Wenn der Vorhang sich öffnet, geht das Licht aus. Und es bleibt aus. 90 Minuten dauert »Vergeltung« am Schauspiel Köln, das Live-Hörspiel eines Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg, maximal drastisch inszeniert von Sebastian Baumgarten. Die Bilder entstehen in der eigenen Phantasie, ein flackernder, selbstgemachter Albtraum. »Vergeltung« ist eine Adaption des gleichnamigen, gleich brutalen Romans von Gert Ledig von 1956. Politisch ungewöhnlich klar für seine Zeit, schildert er die deutschen Gesellschaft, die da bombardiert wird, als verroht und durchdrungen von Menschenverachtung.
Die Handlung springt in schnellen, harten Schlaglichtern: Von der vergleichsweise sympathischen Besatzung eines amerikanischen Bombers in die Straßen und Luftschutzkeller der Stadt, von hungernden russischen Zwangsarbeitern zu einem Paar, das zu Hause auf den Tod wartet. Die Spieler:innen sind nur in kurzen Live-Videos zu sehen. Sie sprechen den Text im Off und Schlagzeuger Fiete Wachholtz entfesselt ebendort donnernde Explosionen. Störend ist die Sprechweise, die oft zu drängend, zu reißerisch gerät, irritierend auch das Schulenglisch und die Dialekt-Imitationen. Angesichts der detaillierten Schilderung sexualisierter Gewalt gegen eine jungen Frau stellt sich eine — wahrlich nicht neue — Grundsatzfrage. Warum reproduziert ein Männer-Regie-Team um der Drastik Willen eine Männerphantasie, noch dazu in einem bewusst und professionell hergestellten Angstraum? Im Publikum dürften nicht wenige Personen, die geschlechtsspezifische Gewalt erlebt haben, sitzen, da ist die Statistik eindeutig.
Dunkelheit und Hörspiel werden nur für Momente unterbrochen. Sechs Mal wird ein stilisierter U-Bahnhof sichtbar. Als erstes Tableau Vivant erscheint dort eine mitten im Feiern erstarrte Gruppe von »Kölner-Haie«-Fans. Sie dreht sich langsam in Richtung eines Juden und zweier Muslima am Bahnsteigende, die Bierflaschen drohend erhoben. In weiteren Bildern eskaliert eine Polizeikontrolle, werden Frauen bedrängt, Obdachlose ignoriert und sterben gelassen. Diese unheimlichen, unheimlich alltäglichen Szenen sind der stärkste Teil der Inszenierung. Sie zeigen eine Gesellschaft durchsetzt von struktureller und individueller Gewalt. Sie ziehen eine direkte Linie von der historischen Unmenschlichkeit zur heutigen.







