»Seine vielen Spuren hier bei den Kurzfilmtagen halten wir lebendig, bei aller Trauer«, schrieb die Leiterin der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen Madeleine Bernstorff in einer Pressemeldung zum Tode Alexander Kluges Ende März. Kluge war 1961 beim Festival für seinen gemeinsam mit Peter Schamoni realisierten Kurzfilm »Brutalität in Stein« mit dem Hauptpreis der Stadt Oberhausen ausgezeichnet worden. Filmhistorisch bedeutender war das folgende Jahr, in dem Kluge zusammen mit gut zwei Dutzend weiteren Unterzeichnern beim Festival das »Oberhausener Manifest« präsentierte, eine Abrechnung mit dem »konventionellen deutschen Film« und eine selbstbewusste Ansage der jüngeren Generation, es nicht nur künstlerisch besser zu machen, sondern auch die wirtschaftlichen Risiken dafür zu tragen.
Die wirtschaftlichen Risiken trug künftig nicht zuletzt der Staat: In der Folge des Oberhausener Manifests war Kluge, der promovierte Jurist, maßgeblich an der Etablierung einer öffentlichen Filmförderung in Deutschland beteiligt. Künstlerisch blieb er bis zuletzt unkonventionell. Noch mit über 90 Jahren, er starb im Alter von 94, waren seine universelle Neugier und seine Innovationslust ungebrochen. 2025 feierte sein letzter Essayfilm »Primitive Diversity« in Rotterdam Premiere, er entstand maßgeblich mit Hilfe von KI-Bildgeneratoren.
Von allen Unterzeichnern des Oberhausener Manifests, von denen die meisten heute in Vergessenheit geraten sind, hat sein Werk vielleicht die tiefsten Spuren bei den Kurzfilmtagen hinterlassen. Bis in die 90er Jahre war er immer wieder im Programm mit aktuellen Filmen vertreten und gewann mehrmals Preise. Und grundsätzlicher gedacht: Ganz im Geiste Kluges spielt der konventionelle narrative Film beim Festival eher eine untergeordnete Rolle, stattdessen prägen essayistische und experimentelle Formate das Programm.
Augenzwinkernd in der Tradition Kluges stehend, kann man etwa den im Deutschen Wettbewerb präsentierten neuen Film des Kölners Rainer Knepperges verstehen. »Holz!« ist eine Hommage an den titelgebenden Werkstoff, vor allem an Sperrholz und die 1963 von Amin Elmendorf patentierte Grobspanplatte, OSB. Im keine drei Minuten langen Film sind diese ebenso unglamourösen wie unempfindlichen Verschalungsmaterialien auf Baustellen von Paderborn bis Oostende, von Duisburg bis Köln zu sehen.
Während Boris Karloffs Stimme, herausgenommen aus einer Radiosendung des Jahres 1957, im letzten Drittel des Films Holz als das vielseitigste aller Materialien preist, wird die Zeichnung eines rundlich geschwungenen Holz-Raumschiffs gezeigt mit der Beschreibung: »So könnte nachhaltige Raumfahrt aussehen.«
Die unerwarteten Verknüpfungen, das ungewöhnliche Thema, die Nutzung von Zwischentiteln mit Text und Zeichnungen, das erinnert an Kluge, zugleich zeigt sich Knepperges mit seinem verschrobenen Humor und niveauflexiblen Rückgriff auf die Filmgeschichte als typischer Vertreter der so genannten »Kölner Gruppe« — wenn man denn von typisch sprechen kann bei dem losen Verbund von Filmemacher:innen rund um den Filmclub 813, die sich — mittlerweile in die Jahre gekommen — weiterhin weitgehend erfolgreich dem filmgefördeten deutschen Arthousekino entziehen.
Den Spuren der Kölner Gruppe kann man im diesjährigen Oberhausen-Programm auch noch in anderen Sektionen nachgehen. Im NRW-Wettbewerb findet sich etwa »Kommunist Kar Kommandos«, eine Zusammenarbeit von Christos Dassios und Markus Mischkowski, der vor allem bekannt ist für seinen »Westend«-Zyklus, den er zusammen mit dem 2021 verstorbenen Kai-Maria Steinkühler realisiert hat.
Der Film bezieht sich nicht nur im Namen auf Kenneth Angers Experimentalfilm-Klassiker »Kustom Kar Kommandos« von 1965, die beiden Kölner haben ihn auch fast Einstellung für Einstellung nachgedreht — mit dem Unterschied, dass der »Protagonist« ihres Films kein chromglänzender amerikanischer Hot Rod ist, sondern ein Wartburg aus dem ehemaligen VEB Automobilwerk Eisenach. Statt Chromsilber und Knallrot dominieren hier Brauntöne, die so sexy sind wie der Cordanzug eines Oberschullehreres aus den 70er Jahren.
Statt Chromsilber und Knallrot dominieren hier Brauntöne, die so sexy sind wie der Cordanzug eines Oberschullehreres aus den 70er Jahren
Das ändert nichts daran, dass auch hier eine Hand zärtlich mit einem plüschigen Poliertuch über das Metall des Autos fährt zum kitschig-romantischen Song »Dream Lover«, im Original von Crooner Bobby Darin, hier allerdings auf Russisch gesungen. Die extreme homoerotische Aufladung des so heterosexuellen »Männerspielzeugs« Auto ist geblieben, wird hier jedoch durch die weitere Ironie doppelt gebrochen, dass der Wagen im Mittelpunkt mit seinem Einliter-Motor mit maximal 50 PS bestenfalls als Sehnsuchtsobjekt für Ostalgiker funktioniert.
Sehr meta ist ebenfalls ein zweiteiliges Programm in Oberhausen, das den Namen eines weiteren Kölner-Gruppe-Mitglieds im Namen trägt, aber keine Filme von ihm präsentiert. In »Sammeln, reden, zeigen: Marran Gosov via Bernhard Marsch« sind Kurzfilme des bulgarischen Münchners Tzvetan Maranosoff, besser bekannt als Marran Gosov, zu sehen, der wiederum prägend war für den im vergangenen Jahr bei einem Unfall in der Kölner Südstadt verstorbenen Bernhard Marsch. Marsch war nicht nur Filmemacher, sondern vor allem als Mitbegründer und langjähriger Leiter des Filmclub 813 auch Kinomacher, Cinephiler und Sammler. Ohne ihn wären viele Filme aus Gosovs Werk wahrscheinlich längst vergessen oder nicht mehr zugänglich, er hatte außerdem einen Dokumentarfilm über Gosov geplant.
Der Einfluss Gosovs auf das Werk des Kölners ist nicht schwer auszumachen: Beide hatten eine Vorliebe für Hauptfiguren, die man früher als Tagediebe oder Gammler bezeichnet hätte, Menschen, genauer: junge Männer, die gerne aufschneiden, sich aus jeder Situation herausreden können, aber eigentlich ebenso harmlose wie hoffnungslose Loser sind. Dazu zählt etwa bei Gosov »Pfeiffer« aus dem gleichnamigen Film von 1967, der ständig davon redet, ein Magazin gründen zu wollen, aber vor allem damit beschäftigt ist, seinen Gläubigern aus dem Weg zu gehen, oder die beiden anzugtragenden Pubertierenden aus »Power Slide« (1966), die ein Mädchen mit ihren Sportwagen beeindrucken wollen, die sich dann aber als Modellautos herausstellen.
Die Leichtigkeit der Filme Gosovs weicht einem deutlich melancholischeren Ton, wenn es um Arbeitsmigranten geht. Im Kurzfilm »Nach langen Jahren ein Wiedersehen mit meinem Bruder aus Bulgarien während einer kurzen Zwischenlandung in München« (1973) sieht man den Protagonisten, wie er stolz seinem Bruder seine hübsche blonde Frau, seinen Mercedes und sein Eigenheim präsentiert — nach dessen Abreise wird aber deutlich, dass alles nur Fassade war: die Frau war eine für die Maskerade bezahlte Prostituierte und Wagen und Eigenheim Besitz des Chefs des Mannes, der in einem Restaurant als Kellner arbeitet. In »Schöner Abschied« (1970) trifft ein einsamer deutscher Rentner am Bahnhof auf einen ebenso einsamen italienischen »Gastarbeiter«, am Gleis inszenieren beide eine herzliche Abschiedsszene, obwohl sie sich vorher nie begegnet waren.
Den Namen Kölner Gruppe gab übrigens der Filmkritiker Peter Nau in den 90er Jahren Regisseuren wie Knepperges, Mischkowski und Marsch in Anlehnung an die so genannte »Neue Münchner Gruppe« aus den 60er Jahren, zu der Gosov wie auch heute noch bekanntere Regisseur:innen wie Klaus Lemke und May Spils gehörten. Diese Filmemacher:innen wollten eine nonchalante Gegenbewegung zu den »Oberhausenern« wie
Kluge bilden, die aus der Perspektive des Swinging Schwabing der Zeit allzu verkopft und theoretisch wirkten. Dennoch gehörten beide Strömungen zum gleichen filmischen Aufbruch des Neuen Deutschen Films der 60er Jahre. Dass auch die abseitigeren Positionen dieser Zeit weiterwirken, zeigen die Filme der Kölner Gruppe. Wenn diese Filme auch nicht — anders als ihre Vorbilder aus den 60er Jahren — mit dem Rückenwind des Zeitgeists segeln, so sind sie ein Beispiel dafür, dass der deutsche Film viel mehr ist, als das Klischee vom bleiernen Arthousekino und zwangslustigem Mainstream glauben machen will.
»Holz!«, So 3.5., Lichtburg Oberhausen, 11 Uhr
»Kommunist Kar Kommandos«, Fr 1.5., Lichtburg Oberhausen, 20 Uhr Sa 2.5., Walzenlager Oberhausen, 20 Uhr
»Sammeln, reden, zeigen: Marran Gosov via Bernhard Marsch« #1, Sa 2.5., Sunset Oberhausen, 15 Uhr
»Sammeln, reden, zeigen: Marran Gosov via Bernhard Marsch« #2, So 3.5., Sunset Oberhausen 15:15 Uhr






