Seit mehr als einem Jahrzehnt sollen im Mülheimer Süden dringend benötigte Wohnungen entstehen. Doch davon ist bisher nichts zu sehen. Zugleich wächst die Sorge, dass hier doch noch gebaut wird, aber eben nicht für die Bedürfnisse von Menschen mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Philipp Haaser sprach mit dem Sozialarbeiter der AWO, Marius Henne. Er ist Sozialraumkoordinator von Mülheim Süd und Buchforst.
Herr Henne, wenn Sie von Ihrem AWO-Stadtteiltreff auf den Mülheimer Süden blicken — was sehen Sie?
Marius Henne: Ich sehe zunächst die Stegerwald-Siedlung, ein gewachsenes Quartier aus den 50er-Jahren mit knapp 5.000 Bewohner:innen, das durch eine Insellage gekennzeichnet und zu allen Seiten abgeschnitten ist. Entlang der Deutz-Mülheimer Straße ist die Situation zum Teil prekär: Wir blicken seit Jahren auf Baugruben und Ruinen, in denen der Stillstand regiert. Für die Menschen im Viertel bedeutet das eine mangelhafte Nahversorgung — es fehlt an Apotheken, Banken, Postfilialen, Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten. Gleichzeitig nehme ich sehr engagierte soziale Einrichtungen und Kulturschaffende wahr. Mein Ziel ist es, alte und neue Quartiere endlich sinnvoll miteinander zu verbinden.
Dort sollen eigentlich tausende neue Wohnungen entstehen. Sie als Sozialraumkoordinator, der Arbeitskreis Stadtentwicklung und die Stadtteilkonferenz Mülheim-Süd, die beide der Vernetzung dienen, haben in einer Stellungnahme Erwartungen formuliert. Befürchten Sie eine Gentrifizierung, die den Druck auf die bestehende Nachbarschaft erhöht?
Natürlich. 2024 wurde die seit 1996 bestehende Soziale Erhaltungssatzung in der Stegerwaldsiedlung aufgehoben. Dieser »Milieuschutz« ist wichtig in Stadtquartieren mit niedrigeren Einkommen. Im Mülheimer Norden war das zu beobachten, als das ehemalige Güterbahnhofgelände bebaut wurde. Die Menschen im Stadtteil befürchten durch einen Zuzug besser gestellter Milieus Wohnraum zu verlieren — gleichzeitig werden Zugezogene in Mülheim auch vielfach geschätzt als Ideengeber:innen mit Engagement für ihr Umfeld. Wir brauchen im Mülheimer Süden aber keine »Raumschiff-Landungen« vor Ort — also Investoren, die ihre Quartiere ohne Rücksicht auf die Umgebung platzieren, ohne dass eine Durchmischung stattfindet. Bezahlbares Wohnen ist keine Zusatzfrage, sondern die Voraussetzung dafür, dass Stadtentwicklung nicht zu Verdrängung führt.
Wir benötigen Soziokulturelle Zentren, Begegnungsorte für migrantische Communities, Seniorenangebote und Flächen für die offene Kinder- und Jugendarbeit
Marius Henne
Sie fordern eine »gemeinwohlorientierte Quartiersentwicklung«. Was bedeutet das konkret, auch jenseits von Quoten für sozialen Wohnraum?
Es darf nicht nur um Neubauten, Dichte und Bodenwerte gehen. Die Frage ist: Für wen entsteht das Quartier und wer hat Zugang zu Infrastruktur und Freiräumen? Wir benötigen Soziokulturelle Zentren, Begegnungsorte für migrantische Communities, Seniorenangebote und Flächen für die offene Kinder- und Jugendarbeit. Investor:innen werten ihr eigenes Quartier auf, wenn die Menschen dort Lebensqualität vorfinden. Und dazu gehört ein nachbarschaftliches Miteinander.
Wie steht es um den Dialog mit den Projektbeteiligten? Fühlen Sie sich gehört?
Ja und nein. Mit Politik und Verwaltung sind wir in einem guten Austausch, aber bei den Investoren scheint ein gemeinsamer Tisch bisher nicht gewünscht zu sein. Ein großes Defizit sehe ich in der »Ständigen Jury Mülheimer Süden«. In diesem begleitenden Gremium sitzt bisher niemand mit sozialräumlicher Expertise. Das wäre aber wichtig, um den Beteiligten klarzumachen: Das Gemeinwohl ist einer der Maßstäbe, an dem ihr gemessen werdet. Frühzeitige Information, Austausch mit offenem Visier und Bürgerbeteiligung tragen außerdem zu einer gelingenden Stadtentwicklung bei.
Ein besonderes Augenmerk legen Sie auf das Otto-und-Langen-Quartier. Warum ist dieses Areal so entscheidend?
Es ist das letzte »Filetstück« im Mülheimer Süden. Hier sollte die Stadt alles daran setzen, eine Entwicklung in kommunaler Verantwortung zu sichern. Nur so kann gewährleistet werden, dass bezahlbarer Wohnraum, soziale Infrastruktur und Beteiligung den Kern der Planung bilden und das Areal nicht als bloßes Verwertungsobjekt behandelt wird. Das Otto-und-Langen-Quartier hat außerdem hohe industriehistorische Relevanz und sollte dringend mit all seiner Strahlkraft für Mülheim und Köln in die Zukunft überführt werden. Den Anfang hat die Stadt Köln gemacht mit dem Erwerb des Ex-KHD-Verwaltungsgebäudes und der Ausstattung mit langfristigen Mietverträgen für zwei Projekte, nämlich für das Künstlerkollektiv Raum 13 und den Zwischendrin Köln e.V.. Das erlebe ich als Gewinn.
Und bei den anderen Flächen?
Beim Cologneo-Areal ist der jahrelange Stillstand angesichts des Wohnraumbedarfs nicht hinnehmbar. Wenn Baurecht besteht, aber nicht gebaut wird, muss die Stadt ihre bodenpolitischen Möglichkeiten bis hin zu einem Baugebot, mit dem die Eigentümer zum Bauen verpflichtet werden, ausschöpfen. Das Deutz-Areal als flächengrößtes Bebauungsgebiet muss nach dem erneuten Eigentümerwechsel und Baubeschluss nun in die Umsetzung kommen. Mülheim-Süd braucht keine weitere Entwicklung nach den Regeln kurzfristiger Verwertung. Wir brauchen Quartiere, die verbindend wirken und die Menschen zusammenführen.
Stadtdebatte No. 1
»Vom Goldrausch zur Geisterstadt? Stadtentwicklung im Mülheimer Süden«: Das ist der Titel eines Diskussionsabends, den die Stadtrevue und der Verein Stadtrecherche veranstalten. Die Journalistin Anke Bruns spricht mit Expert:innen und Vertreter:innen von Verwaltung und Zivilgesellschaft über die Zukunft des Entwicklungsgebiets. Offen für alle Interessierten!
3.9., 18.30 Uhr, AWO-Stadtteiltreff, Ulitzkastr. 5, Köln-Mülheim
Marius Henne
41 Jahre, ist Sozialarbeiter der AWO Köln und seit 2020 Koordinator des Sozialraums Buchforst / Mülheim-Süd. Sein Büro ist in der Adam-Stegerwald-Siedlung. Die Sozialraumkoordination ist Teil des städtischen Programms »Lebenswerte Veedel«, das von den Kölner Wohlfahrtsverbänden, Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Verwaltung gemeinsam entwickelt wurde. Ziel ist, in insgesamt 15 Gebieten die Teilhabechancen für die Bewohnerinnen und Bewohner zu verbessern.







