Für Friedrich Merz war der 13. Juli ein guter Tag: Der Kanzler hatte Abstand von Spahn, Schnieder & Co., war dafür aber ganz nah an einem Parteigenossen, der schon lange tot ist: Konrad Adenauer. Gleich mehrfach zitierte Merz in seiner Festrede zur Eröffnung der neuen Einrichtung den Altkanzler, um dann auf die neue Ausbildungsstätte für Good Governance zu sprechen zu kommen, eine Schule für gutes Regieren. Dass es dafür Bedarf gibt, demonstrierte Merz elf Tage später mit einer vermurksten Kabinettsumbildung.
Schon während der Kanzlerrede kam es auf dem Campus zu lautstarken Protesten. Denn während die Ausbildung für künftige Führungskräfte nun mit jährlich 10 Millionen Euro gefördert wird, wird an anderer Stelle kräftig gekürzt. So wurde an der Kölner Uni aufgrund von Sparvorgaben der Arbeitsbereich Disability Studies ersatzlos gestrichen — also der Bereich, der sich mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Behinderung beschäftigt.
Gegründet wurde die Adenauer School of Government bereits im vergangenen Jahr. Ziel der Einrichtung ist es, künftige Führungskräfte für Politik, Verwaltung und öffentliche Institutionen auszubilden. Angeboten wird ein englischsprachiger Masterstudiengang in Public Governance, der zum Wintersemester 2027/28 starten soll. Studiengebühren fallen dafür nicht an. Gründungsdirektor ist der renommierte Kölner Wirtschaftswissenschaftler Axel Ockenfels.
Über die Ausrichtung der Adenauer School lässt sich noch wenig sagen. Veröffentlicht wurde eine Liste von über 70 Wissenschaftler:innen, die ihre Mitwirkung in einem künftigen Beirat oder einem Netzwerk bereits zugesagt haben sollen. Dabei fällt auf, dass die meisten aus den Bereichen Wirtschaftswissenschaft, Rechtswissenschaft und Informatik kommen. Dagegen sind nur zwei Historiker aufgeführt — obwohl man doch meinen könnte, dass für gutes Regieren die Beschäftigung mit Geschichte kein Nachteil wäre.
Nur zwei Historiker werden genannt — obwohl man meinen könnte, dass für gutes Regieren die Beschäftigung mit Geschichte kein Nachteil wäre
Auf der Liste stehen viele bekannte Namen, etwa der von der »Wirtschaftsweisen« Veronika Grimm, die für einen harten wirtschaftsliberalen Kurs eintritt. Genannt wird aber auch der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer. Erst vor kurzem beklagte er in einem Interview, dass der Klimaschutz kein Teil der Identität der CDU geworden sei.
Ermöglicht wurde die Adenauer School of Government durch einen Kooperationsvertrag der Kölner Universität mit der Alfred Landecker Stiftung. Diese finanziert die Einrichtung mit jährlich zehn Millionen Euro. Das Geld stammt von der Unternehmer-Familie Reimann, die zu den reichsten Familien Deutschlands zählt. Mit Marken wie Calgon, Sagrotan und Clearasil gelang der Familie der Aufstieg. Ihr Vermögen wurde zuletzt auf gut 30 Milliarden Euro geschätzt.
Dass Nachkommen der Reimanns 2019 die Alfred Landecker Stiftung gründeten, hat mit ihrer Geschichte zu tun. Durch ein Gutachten, das die Familie 2016 in Auftrag gab, kam heraus, dass die Reimanns überzeugte Nazis waren und sie durch die Ausbeutung von Zwangsarbeiter:innen zu Reichtum gekommen waren.
Und da gibt es noch eine Geschichte, über die in der Familie wenig gesprochen wurde: Firmenpatriarch Alfred Reimann junior, dessen Ehe kinderlos blieb, adoptierte in den 1950er und 60er Jahren neun Kinder. Drei davon stammten aus einer langjährigen außerehelichen Beziehung mit der ältesten Tochter des jüdischen Prokuristen Alfred Landecker.
Alfred Landecker wurde 1942 in ein Ghetto im besetzten Polen deportiert und kam dort unter ungeklärten Umständen ums Leben. Aufgrund dieser familiären Verstrickung hat sich die Alfred Landecker Stiftung drei Aufgaben gestellt: an den Holocaust zu erinnern, den Antisemitismus zu bekämpfen und die Demokratie zu stärken. Um letzteres geht es bei der Finanzierung der Adenauer School. Die große Frage wird sein, ob die Einrichtung eher einen wirtschaftsliberalen Kurs verfolgen wird oder tatsächlich ein Beitrag zur Stärkung der Demokratie leisten kann.







