgen.
So war es sicherlich nicht Krömers Intention, uns deutschsprachigen Leser*innen das Innenleben einer nepalesischen Göttin oder das Nepal im Juni 2001 zu erklären, sondern vielmehr, eine kurzweilige Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte über Tradition, menschliches Zusammenleben und Ideologie, die wegträgt, aus den Gedanken eines Kölner Dezembers hinaus in eine Welt, in der Maos rotes Buch für radikalen Zusammenhalt sorgt und die Kindgöttin fast allwissend die Geschichte von Kronprinz Dipendra und der Rebellin Rupa Rana erzählt.
Philip Krömer: »Kumari«, Septime, 216 Seiten, 24 Euro






