Nach gut drei Wochen voller Zeitungsartikeln, Talkshows und einer Landtagsdebatte stand der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers Mitte November vor dem Rat der Stadt Köln und erklärte: »Ich bedauere die Ereignisse zutiefst. Der Einsatz war nicht erfolgreich« und schob hinterher: »Aber davon war auch nie die Rede.«
»Hooligans gegen Salafisten«, die größte Nazi-Demonstration in Westdeutschland seit Jahren begann am Nachmittag des 26. Oktober auf dem Breslauer Platz mit dem Konzert der Hooligan-Band »Kategorie C«, bevor sie am frühen Abend mit einer Klavierversion von Helene Fischer »Atemlos« endete. Atemlos waren zu diesem Zeitpunkt aber nicht nur viele der 4800 Nazihooligans, sondern auch die anwesenden Journalisten vor dem Kommerzhotel, die Polizeisprecher Christoph Gilles sagen hörten: »Der Anmelder hat uns versichert, dass alles friedlich ablaufen wird.« Zuvor hatten die HoGeSa-Hools drei Stunden lang gemeinsam mit bundesweit bekannten Neonazis nicht nur Polizeibeamte, sondern auch Kameramänner angegriffen, am Rheinuferflohmarkt zwei Migranten gejagt und sich am Ebertplatz gegenseitig krankenhausreif geprügelt.
Mit den ersten Verlautbarungen der Polizei war das Erklärungsmuster für die kommenden Wochen vorgegeben. Die Polizei verkündete, sie habe einen Durchbruch der HoGeSa am Eigelstein verhindert. Beobachter fragten sich danach, warum die Demo überhaupt dort marschieren durfte. Die Polizei argumentierte auf der Grundlage des Versammlungsrechts, das alle Demonstrationen erst einmal grundsätzlich für alle Gruppen zulässt, solange es nicht zu Ausschreitungen kommt. »Erkenntnisse von Sicherheitsbehörden auf einen gewalttätigen, unfriedlichen Verlauf der Versammlung HoGeSa lagen nicht vor«, erklärte sie noch am Tag der Ratssitzung. Die spontanen HoGeSa-Demos in Essen und Dortmund verliefen gewaltfrei, also habe es — anders als bei der HoGeSa-Demo Mitte November in Hannover — keine juristische Grundlage für ein Verbot oder eine Verlegung gegeben. Auf Verständnis stieß die Polizei damit nicht. »Wenn man nicht mit Gewalt rechnet, warum hat man dann Wasserwerfer angefordert?«, fragt Brigitta von Bülow (Grüne), die die Demo am Breslauer Platz beobachtet hat. »Wir haben die Polizei schon im Vorfeld auf Teilnehmer aus der Nazi-Szene hingewiesen und vor Gewaltausbrüchen gewarnt«, sagt auch Klaus Lobach von der Initiative »Kein Veedel für Rassismus«, das mit der Linkspartei und dem Bündnis »Köln stellt sich quer« eine Gegendemonstration mit 1000 Teilnehmern vor dem Hauptbahnhof organisiert hatte.
Mehrfach hatten Nazi-Hools versucht, die Demo anzugreifen. »Es herrschte ziemlich viel Angst«, berichtet Lobach. »Deshalb haben wir auch gar nicht versucht, eine Blockade zu bilden. Das wäre zu gefährlich gewesen.« Hinzu kommt, dass der Großteil der Kölner Politik die Demo im Vorfeld nicht ernstgenommen hatte. FDP, SPD und CDU forderten zwar direkt am folgenden Montag eine umfassende Aufklärung der Ereignisse, die CDU später sogar den Rücktritt von Polizeipräsident Albers — aber vor dem 26. Oktober war von ihnen kein Wort des Protests zu hören. Und zwei Tage nach den Ausschreitungen stand für OB Jürgen Roters eher die Gefahr für den Sonntagstourismus im Vordergrund als ein Eintreten gegen Nazis. »Man braucht eine Erklärung« sagte er im ZDF, warum man es zugelassen habe, »diesseits und jenseits des Hauptbahnhofs« sowohl die HoGeSa-Demo als auch die Gegendemo zu veranstalten. »Es gab aus dem bürgerlichen Lager kein Interesse an einem breiten Bündnis«, sagt auch Klaus Lobach. »Außerdem war die Vorbereitungszeit sehr kurz«, erklärt er mit Blick auf die niedrige Zahl der Gegendemonstranten. »›Bei Köln stellt sich quer‹ muss man katholische Verbände und den VVN unter einen Hut bringen«, ergänzt Brigitta von Bülow. »Das ist nicht immer leicht.«
Aber auch von einer anderen Gruppe war an diesem Tag wenig zu sehen: den Ultras, die im Stadion in den vergangenen Jahren gegen Rassismus und Homophobie protestiert haben. So setzt sich bei der HoGeSa-Demo ein Trend aus den Stadien fort: Die lange fast vollständig abgetauchten Hooligans werden vielerorts wieder sichtbarer. »In den vergangenen zwei Jahrzehnten gab es durch die Ultrabewegung ja eher einen Linksruck. Zuletzt sind die Vertreter der »Alten Werte« aber wieder präsenter geworden«, sagt Martin Endemann vom Bündnis Aktiver Fußball-Fans (BAFF).
Die »Alten Werte« sind integraler Bestandteil der Hooligan-Kultur: Es geht um das Recht des Stärkeren, um autoritäres und territoriales Denken, um hegemoniale Männlichkeit. Auf die Verteidigung dieser Werte können sich Kameradschaftsnazis, AfD-Anhänger und Hooligans einigen — und letztere politisieren sich darüber. In Aachen, Duisburg oder Düsseldorf tauchten sie in den Stadien auf, um die politisch eher progressiven Ultras gewaltsam in die Schranken zu weisen. Überraschend ist das nicht. Gunter A. Pilz (Universität Hannover), so etwas wie die graue Eminenz der Fanforscher, warnte im Sportausschuss des NRW-Landtags schon vor fünf Jahren vor den Gefahren der wiedererstarkenden Hooligan-Szene. Und der Verfassungsschutz NRW schrieb 2013, dass »erhebliche Teile« der Partei »Die Rechte«, bei der der Dortmunder Nazihool Siegfried »SS-Siggi« Borchardt Mitglied ist, Kontakt zu Hooligangruppen pflegen. Sowohl Borchardt als auch sein Parteikollege Michael Brück waren bei der HoGeSa-Demo vor Ort. »Die HoGeSa sind ein Teil dieser Entwicklung«, sagt auch der Fanforscher Robert Claus.
Politik und Polizei haben HoGeSa falsch eingeschätzt — und die aktiven Fans haben sich zurückgehalten. Das BAFF kritisierte diese Haltung kurz nach den Krawallen als »Armutszeugnis«. Dem Tagesspiegel zufolge wurde eine Positionierung im Dachverband der Kölner Fanclubs zwar diskutiert, sei aber an den Bedenken einzelner Fanclubs gescheitert. Zu dieser Zurückhaltung passen die Positionierungen nach den Krawallen: das Coloniacs-Spruchband »Auch der Salafist ist ein Rassist. Gegen jeglichen Fremdenhass« ist maximal konsensfähig, ebenso die Stellungnahme des FC-Fanprojekts: »Wir sind bunt, kreativ, laut und aufmüpfig. Für das Gedankengut der HoGeSa sind wir nicht zu haben.« Der 1. FC Köln selbst hat sich nicht zu den Vorfällen geäußert. Auf Nachfrage bestätigt der Fanbeauftragte Rainer Mendel: »Nur weil die Demo in Köln stattgefunden hat, spielt das Thema in Köln keine Rolle.« Beobachter schätzen die Rolle der Kölner Fan-Szene als »nicht maßgeblich« ein. Laut Express waren zwar Mitglieder der Ultragruppe »Wilde Horde« bei der HoGeSa-Demo dabei. Die Gruppe distanzierte sich aber und auch Insider halten die Meldung für abwegig. Trotzdem sei die Zurückhaltung des Vereins keine gute Strategie, findet Fanforscher Claus. HoGeSa auf den Straßen mag ein vorübergehendes Phänomen sein, in den Stadien geht der Kampf aber weiter. »Die Vereine müssen die progressiven Gruppen stärken, überall«, sagt auch Martin Endemann vom BAFF.
Dabei hilft eine klare Positionierung — nicht gegen Stadionsicherheit oder Pyrotechnik, sondern gegen Rechtsextremismus. »Vielerorts wird wieder die Frage gestellt: ›Wird der Fußball wieder unsicherer?‹ Das geht am Thema vorbei«, sagt Fanforscher Claus. In Aachen sind neben HoGeSa-Materialien nun auch Fahnen mit der Aufschrift »Stadionverbotler haltet durch« nicht mehr erlaubt, in Leverkusen das Kürzel »ACAB« (»All Cops are Bastards«) — dezidierte Maßnahmen gegen Rechts sind das nicht. Genau die aber hatte Gunter A. Pilz schon vor fünf Jahren im Landtag angemahnt: »Vereine, die sich engagiert gegen Rassismus zur Wehr setzen, haben in ihren Stadien im Prinzip keine Probleme mehr.«
Nach der HoGeSa-Demo bleibt es also bei Allgemeinplätzen. Auch die Mitte November fast einstimmig im Rat verabschiedete Resolution macht da keine Ausnahme. »In Köln ist kein Platz für Rechtsextremismus und Rassismus«, heißt es dort. Es sei denn man überlässt ihnen diesen.






