Konsequente Abweichung

Große Geste — aber ohne Pathos. Die Musik von Aldous Harding

Aldous Harding nutzt Sprache als Textur, als wild zusammengemischte Farbe, mit der sie ihre seltsam geformten Leinwände beschmiert. Bei ihrem neuen Album »Train on the Island« fühlt man sich daran erinnert, wie man als Kind die Lyrics englischsprachiger Songs meist völlig falsch verstanden und verkehrt mitgesungen hat — und gerade dadurch ein ganz persönliches Verhältnis zu ihnen aufbaute. 

Hardings Musik funktioniert ähnlich: Am Anfang des Schaffensprozesses standen diese Lyrics vermutlich als bloße Geräusche, als Laute, die sich erst nach und nach zu Wörtern verdichteten. Manchmal hat »Train on the Island« etwas von Freestyle, als würde sie diese Wortmalerei in Echtzeit aus sich heraus entstehen lassen. Das Ergebnis ist enigmatisch, abstrakt — und dennoch wohltuend.

Was sofort auffällt, ist diese Stimme, oder eher: Stimmen. Mindestens einmal pro Woche muss ich an ein Zitat des Indie-Gottes und ehemaligen Smiths-Gitarristen Johnny Marr denken, der meinte, es sei doch furchtbar langweilig, jeden Tag dieselbe Person zu sein. Doch das Besondere an Aldous Harding ist nicht, dass sie ihre Stimme im Laufe ihrer Diskografie verändert hat, sondern dass sie ihren Gesang sogar innerhalb eines einzelnen Albums ständig transformiert. Eben noch quietschig, klingt Harding im nächsten Moment plötzlich tief und rauchig — wie eine Schauspielerin bei einer entscheidenden Audition, die möglichst viele Facetten zeigen will.

Wobei: falsches Bild. Aldous Harding klingt stets zurückhaltend. Dieses Album driftet nicht einmal für einen Moment in Angeberei ab, sondern wirkt natürlich, organisch, elegant — und lebt dennoch von klitzekleinen Brüchen und Lücken, die das Ganze interessant machen.

Zuletzt war es Cameron Winter, Sänger der gefeierten Rockband Geese, der mir erneut vor Augen geführt hat, dass die besten Vokalist*innen oft etwas Memehaftes besitzen: Sie lassen sich gut parodieren, stehen ständig auf der Kippe zum Lächerlichen. Ich erinnere mich gut daran, wie ich zum ersten Mal von Aldous Harding hörte: Freunde machten sich darüber lustig, wie sie das Wort »Party« im gleichnamigen Song (vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2017) ausspricht; ihren neuseeländischen Akzent integriert Harding dabei ganz selbstverständlich. Um einen Vergleich mit einem der größten Song-Performer zu ziehen: Die Musik von Bob Dylan macht gerade deshalb so viel Spaß, weil niemand ernsthaft auf die Idee käme, so zu singen. Man kann sich daran reiben.

Ein Vergleich, der zunächst unpassend erscheint: Lil Wayne. Ähnlich wie diese Rap-Ikone reiht auch Aldous Harding Zeilen aneinander, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Als ich »Train on the Island« fürs Schreiben dieses Artikels zugeschickt bekam, hätte ich mir ein Lyric-Sheet gewünscht — nicht nur, weil ich nicht immer verstehe, was sie singt, sondern auch, weil mich interessiert hätte, wie diese Worte auf dem ­Papier wirken. Was bedeutet das alles überhaupt? Vielleicht ist das aber gar nicht entscheidend. Dinge machen ohnehin mehr Spaß, wenn sie sich nicht vollständig ­erschließen — Filme wie »Mulholland Drive« oder »Spirited Away« zum Beispiel. Immer wieder kehrt man zu ihnen zurück.

Dinge machen ohnehin mehr Spaß, wenn sie sich nicht vollständig erschließen. Immer wieder kehrt man zu ihnen zurück

Interpretationen ihrer Songs weicht Aldous Harding aus. Wenn sie performt, blickt sie oft, als sei sie selbst verwirrt von dem, was sie da hervorbringt. Doch in Wahrheit lebt diese Musik von einem ständigen Interpretieren — nicht nur von Worten, sondern auch von Strukturen und Melodieverläufen. Klassische, mit Akustikgitarre bewaffnete Singer-Songwriterinnen stoßen gelegentlich auf etwas, das dann doch erfrischend klingt, und bauen es als Bridge oder Outro ein. 

Bei Aldous Harding hingegen bestehen viele Songs fast ausschließlich aus solchen Momenten — aus jenen Augenblicken, in denen man selbst nicht genau weiß, was man gerade tut. Man lässt sich von der Intuition leiten, setzt den Finger an eine ungewöhnliche Stelle des Griffbretts — und plötzlich drängt die eigene Stimme in neue Richtungen. Harding stößt immer wieder auf unerwartete Harmonien und findet darin idiosynkratische Wendungen.

»Train on the Island« ist kein explizit experimentelles Album, aber eines, das nach Mustern funktioniert, zu denen konventionellere Künstlerinnen kaum tendieren würden. Aldous Harding schöpft aus einer Quelle, zu der offenbar nur sie selbst Zugang hat.

Tonträger: Aldous Harding, »Train on the Island« ist erschienen auf 4AD / Beggars Group / Indigo

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