Als Lyoudmila Milanova die Sonne in Form eines Lichtschattens durch den Raum hat wandern sehen, kam ihr der Gedanke, einen momenthaften Lichteinfall wie diesen zu bannen, die Zeit einzufrieren. Das war 2011, als die in Varna, Bulgarien, geborene Künstlerin an der Kunsthochschule für Medien in Köln ihre Abschlussarbeit vorbereitete. Mit der Installation »Solid Light« gelang es ihr, ihre Fantasie mit einem Lichtraum, in dem sich ein Quadrat aus Sonnenlicht formte, Realität werden zu lassen. Milanova realisierte dies mit rotierenden Spiegeln: einer, der sich entgegen des Sonnenverlaufs bewegte, ein weiterer, der die Bewegung der Erde ausglich.
Die Logik der Physik zu brechen, um eine poetische Erfahrung von Zeit, Raum und Natur zu schaffen, ist ihren Kunstwerken seither immanent. Etwa, indem sie mithilfe von Satellitenaufnahmen Videobilder und Objekte geschaffen hat, durch die sich Wolken zeitgleich von oben und unten betrachten lassen. Oder anhand von Keramik-Reliefs, deren Texturen die Bewegungen der Erde als Übersetzung seismografischer Daten zeigen und von LED-Displays mit tektonischer Echtzeitmessung begleitet werden.
Die Künstlerin verwandelt in ihren multimedialen, oftmals kinetischen Arbeiten das Faszinosum des paradoxerweise zugleich Sichtbaren und Unsichtbaren in greifbare Materie — die sich im Betrachten ihrer Werke abermals in Magie auflöst. Menschen erscheinen da allenfalls als abstrakte Referenz.
Kollaborative Projekte hingegen sind für Milanova, die seit 25 Jahren in Köln lebt, umso entscheidender. 2016 bis 2018 kuratierte sie für das Schauspiel Köln die Videoscreening-Reihe »Capri By Night« am Offenbachplatz. Als Choreografin und Videokünstlerin realisierte sie Bühnenstücke, zuletzt in Seoul mit der koreanischen Choreografin Yejin Kwon. 2022 gründete Milanova eine Künstler*innenresidenz in Kromidovo in Bulgarien, in diesem Jahr wird die in einer Gebirgslandschaft gelegene »Villa Lyoudmila« von der Kunststiftung NRW mit einem Stipendienprogramm unterstützt.
Aktuell sind Lyoudmila Milanovas Arbeiten in der Schau »Kosmos des Alltags« mit Malereien von Jordan West im Kunstraum Heilig Geist in Essen ausgestellt. Wolken, Tektonik und Sonne finden darin Widerhall: So mit einer Installation, in der die Sonne durch einen subtilen mechanischen Prozess in einen berührenden Dialog mit der von Gottfried Böhm entworfenen ehemaligen Kirche tritt.
Kunstraum Heilig Geist am UNESCO-Welterbe Zollverein, Meybuschhof 9, 45327 Essen, bis 11.1.26; Sa & So 12–18 Uhr






