Die heiße Sommerluft flirrt über der Leyendeckerstraße in Ehrenfeld, als Azad Hawrami seinen Kiosk aufschließt. Den öffnet der 66-Jährige »abends und wenn ich Lust habe«, heißt es auf seiner Instagramseite, und er öffnet ihn auch bei fast 40 Grad Außentemperatur. »Der Kontakt mit den Menschen bedeutet mir viel«, sagt Hawrami. Denn der »Internationale Kiosk« ist viel mehr als ein Laden: Es ist ein Ort der Zusammenkunft für Freunde und die Nachbarschaft geworden, ein Ort »der sozialen und kulturellen Begegnungen«, so beschreibt Hawrami seinen Betrieb. Hier werden Geburtstage gefeiert, es gibt kleine Konzerte, Filmvorführungen und Mini-Kunstausstellungen. Außerdem organisiert Hawrami Lesungen, zum Beispiel aus dem Buch »Deutschland ohne Dach« von Albrecht Kieser.
Viele Veranstaltungen sind politisch, denn Hawrami ist wegen seines politischen Aktivismus aus dem Irak geflohen. Auch heute, sagt der Kurde, schreibe er unter einem Pseudonym islamkritische Bücher. Er zieht eins davon aus dem Regal hinter dem Tresen. »Deshalb hat der Kiosk nur abends geöffnet«, sagt er und lächelt in sich hinein: »Tagsüber brauche ich Zeit zum Schreiben.« In seiner Heimat habe er eine Buchhandlung besessen, doch die sei zerbombt worden. »Zum Glück bin ich zehn Minuten vorher zum Einkaufen gegangen.«
Sein Laden in Ehrenfeld sei »von der Idee her« ein internationaler Kiosk, sagt Hawrami: »Ich glaube an eine internationale Welt ohne Krieg, Kapitalismus und Unterdrückung.« Außerdem kämen seine Gäste aus den verschiedensten Ländern: »Polen, Frankreich, Mexiko«, fängt er an aufzuzählen und fährt fort: »Brasilien, Ukraine, Kurdistan, Algerien und Uruguay.«
Seinen Kiosk hätte Hawrami eigentlich längst schließen müssen, denn der Vermieter hat ihm zum Ende letzten Jahres gekündigt. »Aber das geht nicht, ich bin seit 15 Jahren hier«, sagt Hawrami. Er habe dem Vermieter eine Mieterhöhung von 220 Euro angeboten, doch der habe abgelehnt. Auf eine Anfrage der Stadtrevue reagierte der Vermieter nicht. Hawrami will seinen Kiosk nicht aufgeben und hat ihn kurzerhand besetzt. Die Miete zahle er weiterhin. Nun hat der Vermieter eine Räumungsklage beim Amtsgericht eingereicht, der erste Verhandlungstermin ist für Ende August angesetzt. Azad Hawrami will sich verteidigen: »Ich habe mich mit meinen Freunden und Nachbarn beraten. Wir wollen uns nicht unterkriegen lassen.«
Von den Kölner:innen bekommt Hawrami viel Unterstützung. Regelmäßig finden Demos für den Erhalt des Kiosks statt und es gibt eine Petition, die über 2500 Menschen unterschrieben haben. An den Häusern gegenüber hängen Transparente mit der Aufschrift »Azads Kiosk bleibt«. Hier wohnt David, der Hawrami gerade Wasser vom Supermarkt gebracht hat, weil der nicht mehr so schwer tragen kann. »Wenn du einkaufen gehst, kannst du auch mehr mitbringen. Du gehst sowieso«, sagt David, und Hawrami dreht ihm zur Belohnung ein Snickers an. David erzählt, dass ihn der Kiosk an seine Heimat Afghanistan erinnere. »Da haben sich die Familien aus der Nachbarschaft auch in ihren Kiosks getroffen und dort den ganzen Abend zusammengesessen.«
Kommerzielles ist nicht so seine Stärke — aber die persönliche Ebene dafür umso mehr
Nachbarin
Als Hawrami ein paar Poster und Bücher auf dem Gehweg vor dem Eingang platziert, grüßt ein Fahrradfahrer im Vorbeifahren. Der Besitzer der italienischen Bar nebenan kommt vorbei und beschwert sich, dass es wieder kaum Parkplätze in der Nähe gebe. »Ich habe dir einen reserviert — im Halteverbot«, witzelt Hawrami und klopft dem Barbesitzer auf die Schulter.
Direkter Nachbar des Kiosk ist der Verein Kulturkinder, der interkulturelle Kunstprojekte mit Kindern und Erwachsenen organisiert. Die Vereinsmitglieder bezeichnen den Internationalen Kiosk als »Knotenpunkt im Viertel«. Letztens hat Hawrami ihnen einen Regenschirm geliehen, den kriegt er nun zurück. »Kommerzielles ist nicht so seine Stärke — aber die persönliche Ebene dafür umso mehr«, sagt eine Frau aus dem Verein.
Dass der Kiosk einen sozialen Anspruch hat, fällt schon beim Blick auf die Ware auf. Zwar hat Hawrami Klassiker wie Getränke und Süßigkeiten im Sortiment, aber der Rest ähnelt eher einem Trödelladen mit viel Gebrauchtware. Hier gibt es Bücher, Schallplatten und CDs, Spiele und Tassen aus zweiter Hand: »Die bringen mir die Nachbarn vorbei oder ich kaufe sie auf dem Flohmarkt.« Ein Buch davon kriegt man beim Kauf eines Weines gratis dazu, denn »Buch und Wein, das muss sein«, so steht es auf einem Pappschild im Regal mit den alkoholischen Getränken. »Die Bücher kann man auch leihen«, sagt Hawrami.
Dennoch scheint sich sein Betrieb zu rechnen. »Dieser Ort ist meine Existenz«, sagt der Kioskbetreiber. Er lebe von dem Geschäft. Im Irak war er Lehrer für Politik und Geschichte. Aber sein Abschluss sei hier nicht anerkannt worden, erzählt Hawrami. Also habe er zuerst ein Internetcafé eröffnet, aus dem dann der Kiosk entstanden sei.
»Wenn es den Kiosk nicht mehr gibt, werden die Kinder traurig sein«, sagt er und zeigt auf eine Wand mit Kinderbildern. Die Fotos brächten die Leute aus der Nachbarschaft vorbei, wenn sie Nachwuchs bekämen. »Manche sind jetzt schon im Gymnasium«, erzählt Hawrami und in seiner Stimme schwingt fast ein bisschen Stolz mit. An der Wand hängt auch ein Foto von ihm mit einem Baby im Arm. »Als er einen Monat alt war, habe ich ihm das kommunistische Manifest vorgelesen. Er muss ja was lernen!«, sagt der Kioskbesitzer und lacht. Das Kind sei nun elf Jahre alt. »Vor kurzem war er bei einer Demo für meinen Kiosk und fragte mich, Azad, was machst du, wenn du deinen Kiosk verlierst?«
Hawrami weiß keine Antwort auf diese Frage. Aber er ist sich sicher, dass sein Laden ein weiterer Betrieb wäre, der in Ehrenfeld der Gentrifizierung zum Opfer fiele. Azad Hawrami hat die Entwicklung des Stadtteils über die Jahre hinweg verfolgt: »Ehrenfeld ist sehr kommerzialisiert und teuer geworden, die Mieten fast doppelt so hoch.« Bezahlbare Räumlichkeiten zu finden wäre für ihn schwer, prognostiziert der Kioskbetreiber, und eine Immobilie zu kaufen sei ihm unmöglich. Dass er vor Gericht Erfolg haben wird, glaubt Hawrami nicht: »Ich mache mir keine Illusionen, das Gesetz steht auf der Seite des Vermieters.« Aber es sei eben das Gesetz, das er kritisiere: »Ich gehe vor Gericht, um ein Zeichen zu setzen«. Er wolle gegen das Machtgefälle zwischen Eigentümer:innen und Mieter:innen protestieren, das in seinen Augen »schon viel kaputt gemacht« habe in Ehrenfeld. »Deshalb«, sagt Hawrami, »mache ich das nicht für heute. Sondern für morgen.«









