Heilender Aderlass

Mit »Bleeds«, dem neuen Album von Wednesday, wird’s organisch

Kleiner Rückblick: »Rat Saw God« von Wednesday erschien 2023  und ist schon jetzt eines der wichtigsten Alben der letzten Jahre. Weil es zwei wichtige Indie-Trends dieses Jahrzehnts aufgriff: Das weiterhin andauernde Shoegaze-Revival und das neue Interesse an alternativen Country-Ästhetiken.
Nun haben Wednesday ihr neues Album »Bleeds« (Dead Oceans/ Cargo) veröffentlicht — und tatsächlich ist es genauso großartig wie sein Vorgänger. 
 

Diese Musik ist ultraoriginell, vermischt detaillierte Südstaaten-Impressionen mit lärmigen Gitarrenwänden und transformiert vermeintlich unbedeutende Momente zu denkwürdigen Erinnerungen. Wir trafen Frontfrau Karly Hartzman zum Interview. Subtext  ist ihre Trennung von Ex-Freund Jake aka MJ Lenderman, dem auch als Solokünstler ­erfolgreichen Gitarristen von ­Wednesday. Er ist zwar auf dem Album zu hören, aber wird nicht mehr mit der Band touren … 

An welchem Zeitpunkt im Schreibprozess hast du entschieden, dass das Album »Bleeds« heißen soll?

Karly Hartzman: Ich versuche ­immer, den Titel erst festzulegen, wenn alle Aufnahmen abgeschlossen sind, weil man vorher einfach nicht weiß, welchen Ton das Ganze haben wird — bevor die komplette Band alles eingespielt hat. Aber ich mochte den Namen des ersten Songs, »Reality TV Argument Bleeds«, und dachte zuerst, das wäre ein cooler Albumtitel. Aber die Leute würden ihn sowieso zu »Bleeds« abkürzen, also dachte ich mir: Warum nennen wir es nicht gleich »Bleeds«? Denn mit dem Bandnamen zusammen würde es dann heißen: »Wednesday Bleeds« — als ob die Band selbst blutet.

Das wäre schon meine nächste Frage — ob es tatsächlich so gemeint ist: »Wednesday Bleeds«. Ist es tatsächlich das Album, auf dem Wednesday blutet? 

Ja, irgendwie schon. Aber ich würde nicht sagen, dass das unbedingt etwas Negatives ist. Es ist eher wie ein Aderlass — wie eine Blutreinigung.

Stimmst du denn zu, dass das Album eine zerbrechlichere oder sentimentalere Stimmung hat?

Ja, allein schon wegen des Kontexts. Es sollte eigentlich kein Trennungsalbum werden, aber es wurde dann irgendwie eins, weil wir es einen Monat nach meiner Trennung von Jake [aka MJ Lenderman] aufgenommen haben. Die Songs sind allerdings geschrieben worden, als wir noch zusammen waren. Aber im Kontext hat sich dann dieser Ton eingeschlichen, obwohl das nicht die Absicht war.

Gab es etwas, das du dir vor der Aufnahme des Albums vorgenommen hattest? Ein Leitmotiv, um es von den vorherigen Alben abzugrenzen?

Ich wollte die bestmögliche Version von dem einfangen, was wir auf den letzten Alben gemacht haben. Irgendwann mochte ich gerne mit anderen Sounds experimentieren, doch bevor wir uns in eine neue Richtung bewegen, wollte ich das, was wir bisher gemacht haben, wirklich perfektionieren. Ich glaube, das sind die besten Songs, die ich je geschrieben habe — und auch die besten Parts, die meine Bandmitglieder je beigesteuert haben. Es ging bei diesem Album darum, genau das zu machen, woran wir schon eine ganze Weile arbeiten.

Ich habe den Eindruck, dass die Ambivalenz in eurem Sound noch krasser geworden ist. Es gibt melancholische Country-Balladen wie »Elderberry Wine«, und dann brutale Hardcore-Songs wie »Wasp«…

Ich denke, »Wasp« ist ein guter Hinweis darauf, wohin wir als nächstes gehen wollen. Ich glaube, ich will mehr krachige, geschriene Songs machen und die Leute schon mal darauf vorbereiten. Ich weiß nicht, ob wir komplett in dieses Genre wechseln werden, aber ich will zumindest ein bisschen damit spielen — ­einfach, weil es Spaß macht. ­Vielleicht eine kleine Hardcore-EP oder so!

Hat das etwas mit dem Alternative-Country-Revival zu tun, das gerade passiert?

Nach dem Motto: Jetzt wo alle sowas machen, gehen wir woanders hin? Nein, nicht unbedingt. Ich glaube, das ist einfach ein natürlicher Entwicklungsprozess. Was ich privat höre, ändert sich ständig. Diese Country-Anspielungen werden aber immer in meinem Songwriting auftauchen, einfach weil wir schon immer da leben, wo wir halt leben. Aber nein — ich versuche, mich nicht von Trends beeinflussen zu lassen.

Es ging bei diesem Album darum, genau das zu machen, woran wir schon eine ganze Weile arbeitenKarly Hartzman

Als »Elderberry Wine« als erste Single erschien, dachten viele, dass Wednesday jetzt komplett in Richtung Alternative Country gehen würden; so wie damals bei »Bull Believer«, als viele dachten, das ganze Album »Rat Saw God« würde aus zehnminütigen Noise-Songs bestehen. War es Absicht, jeweils in eine Richtung zu deuten, die ihr dann doch nicht vollständig gegangen seid?

Wir legen uns nie auf ein Genre fest. Wir haben noch nie ein Album gemacht, bei dem alles gleich klingt. Doch bei »Elderberry Wine« war es tatsächlich eine strategische Entscheidung, ihn als ersten Song zu veröffentlichen — weil Jakes Album »Manning Fireworks« gerade durch die Decke gegangen ist. »Elderberry Wine« war der beste Song, um aus seinem Albumzyklus in unseren überzuleiten — und vielleicht Leute, die auf das countrymäßige Zeug stehen, ­reinzuholen und ihnen zu zeigen: Hey, ­vielleicht gefällt euch das Noise-Zeug ja auch!

Mein Lieblingssong auf dem Album ist »Wound Up Here (By Holdin On)«. Nimmt der Titel Bezug auf den Moment deiner Karriere, in dem du dich gerade befindest? Im Sinne von: Ich hab es so weit gebracht, weil ich das unbedingt wollte?

Daran hatte ich eigentlich gar nicht gedacht, aber das ist ein interessanter Gedanke. Und ja — irgendwie stimmt das. Ich habe nie große Erwartungen an meine Karriere gehabt. Ich wollte eigentlich keine Berufsmusikerin werden, es ist einfach so passiert. In dem Sinne sagt der Songtitel also etwas darüber aus, auch wenn das nicht die Absicht war. Ich habe den Titel eigentlich aus einem Gedichtband von meinem Freund Evan übernommen; immer wenn ich etwas von Leuten aus meiner Gegend lese, kann ich mich total mit den Bildern identifizieren. Doch der Song selbst basiert auf einer Geschichte, die mir ein Freund erzählt hat — darüber, wie er mal eine Leiche aus einem Fluss ziehen musste. Ich habe so eine Liste mit Dingen, die ich irgendwann mal in einen Song einbauen will. Und ja: Ich glaube, das ist auch mein Lieblingssong auf dem Album.

Was über euch oft erwähnt wird, ist die Menge an sehr spezifischen Details in den Lyrics. Ist das etwas, worüber du nachdenkst beim Schreiben?

Offen gesagt: Das ist einfach meine Art — ich liebe es, so zu schreiben. Ich lese gerne Texte, in denen sehr intime, spezifische Details vorkommen. Das ist einfach das, was ich bevorzuge. Ich kritzle immer in mehreren Notizbüchern gleichzeitig herum und habe, wie gesagt, so eine Liste mit Dingen, die ich in Songs packen will. Wenn ich eine Akkordfolge habe, gehe ich diese Liste durch und überlege mir, ­welche Geschichte ich mit diesem Song erzählen will. Meistens werde ich fündig.

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