»Ich denke, der politische Kontext spielt für jede Beziehung im Leben eine große Rolle«, sagt Dana Vowinckel über ihren neuen Roman »Anton und Alma«, der soeben für den Deutschen Buchpreis nominiert worden ist. »Soziale Machtverhältnisse werden ebenso hineingetragen wie Geschlechterverhältnisse, ob bewusst oder unbewusst.«
Die 1996 in Berlin geborene Vowinckel lässt in ihrem zweiten Roman ihre Protagonisten, das junge Paar Anton und Alma, die Auswirkungen dieser politischen Kontexte auf ihre Liebesbeziehung in verschiedener Weise spüren. »Alma studiert in der ersten Generation. Sie kommt aus Ostberlin, während Anton in einer Akademikerfamilie im bürgerlichen Schöneberg aufgewachsen ist, aber als Jude natürlich andere Formen der Ausgrenzung erfährt als Alma«, erklärt die Autorin. Vowinckel teilt sich den jüdischen Familienhintergrund mit ihrem Protagonisten und macht ihn zu einem Eckpfeiler ihrer Erzählung. Auch die soziale Herkunft nutzt sie im Roman als wirkmächtigen politischen Kontext. Das wird spätestens sichtbar, als Alma statt Tiefkühlpizza, wie sie es von Abendessen ihrer Familie gewohnt ist, bei Antons Eltern Austern serviert bekommt. »Alma kippte sich die Auster in den Mund, rannte zum Waschbecken, spuckte den Glibber aus, sie sah Anton entgeistert an, sagte, ›Das esst ihr doch nur, weil es verboten ist.‹«
Täter- und Opfergeschichten, Klassenverhältnisse, Antisemitismus, Corona, der 7. Oktober — all das hätte den Roman auch überfrachten können. Doch Vowinckel gelingt es, alldies mit dem Leben der Protagonisten zu verweben
Tatsächlich spielen religiöse Verbote für Anton keine besonders große Rolle. Anders jedoch seine deutsch-amerikanisch-jüdische Identität, mit der er immer wieder gegen Mauern aus Stereotypen und offenem Antisemitismus prallt. Diese Erfahrung färbt auch auf seine Beziehung mit Alma ab. Und auch das Nachleben der Shoah ist in seine Identität eingeschrieben: »Es gab keine normalen Juden«, reflektiert Anton im Roman, »weil es keine normale Geschichte gab. Weil jeder Jude auf der Welt eine eigene, spezifische Beziehung zur Schoa hatte. Man konnte der Tatsache der Vernichtung nicht entkommen. Auch er nicht. Auch er hatte eine Beziehung zum Grauen, zum Schlimmstmöglichen.«
Alma Bormann dagegen stammt aus einer Täterfamilie, sie ist eine Ururnichte von Hitlers Trauzeuge und Privatsekretär Martin Bormann. Täter-und Opfergeschichte, Klassenverhältnisse, Antisemitismus, Philosemitismus, der Anschlag von Halle, Corona, der 7. Oktober — all das hätte den in Berlin und New York angesiedelten Roman überfrachten können. Doch glücklicherweise gelingt es Vowinckel, all dies mit dem Leben und dem Alltag ihrer Protagonisten zu verweben. So gibt sie ihnen eine gewisse Leichtigkeit, ohne die Schwere der politischen Weltlage zu relativieren.
Alma und Anton haben bereits eine gemeinsame Vergangenheit: Bei einem Schüleraustausch in der Bretagne haben sie sich kennengelernt, aus den Augen verloren und nun einige Jahre später in Berlin zufällig wiedergetroffen. Beide studieren, haben verkorkste Beziehungen hinter sich und verlieben sich ineinander. Lange Zeit scheint es, als könnten die »politischen Kontexte« ihrer Liebe nichts anhaben. Sie blicken in eine gemeinsame Zukunft, trennen sich trotzdem, Alma konvertiert zum Judentum, sie finden wieder zusammen.
Und irgendwo inmitten dieser persönlichen Lebensentscheidungen bricht der 7. Oktober mit voller Wucht in Antons Gegenwart, der zu diesem Zeitpunkt in New York studiert: »Er sah Bilder, die er nie wieder vergessen würde. Er öffnete Twitter und hörte nicht mehr auf, die Bilder zu sehen, sah sie nicht an, konsumierte sie nicht, sah sie einfach wie Albträume, gefangen in ihnen.« Anton kehrt zurück nach Berlin, versöhnt sich mit Alma, findet dort aber auch eine politische Realität vor, in der er sich als Jude zunehmend unsicherer fühlt. »Letztens sind Hebräisch sprechende Touristen bei McDonalds zusammengeschlagen worden«, erzählt er seinem Freund Ariel. Und Albträume suchen ihn heim: »Er träumte, dass sie seinen Großvater hatten, träumte, wie sie ihn köpften, schrie im Traum, schrie und schrie, wachte keuchend auf.«
Dana Vowinckels »Anton und Alma« nimmt — man ahnt es von Anfang an — trotz aller Liebe und Versöhnung kein gutes Ende. Für Anton bleibt die persönliche Erkenntnis: »Heute war gestern. Auch morgen würde noch vorgestern sein, und übermorgen vorvorgestern. Jeder Tag der siebte Oktober.«
RomanDana Vowinckel: »Anton und Alma«
Suhrkamp, 542 Seiten, 26 Euro
Lesung
Mi 14.10., Literaturhaus, 19.30 Uhr







