Klartext gar nicht so klar

Elias Hirschls »Schleifen« verfängt sich mit Humor im Spinnennetz der Sprache

»Es ist nicht schwer zu erkennen, dass der Ursprung allen Übels die Benennung der Dinge ist.« »Schleifen« ziehen sich durch Elias Hirschls neuen Roman, der selbst um etwas kreist: um Franziska Denks Erkrankung. Liest man ihr von Symptomen vor, leidet sie plötzlich an diesen. Isoliert, sehr intelligent, merkt sie schon als Kind, dass sie sich über das Studium toter Sprachen gegen sämtliche Krankheitsbeschreibungen immunisieren kann. Diese Mischung aus Isolation und einer Obsession mit Sprache führt sie zum verschlossenen Mathematiker Otto Mandl, der sich im Umfeld des Wiener Kreises bewegt. Während Mandl von Denks »sprachwissenschaftlicher Leidenschaft« angezogen ist, zieht es sie zu seiner »mathematischen Expertise«. 
 

Und weil beide überzeugt sind, dass »nicht nur die Sprachwissenschaft auf einem mathematisch-logischen Fundament aufbaut, sondern auch die Mathematik auf einer sprachlichen Basis ruht«, verschreiben sie sich einer gemeinsamen Suche nach der absoluten Sprache. Das führt im Verlauf des Romans etwa zu Denks Versuch, ihre nach und nach um sie gescharten, sie verehrenden Studierenden (sektenartig) zum Sprechen einer sogenannten Objektsprache zu bewegen — einer Sprache, die sämtliche Komponenten eines Ziegelsteins bis ins kleinste Detail beschreiben, sich zugleich aber auch in einem einzigen Symbol vereinen lassen soll. Das führt Denk zu dem Gedanken, dass man, um sich auf einen bestimmten Teil eines Ziegelsteins zu beziehen, ihn in den Mund nehmen und ausspucken muss, damit alle anderen Sprecher:innen unmittelbar verstehen, welcher Teil gemeint ist. Als die Sprecher:innen dann aber anfangen, die Sätze auf Zettel zu schreiben und diese zerknüllt vor sich zu spucken, droht das Experiment zu scheitern. 
 

Irgendwann fallen auch die Zettel weg, und es bleiben nur noch gespuckte Worte, wodurch die Objektsprache-Sprecher:innen kaum noch von normalen zu unterscheiden sind. Solche skurrilen Stellen machen den größten Teil des sehr verspielten Romans aus. Fußnoten erzeugen die Illusion einer Monografie, angereichert mit Begegnungen realer Figuren sowie eingelegten fiktiven Manifesten, Notizen und Briefen Denks. 
 

Das ist ziemlich verkopft, metareflexiv und wirkt dabei teilweise etwas selbstgefällig, vor allem weil, anders als in Hirschls letztem Buch, einige Pointen nicht ganz sitzen. Trotzdem bleibt es ein lesenswertes, zu Schleifen gezogenes Spiel aus Sprachirrungen und -wirrungen.

Elias Hirschl: »Schleifen«, Paul Szolnay, 416 Seiten, 26 Euro

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