Guter, blutroter Wein

Da fließt der Rhein langsamer: Nick Cave tritt in den Rheinauen von Bonn auf

Nick Cave, Grundgütiger! Wo soll man da nur anfangen? Der Mann ist eine der größten Ikonen der Pop- und Rockgeschichte, sein Werk umfasst ein musikalisches Spektrum, das von zerstörerisch-kakophonischem Noiserock (die ersten Alben mit The Birthday Party), über düsterem Indie-Chanson (»Murder Ballads«, inklusive des zum Welthit gewordenen ­Kylie-Minougue-Duetts »Where the Wild Roses Grow«) bis hin zu Pathos-beladenem, schwelgerischem Gospel-Blues (aktueller Stand) reicht.
 

Cave ist Mythos, Kultfigur, Junkie, Prediger, Erlöser und Intellektueller zugleich. Vielleicht ist er einer der letzten verbliebenen Rockstar-Poeten der alten Garde — und somit in einem Atemzug zu nennen mit Jim Morrison, Leonard Cohen oder Bob Dylan, der selbstverständlich auch noch am Leben ist, allerdings — trotz never ending tour — nicht mehr wirklich im Kontakt mit der Außenwelt zu ­stehen scheint. 
 

Natürlich ist Nick Cave mit seinen »gerade einmal« 68 Jahren deutlich später geboren als die zuvor Genannten und sollte formal eher in das 80er-Jahre-Fach einsortiert werden. Im Vergleich zu Zeitgenossen wie Dave Gahan (Depeche Mode) oder Robert Smith (The Cure) mit ähnlich »religiöser« Strahlkraft, die ebenfalls noch immer eine große Fangemeinde um sich scharen und auch künstlerisch noch nicht zum alten Eisen gehören, hat Cave es aber geschafft, sich in der Außenwahrnehmung von den 1980ern zu ­lösen und zu einem zeitloseren Phänomen zu werden. 
 

Auch wenn das letzte Depeche-Mode-Album in Ordnung und das letzte The-Cure-Album sogar richtig gut gewesen ist — musikalisch gepeakt haben diese Bands im letzten Jahrtausend, während Nick Cave und seine Bad Seeds mit Werken wie »Push the Sky Away« (2013) oder »Skeleton Tree« (2016) tatsächlich nochmal zu anderen Ufern aufgebrochen sind und sich dabei ganz neue Zielgruppen erschlossen haben. 
 

Die Karriere von Nick Cave — und hier ergibt der abgedroschene Vergleich mal wirklich Sinn — ist gereift wie ein guter, blutroter Wein. Und so kommt es, dass sein Status aktuell höher ist als je zuvor. Wenn der Australier auf der Bühne seine Messe zelebriert und das ­Publikum in einen melancholisch-­euphorischen Rausch versetzt, ­befinden wir uns nicht auf einem Nostalgietrip, sondern tatsächlich im Jetzt und Hier — wenn nicht ­sogar im Nirwana! 

Nick Cave & The Bad Seeds, Mo 25.8., Kunstrasen Bonn, 19 Uhr 

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