Frau Herzi, Ihr Film »Die jüngste Tochter« basiert auf dem gleichnamigen Roman von Fatima Daas über die Selbstfindung einer jungen lesbischen Muslima. Was hat Sie dazu bewogen, diese Geschichte zu verfilmen?
Als ich den Roman las, war ich sofort berührt. Vor allem Protagonistin Fatima hat mich getroffen: eine junge Muslima, die im echten Leben existiert, aber im Kino nicht vorkommt. Ich stellte mir die Frage: Warum? Warum gibt es keine Identifikation für die Menschen, die ihr ähneln? Mir wurde klar, dass ich diese Figur sichtbar machen wollte.
Wie haben Sie den inneren Monolog des Romans filmisch umgesetzt?
Es war schwierig, weil der Text keine klassische Form hat. Ich habe mich entschieden, Freiheiten zu nehmen, ohne die Geschichte zu verlieren. Viele Szenen im Film entsprechen denjenigen im Buch. Aber ich musste filmisch denken, nicht literarisch. Das Kino erlaubt eine Übersetzung in Bilder, und manchmal sagt ein Blick mehr als ein Satz. Deshalb gibt es viele Momente, in denen die Figur einfach existiert, ohne erklären zu müssen.
In Ihrem Film geht es um Religion, soziale Herkunft, Klasse, sexuelle Identität — Themen, die heute stark diskutiert werden. Wie verbinden Sie diese Ebenen miteinander, ohne dass eine die anderen verdrängt?
Indem ich sie nicht zu erklärten »Themen« mache. Für mich stand immer die Figur im Mittelpunkt: eine junge, muslimische, lesbische Frau, die ihren Platz sucht. Alles andere ergibt sich aus ihrem Alltag. Religion ist in meinem Film kein theoretisches Feld, sondern sichtbar in ihren Gesten — im Gebet, in den Waschungen, in ihrer Routine. Herkunft, Familie, Sexualität, das alles wird gezeigt, nicht kommentiert. Sobald wir verstanden haben, wer sie ist, braucht es keine zusätzliche Betonung. Ich vertraue darauf, dass das Publikum die Feinheiten selbst wahrnimmt.
Sie haben einige Elemente verändert, etwa dass Fatima Fußball spielt. Warum?
Weil die Realität der Darstellerin mich inspiriert hat. Nadia Melliti spielt seit ihrer Kindheit Fußball, und sie tut es mit Leidenschaft. Ich fand das unglaublich positiv, besonders für diese Figur. Als ich sicher war, dass es nicht im Widerspruch mit der Religion steht, habe ich es übernommen. Es passte zu ihr. Ich wollte ihren Körper ernst nehmen: ein athletischer Körper, wie man ihn selten im Kino sieht. Körper erzählen, und ihrer erzählt von Stärke.
Die inzwischen 23-Jährige stand für Sie erstmals vor der Kamera. Wie haben Sie mit ihr gearbeitet?
Vor allem mit Ruhe. Wir haben viel geprobt, viel geredet. Ich mag kleine Teams. Am Set sind nur die, die wirklich gebraucht werden. Ich verlasse sogar den Raum, während gedreht wird, damit nichts stört. Der Kameramann hat alle Proben gefilmt, so konnten wir gemeinsam herausfinden, wie man sie am besten filmt. Nadia ist im Leben sehr offen, liebenswürdig, überhaupt nicht so verschlossen wie die Figur. Das half, eine familiäre Atmosphäre zu schaffen.
Ich spiele beim Schreiben alle Dialoge selbst durch. Das hilft enorm. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Text sich nicht spielen lässtHafsia Herzi
Sie sind selbst Schauspielerin. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit als Regisseurin?
Ich spiele beim Schreiben alle Dialoge selbst durch. Das hilft enorm. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Text sich nicht spielen lässt. Am Set versuche ich, mit den Schauspieler*innen so zu sprechen, wie ich es mir selbst wünschen würde. Ich denke stark in Emotionen, nicht in Sätzen. Weil man nie chronologisch dreht, ist es wichtig zu wissen: Wo steht die Figur gerade genau? Was trägt sie von eben noch in sich? Diese Orientierung beruhigt viele.
Und wie verändert Ihre Regietätigkeit die Art, wie Sie selbst vor der Kamera stehen?
Ich weiß, dass jede Einstellung wichtig sein kann. Und ich verstehe die technischen Abläufe besser. Man begreift, was am Set passiert, und man will helfen, nicht blockieren. Meine Konzentration als Schauspielerin ist stärker, seit ich Regie führe.
Wie hat die Community Ihren Film in Frankreich aufgenommen?
Am meisten hat mich die Solidarität gerührt. Junge Menschen, aber auch ältere und viele verschleierte Frauen kamen zu mir und sagten: »Habt keine Angst, wir unterstützen euch.« Wir haben inzwischen fast 400.000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Das zeigt: Es gibt nicht nur Hass. Es gibt ein enormes Bedürfnis nach Anerkennung und nach Geschichten, die nicht erklären, sondern einfach existieren.






