Riesenhaft thronen die drei weißen Mühlenblöcke über dem Deutzer Hafen, weit sichtbar über dem Rhein, lange schon verbleicht hier der gelb aufgemalte Aurora-Sonnenstern, ein echtes Kölner Wahrzeichen der Vergangenheit. Hier wurde seit 1909 das Korn angeliefert und das fertige Aurora-Mehl verschifft. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude durch einen Bombenangriff zerstört, dann wieder aufgebaut, bis es seit einigen Jahren endgültig brachliegt.
Nun wird in der denkmalgeschützten »Auermühle« ab dem 24. April ein spektakuläres Musikspektakel stattfinden: der international aktive Kölner Musiker und Komponist Rochus Aust wird da mit 15 anderen »Soundronauten« seines Deutschen Stromorchesters das Stück »Die Dualen / Grand Jury« aufführen, führt das Publikum dabei durch die zwölf Stockwerke des gewaltigen, sonst nicht mehr zu betretenden Gebäudes. In diesem Labyrinth soll irgendwann neuer Wohnraum entstehen, doch noch sind das Gebäude und sein gigantisches Treppenhaus kahl und nicht barrierefrei. Und bieten viel Raum für akustische Experimente, die von Verlust und Bedrohung, Utopie und Resilienz handeln.
Rochus Aust, der sich auch »Medien-Performer für klangbasierte Künste« nennt, hat mit der künstlerischen Eroberung ungewöhnlicher Orte viel Erfahrung. Mit seinem »Stromorchester« hat er schon architektonische Großprojekte in über 50 Ländern bespielt — mit insgesamt elf Sinfonien. Der Abend ist aber nur ein Beispiel für die Verbindung von lokaler Szene und internationaler Ausstrahlung, die das Orbit-Festival für Neues Musiktheater zum Programm erklärt hat.
Gegründet wurde das Festival 2022 von der Regisseurin Sandra Reitmeyer und der Musikerin Christina C. Messner, nun findet die dritte Ausgabe statt. Es will die häufig so verschiedenen Sparten Musik, Theater, Literatur, Tanz und Bildende Kunst auf Augenhöhe zusammenbringen und Grenzerfahrung, Vernetzung sowie Nachwuchsförderung ermöglichen. »Es gibt in Köln so viele Künstler:innen, die im Bereich des Freien Musiktheaters arbeiten — aber vereinzelt finden sie nicht genug Aufmerksamkeit. Auch, weil nur sehr wenige Spielorte dazu eine geeignete musikalische Akustik bieten«, erzählt Sandra Reitmeyer. Für sie kann vor allem ein Festival die Ressourcen bündeln und neue Perspektiven öffnen. Orbit ist für freie Musikkünstler:innen in Köln seitdem zu einer wichtigen Plattform geworden, bespielt — neben der Auermühle — verschiedene Räume der Alten Feuerwache, das Comedia-Theater und das Musikfabrik-Studio im Mediapark. Zugleich ist es ein regelrechter Publikumsmagnet, weil Zuschauer:innen und Zuhörer:innen auf ganz neue und experimentelle Weise teilnehmen können — und sogar selbst eingreifen: »Es geht beim Festival auch darum, neue Sinne zu aktivieren und eingefahrene Seh- und Hörgewohnheiten aufzubrechen«, sagt Christina C. Messmer.
Etwa bei der Uraufführung »Becoming Resonance« von Miriam Rieck und Nicolas Berge ab dem 24. April (Comedia), einer Mischung aus Computergame und Kunst-Installation, Karaoke und Konzert. Unter VR-Brillen taucht das Publikum in eine psychedelische Klangwelt ein, zu deren Teil man buchstäblich wird. Als »echter« Avatar kann man mit seiner eigenen Stimme das Musiktheaterstück sogar verändern.
Oder der Zuschauer wird zum Dirigenten: Aus Ungarn sind Samu Gryllus und Vince Varga mit »Host_Opera« eingeladen. Die experimentelle Kammeroper erzählt eine ziemlich krasse historische Begebenheit. Im Jahr 1973 entführten die Söhne von zwei hochrangigen kommunistischen Parteimitgliedern in Budapest fünfzehn Mädchen, um selbst vor dem Regime zu fliehen. Die Sache entglitt, fünf Tage lang hielten sie die Mädchen ohne Wasser und Nahrung gefangen. Lange wurde die Geschichte in Ungarn unter den Teppich gekehrt, bis sie die ungarische Schriftstellerin Csenge Hatala hervorzog, Interviews mit Überlebenden führte und 2015 einen Dokumentarroman darüber veröffentlichte. Er erregte viel Aufsehen und wurde zur Grundlage von »Host_Opera«. Aufgeführt wird sie in der Comedia von ungarischen Sänger:innen und Kölner Musiker:innen — und dem Publikum. Denn das Besondere an diesem Abend ist, dass man vorher einen Dirigier-Workshop absolvieren kann. Mit der Methode des »Sound-Paintings«, einer vereinfachten Dirigier-Zeichensprache, kann das Publikum stellenweise nun das Stück mitgestalten, Lautstärke, Geschwindigkeit und Melodien mitbestimmen.
Es gibt in Köln so vieleKünstler:innen, die im Bereich des Freien Musiktheaters arbeiten — aber vereinzelt finden sie nicht genug AufmerksamkeitSandra Reitmeyer
Musik ist Träger von Emotionen. Gerade in Zeiten, in denen Worte vergiften, spalten, manipulieren und aufpeitschen — kann sie vielleicht auch Zukunftsträume verhandeln. Deshalb können die Zuschauer:innen dem Kölner Ensemble uBu ihre eigenen Lieblingsstücke zuschicken, in denen diese Träume am besten zum Ausdruck kommen. In ihrem Stück »Mutants in Music: Dreamteam« wird erkundet, wie sie in Musik und Tanz zusammengebracht werden können — in einer öffentlichen »Playlist of Dreams«, die immer weiter befüllt werden kann.
Klar ist natürlich auch, dass das Kölner Chaos Orchester (KCO) während des Festivals auftritt. Gegründet im Frühjahr 2025, ist es dezidiert offen für alle Menschen, unabhängig vom musikalischen Vorwissen, mit oder ohne Instrument. Neue Mitglieder sind stets willkommen — weil die Kraft des gemeinsamen Spielens universell ist und echte Musik aus der Leere, dem Offenen entsteht (25., 26.4., Alte Feuerwache, Halle).
Die große Eigenproduktion, die das Festival eröffnen wird, ist aber das Werk »Gefängnis ohne Mauern«. Inspiriert wurde es von Texten Jean Genets (1910–1986), einer der umstrittensten Schriftsteller Frankreichs — der bekanntlich auch als Landstreicher, Außenseiter, Homosexueller, Sträfling, Dieb und Rebell gelabelt ist.
Aus einer Gefängniszelle heraus begann er zu schreiben, erzählt tagebuchartig vom Gefühl der Leere, des Ausgegrenzt-Seins, erotischen Visionen zwischen Gewalt und Zärtlichkeit, Realität und Fiktion. Der junge Kölner Komponist Philipp C. Mayer, der eigentlich noch an der Musikhochschule studiert, und das renommierte Ensemble Garage verwandeln die Texte in acht »tableaux morts«, die Genets Texte und psychologische Zustände erkunden.
Spannende Ideen sind also versammelt in diesem Festival der freien Musiktheaterszene — der man nur wünschen kann, dass ihre frischen Mitmach-Ideen bei der Neubespielung der irgendwann eröffnenden Oper am Offenbachplatz eine Rolle spielen werden.
<link http: orbit.cologne _blank external-link-new-window external link in new>orbit.cologne, verschiedene Orte, 23.–26. April






