In hundert Jahren um die Welt

Tim Mrosek arbeitet sich in seinem neuen Stück »An der Schwelle (I was here)« an der Legende des einsamen Wanderers ab

Ein Aluminiumkoffer auf Rollen, fast so groß wie ein Mensch, ist das einzige Requisit auf der Bühne. Wie aus einer Zeitkapsel entsteigt daraus »der Bibliothekar« alias Nikos Konstantakis. Ein Reisender im Anzug, ausgebrochen aus seinem tristen Dasein als Mitarbeiter einer kleinen Bibliothek in einer niederländischen Vorstadt. Vor einiger Zeit lag dort ein Buch in der Nachtabgabe, ein zerfledderter Reiseführer, ausgeliehen vor 113 Jahren. Empört über die Verantwortungslosigkeit einer dermaßen langen Ausleihe versucht der Bibliothekar den ominösen Ausleiher mit dem Kürzel »A.« ausfindig zu machen, um die horrende Summe an Mahngebühren einzutreiben.

Ein wenig erinnert die Geschichte, geschrieben von Glen Berger und uraufgeführt 2001 als Off-Broadway-Stück in Los Angeles, an José Saramagos »Alle Namen«. Ein Angestellter eines Personenstandsregisters nimmt den Kampf gegen die Bürokratie auf und gegen all seine fast zwanghaften Gewohnheiten, um eine unbekannte Frau hinter einer Karteikarte zu finden. Genau wie Senhor José gerät auch der Bibliothekar in Glen Bergers Stück in einen Strudel, in dem die Suche nach »A.« zur Besessenheit wird und ihn von seinem eigenen Leben immer weiter forttreibt.

Als Beweis für die kleinen Erfolge seiner Suche, die ihn näher und ferner zugleich von »A.« rücken lassen, zieht Nikos Konstantakis auf der Bühne Beweisstücke aus seinem Aluminiumkoffer: Eine Herrenhose, abgegeben im Jahr 1913 in einer Londoner Wäscherei, ein Liebesbrief, geschrieben von einer jungen Frau, die dem Fremden an einem Abend begegnet sein soll, ein Kästchen aus dem Nachlass dieser Dame, gefunden auf einem Dachboden in Australien.

Begleitet wird er dabei von den ekstatischen Musikeinlagen des Cellisten Fernando Nina. Tim ­Mrosek, der bei dem Stück Regie führte, verknüpft die Suche nach »A.« mit der biblischen Geschichte des einsamen Wanderers, der nicht rasten darf und ziellos durch die Welt streift — und versetzt ihn mit politischen Verweisen auf das Geflüchtetenlager Moria in die Gegenwart: Was hinterlässt der Mensch? Wie stark ist er an einen Ort gebunden? Und wie verändert ihn das Fortgehen und Ankommen?

»An der Schwelle (I was here)«: Wegen der Corona-Maßnahmen müssen die für Ende November geplanten Vorstellungen in der Alten Feuerwache leider ausfallen. Eventuelle Nachholtermine auf: nik-kon.com

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