Kreativität setzt sich durch

Ein Gespräch mit Luise Volkmann: Komponistin und Saxofonistin in einer Person

Ein Song kommt, wann er es will. Heute ist es »Stronger« von Britney Spears. Als die Single im Jahr 2000 erschien, wurde sie vielerorts als selbstbewusstes Pop-Manifest gefeiert. »My loneliness ain’t killing me no more« singt Spears. Rückblickend wirkt der Song beinahe paradox. Denn kaum eine Popkünstlerin wurde in den folgenden Jahren derart öffentlich vereinnahmt und in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt wie Britney Spears. Vielleicht ist »Stronger« deshalb bis heute mehr als ein eingängiger Popsong. Er erinnert daran, dass Stärke selten bedeutet, keine ­Widerstände zu erleben, sondern ihnen immer wieder etwas ent­gegenzusetzen.

Schnitt. Jazz hat bis heute mit einem hartnäckigen Klischee zu kämpfen: elitär, verkopft, nur etwas für Eingeweihte. Luise Volkmann hält davon wenig. Die Kölner Saxofonistin und Komponistin, die erst vor wenigen Wochen beim Deutschen Jazzpreis gleich doppelt ausgezeichnet wurde, spricht lieber über Neugier als über Fachwissen, lieber über sinnliche Erfahrungen als über Kategorien. Ein Gespräch über Musik, Rollenbilder und die Freiheit, sich nicht festlegen zu lassen.

Da wir beide uns im letzten Dezember auf einem Konzert im King Georg kennengelernt haben, erzählt Luise ein bisschen was über den Jazz-Club im Agnesviertel. …irgendwie ist das Publikum im King Georg ganz cool. Ich habe das Gefühl, dass auch mal junge Leute dorthin gehen, um etwas entdecken zu wollen. Das ganz eingefleischte ältere Kenner-Publikum gibt es im King Georg natürlich auch, aber es ist dort nicht so absolut präsent.


Wo genau hält sich denn deiner Meinung nach in Köln das eingefleischte Kenner-Publikum auf? 

Ein Kenner-Publikum geht vor allem in den Stadtgarten und ins Loft. Neugierige Seelen verirren sich dahin eher selten, denke ich. Ich stelle mir gerade ein junges Paar vor, das mal etwas anderes unternehmen möchte. Wahrscheinlich würde es ins King Georg gehen, weil man dort auch am ehesten die Art von Musik erleben kann, von der man im Allgemeinen glaubt, es sei Jazz. Da geht man kein Risiko ein, wobei ich persönlich es extrem wichtig finde, sich auch immer wieder auf Unbekanntes einzulassen.

Warum gilt Jazz eigentlich immer noch als elitär? 

Ich kenne natürlich dieses Klischee der Jazzmusik, Exklusivität und Elitarismus, und frage mich insgeheim immer wieder mal, wie es sich so extrem gut halten kann. Bei der Philharmonie verstehe ich es sofort, wenn es bei ihr um Elitarismus geht, aber in den Jazzvenues stehen oftmals junge Musiker:innen auf der Bühne, die zugänglich und der Welt wie auch dem Publikum gegenüber offen sind. Ich tue mich sowieso mit Genre-Bezeichnungen schwer. Ich glaube, die Grenzen sind oft nur in den Köpfen. Spreche ich nach einem Konzert mit Zuhörer:innen, die zum ersten Mal mit Live-Jazz in Berührung gekommen sind, erhalte ich eigentlich durch die Bank weg äußerst positive Rückmeldungen. 

Für Probleme habe ich die Lösungen selbst gesucht
Luise Volkmann

Bist du ein getakteter Mensch? 

Ich bin schon recht organisiert, ja. Sonst könnte ich meinen Beruf gar nicht so ausüben, wie ich es möchte. Meine kleinen, aber vor allem auch größeren Projekte würde ich ohne ein gewisses Organisationstalent nicht meistern. Einen gewissen Ehrgeiz benötigt man, um eine freischaffende und selbstständige Karriere in einem Nischen-Genre anzustreben. Hinzu kommt ein realistischer Blick auf das Ganze. Das bedeutet auch, manchmal einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen, wo man gerade steht, welche Chancen man zurzeit hat. Und ich wollte immer kreativ-künstlerisch tätig sein. Nicht Musik unterrichten.

Gab es denn in den ersten Jahren deiner Karriere auch den Moment, in dem du dachtest: Das schaffe ich nicht. 

Nein. Ich hab immer an meine Kreativität geglaubt, und hatte genug Raum, um wachsen zu können. Ich wurde in den letzten Jahren immer wieder mit dieser Frage konfrontiert: Betrachtest du dich eher als Komponistin oder als Saxofonistin? Das hatte für mich die Konsequenz, noch stärker und härter dafür arbeiten zu müssen, beides im Rahmen meines Schaffens zu etablieren. Dafür am Ende mit dem Deutschen Jazzpreis belohnt zu werden, war schon cool und hat mir einen ordentlichen Stoß Rückenwind verliehen. Auch wenn die Jahre zuvor manchmal auch von finanziellen Einbußen geprägt waren. Das gebe ich offen zu.

Vorhin sprachst du davon, nicht Musik unterrichten zu wollen… 

Ich mache das schon gerne, aber hauptberuflich konnte und kann ich es mir nicht vorstellen. Punktuell empfinde ich es als sehr bereichernd, mein Wissen an junge Künstler:innen weitergeben und mit ihnen arbeiten zu können. Ich glaube, ich bekomme das prinzipiell gut hin. Oder anders. Ich persönlich habe so eine typische weibliche Biografie, was meinen Unterrichtsweg angeht. Ich glaube schon, dass Jungs, wenn sie denn ein Talent für ihr Instrument haben, irgendwann von irgendeinem Musiklehrer gefördert werden; vielleicht im Schulkontext von einer Band in die andere geschickt werden. Die werden einfach stark unterstützt. Das passiert jungen talentierten Mädchen eher selten. Ich habe wenig Unterstützung auf dieser Ebene der Musikbildung erhalten. Hinzu kam, dass ich in einem stark ländlichen Umfeld groß geworden bin. Das führte bei mir am Anfang zu einem eher autodidaktischen Erlernen meines Instruments. Für Probleme habe ich selbst Lösungen gesucht. Daher denke ich eigentlich, eine gute Lehrerin zu sein, auch wenn ich es nicht als meine Hauptberufung ansehe.

Warum ist diese Welt der musikalischen Ausbildung aus deiner Sicht nach wie vor zu stark männerdominiert? 

Ich glaube, es gibt viele Menschen im Musikschul- und Hochschulbereich, die tagtäglich darum bemüht sind, diese alten Strukturen aufzubrechen. Aber gewiss ist, dass eben jene Strukturen auch in den Köpfen der Leute sind und sich nicht auf Knopfdruck verändern lassen. Dennoch: Es tut sich viel in diesem Bereich. Nebenbei bemerkt: In den meisten anderen Ländern ist es völlig egal, bei wem du als Musiker:in deine Ausbildung genossen hast. Da zählt nur, welcher Szene du angehörst. Deswegen find ich das Thema Ausbildung auch gar nicht so interessant. Für mich gilt: Ich möchte lieber weiterhin versuchen kreativ arbeiten zu können, als mein gesamtes Engagement in den Strukturwandel zu stecken. Und das würde ich als Hochschuldozentin wohl energisch, wahrscheinlich zu energisch tun. 

Wenn du all das zusammennimmst — Preise, Ausbildung, Strukturen, Publikum: Was ist Jazz für dich im Kern? 

Ehrlich gesagt finde ich, dass Preise und Ausbildung gar nicht mit Jazz zu tun haben. Wir sprechen ja über Musik. Musik ist nicht dafür da, Grenzen, die es schon in der Gesellschaft zu Genüge gibt, zu stärken, sondern eine sinnliche Erfahrung anzubieten. Etwas, das wir mit fremden Menschen im Raum teilen, und das uns ein sehr intensives Gefühl gibt und auch bedeutsam für uns als Gesellschaft ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten meiner Konzertbesucher:innen nach diesem belebenden Moment suchen. Und diesen auch finden. Weil sie Musikliebende sind. Und das finde ich geil. 

»My loneliness ain’t killing me no more« (Luise Volkmann)

luisevolkmann.com

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