Am Anfang ein schlichtes, sich der Verblüffung verdankendes Urteil: »Shish« war eine der großen Überraschungen des letzten Jahres. Es ist das zehnte Album von Portugal. The Man, nicht mehr, nicht weniger. Mit diesem Album schlägt die Band um Mastermind John Gourley kein weiteres musikalisches Kapitel in ihrer langen Karriere auf, positioniert sich auch inhaltlich-aktivistisch nicht neu. Es ist noch nicht mal ein Comeback-Album, das war »Chris Black Changed My Life« von 2023 — zu dem später. Aber »Shish« ist ein Spektakel, ein euphorisches, selbstironisches, reflektiertes, nerdiges, straightes, fluides, uneindeutiges, durch und durch stimmiges Album.
Richtig, diese Adjektive gehören nicht in eine Reihe, schließen sich aus. Aber wenn ein Medium existiert, die diese widersprüchlichen Eindrücke zum Schweben bringt, zum Tanz miteinander, dann ist es wohl die Musik, unter den Künsten die greifbar-ungreifbare. Man muss das so ergriffen sagen.
Portugal. The Man ist ganz gewiss nicht die einzige Band, die das kann. Das Widersprüchliche miteinander in Harmonie zu bringen und es in euphorisch-ironische Popsongs aufgehen zu lassen — das dürfte ein Anspruch sein, den heute viele Hörer an zeitgenössischen Pop haben. So verstanden weichen Portugal. The Man kaum von diesem Mainstream der Minderheiten ab. Aber ihre Subtilität, diese Präzision, der Witz noch in jedem (Sound-)Detail — das haut um.
Die Alten dürfen sagen: Das konnten sonst nur die späten Beatles. Die Jüngeren werden sagen: Das hätte aus Danger Mouse, dem einstigen Wunderkind-Produzenten der Nuller Jahre, werden können, wäre er nicht irgendwann so selbstgefällig geworden. Mit dem Studiowizzard Danger Mouse — Gnarls Barkely, Black Keys, Red Hot Chili Peppers, U2 etc — wurde die gehobene Pop-Produktion selbstreflexiv, geheimnisvoll und tief. Er hatte aber die Weltformel dann doch nicht gefunden, weswegen seine Produktionen seit mindestens zehn Jahren ziemlich »generisch« klingen — Dutzendware.
Dass wir hier zu Brian Joseph Burton, wie Danger Mouse bürgerlich heißt, abgebogen sind, hat seinen Grund: 2013 produzierte er »Evil Friends«, das siebte Album von Portugal. The Man. Mit dem Album läutete Gourley eine neue Ära seiner Band ein. Bis dahin waren sie ein Alternative-Rock-Act, deren Fame darin bestand, aus der verschrobensten aller us-amerikanischen Provinzen zu kommen, nämlich aus Alaska, genauer: aus Wasilla, einem öden 10.000- Einwohner-Nest. Sozusagen das amerikanische Island, und Island ist ja bekannt für raffiniert verspulte Pop-Entwürfe.
Portugal. The Man spielten durchaus massentauglichen Rock — und durchaus typisch für die Nuller Jahre — , aber sie waren eben hübsch extravagant, weil sie so gar keine Anbindung an eine Szene hatten, und alles ein bisschen, ein kleines bisschen anders klang. Zwischen 2006 und 2011 veröffentlichten sie sechs Alben. Um ihr Prinzip zu verstehen — entsättigte Led-Zepplin-Nummern, die ohne Männlichkeitswahn auskommen: Gourley singt fast durchgehend im zerbrechlichen Falsett —, braucht man nur ein Album (und zwar »Church Mouth« von 2007). Aber sie hatten genug Reputation angehäuft, sprich: kommerzielle Aussichten, um bei Danger Mouse Gehör zu finden. Er schmiss den Rock raus und verpasste den Stücken sein multidimensionales Sound-Design. Jede Spur transportiert einen eigenen Klang, der auf je verschiedene Momente der Pop-Historie referiert, keine Spur (außer dem Gesang) dominiert, vielmehr ergeben sie ein (zu) fein abgestimmtes Orchester der Stile und Referenzen, auf die man sich einlassen mag, die man aber auch prima beim Gemüseschnibbeln oder Abwasch hören kann.
»Evil Friends« kann man heute nicht mehr hören. Richtig interessant — und dann gleich megaerfolgreich — wurde es mit »Woodstock«, dem 2017er Album, an dem auch noch Danger Mouse mitwirkte, vor allem aber Mike D.
Mike D verstand, was Portugal. The Man sein könnten, was ihnen noch fehlt, was sie wirklich wollen. Dieses Verständnis lässt sich in einem Satz ausdrücken: Lasst sie spielen. Diese superlockere Attitüde, die eine selbstgewählte Disziplin zur Entfaltung verhilft, hatte schon Mikes frühere Band aus der Todezone des Novelty Gags zum wohl kreativsten Acts ihrer Zeit gemacht — die Beastie Boys. Alles an »Woodstock« war stimmig, weil es so lustig war: der infernalisch brennende Rolls-Royce auf dem Cover, der Auftakt mit dem auf der Woodstocker Originalbühne deklamierenden, delirierenden Richie Heavens (»Sometimes I feel like a motherless child / A long way from home, a long way from home«), den sie in einen straighten Electro-Pop-Track überführen, die Nonsens-Zeilen (»Dumb coconut / I can’t break it open«), die manipulierten Stimmen, der Stimmungsfächer der melancholischen Grundierungen. Und dann folgte in der Albumdramaturgie das Stück »Feel It Still«, mit der ihnen ein Mega-Hit gelang inkl. Grammy-Gewinn und über 400 Millionen Klicks allein auf YouTube.
Die Alten dürfen sagen: Das konnten sonst nur die späten Beatles
»Woodstock« erschien 2017 und wurde in den beiden Jahren zuvor eingespielt — kein Anti-Trump-Album. Aber auch kein Obama- oder Hillary-Clinton-Album. Schon auf »Woodstock« wurde deutlich, dass die Band sich deutlich links positioniert und über die übliche Alternative-Philantropie — Support your local Bands! Esst kein Fleisch! Kauft regional ein! — hinauszugehen bereit ist. Sie spielten für Bernie Sanders im 2020er-Wahlkampf und sind bis heute aktive Unterstützer von politischen Vereinigungen der Natives.
Nach »Woodstock« dauerte es allerdings sechs Jahre, bis ein neues Album erschien, privatistisch betitelt mit »Chris Black Changed My Life«. Kein Hit-Album, keine Knaller-Produktion, sondern überraschend zurückgenommen, sodass die Erschütterung im Inneren der immer noch sehr poppigen Stücke zu hören ist.
Denn Chris Black, DJ der Band und bester Freund von Gourley, starb ganz plötzlich. Wenig später, 2021, musste Gourley verkünden, dass sein Tochter schwer erkrankt war. Dass er weitergemacht hat und die Generallinie seines bitter-süßen Psychedelic Pop nicht verlassen hat, ist erstaunlich. Noch erstaunlicher ist, dass »Shish« so ein Triumph geworden ist, ein Album, auf dem jedes Stück anders klingt — und zwar so, als würde es jeweils ein verheißungsvolles weiteres Album einleiten. Eine Pop-Enzyklopädie in Pillenform.
Wo landen wir? Beim Staunen darüber, dass Pop noch so gelingen kann. Dass tatsächlich jemand diese alten 60er, 70er, 80er, 90er-Versprechen einlöst, für alle zu spielen und doch ganz speziell für jeden einzelnen mit seinen, mit ihren Idiosynkrasien. Und wirklich jeder fühlt sich verstanden.






