Der Kunsttheoretiker Carl Einstein formulierte 1934 eine Minimaldefinition des Kubismus: »Kubismus ist: zeitlich getrennte Bewegungen zu einem Nebeneinander zu verdichten.« Den Satz einfach mal im Hinterkopf behalten und dabei an die Unmengen an Gemälden in internationalen Museen denken: An die von Juan Gris oder Picasso, an den Akt, der die Treppe herabsteigt von Marcel Duchamp oder an die vertrackten Oeuvres des Ehepaars Sonia und Robert Delaunay. Wer denkt dabei an Musik?
Ein aktuelles Album unter der Leitung des Kölner Pianisten Felix Hauptmann lässt Kubismus hörbar werden. Der synästhetische Brückenschlag auf dem aktuellen Album »Percussion III« (Unit Records, unitrecords.com) ist indes gar nicht intendiert, aber so augenfällig, dass man einfach darüber sprechen muss: Hier kommt der Soundtrack zum Bilderreigen!
Pianist Hauptmann, Roger Kintopf am Bass und dazu Drummer Leif Berger sind keine Unbekannten in der Kölner Szene für Jazz und Improvisierte Musik. Hauptmann und Berger sind beide Preisträger des Horst-und-Gretl-Will-Stipendiums der Stadt Köln. Sie spielen in etlichen Kombos, mal die sprichwörtliche erste Geige, dann als Sideman oder in einem kollektiv organisierten Bandgefüge. Berger begeistert als Teil der von uns schon oft gelobten Jazz-Hop-Gruppe SALOMEA sogar Pop-Fans. In der Konstellation »Percussion«, die zuvor schon zwei Alben bei Boomslang veröffentlicht hat, kommt das Trio seit 2020 zusammen. Eine Frage, die vorweg zu klären ist: Ist der Name Programm, wo doch ein nomineller Percussionist fehlt? Für Felix Hauptmann ist der mit breiter Brust getragene Name als Gegenentwurf gedacht: »Die Alternative zur extrem ausgefeilten Harmonik, die in den letzten Jahren im Zentrum des akademischen Piano-Diskurses stand, ist der Rhythmus. Harmonie bleibt ein begrenztes Feld im Zwölfton-System. Aber die Rhythmik ist unbegrenzt.«
»Percussion III« ist dennoch kein Bildersturm: Die acht Lieder der LP sind der Akademie näher als Samba-Trommelgruppen oder Cajon-trommelnde Kids im Volksgarten. Es ist fordernde Musik, die Improvisation, experimentelle Spielhaltung und den akademischen Werdegang der drei Akteure nicht abstreift. Wer sich drauf einlässt, der hört schnell die eingangs behauptete Verbindung zum Kubismus: Da ist Hauptmann, dessen subtiles, dann wieder kantiges Spiel durch zig Ambivalenzen geprägt ist: einfühlsam vs. ausdrucksbetont; familiär vs. ungehört; prominent vs. behutsam. Wie zu Anfang von »if only trees« vertraute Tonfolgen von einzelnen Dissonanzen durchstochen werden, ist einer der vielen Demonstrationen wie Hauptmann auf einer feinen Linie zwischen Konkretem und Abstrakten balancieren kann, wie er die Waage weder in die eine noch in die andere Richtung kippen lässt, Vexierpunkte schafft.
Die Alternative zur extrem ausgefeilten Harmonik, die in den letzten Jahren im Zentrum des Piano-Diskurses stand, ist der RhythmusFelix Hauptmann
Mit Percussion bewegen wir uns ohnehin die meiste Zeit in Schwellenräumen: Keys, Bass und Drums sind immer dem Moment verpflichtet, sind dadurch aber dauernd in Bewegung, das Zusammenspiel gerät geradezu rastlos. Am Schlagzeug macht Leif Berger etliche Dinge gleichzeitig. Wie ein vielgliedriger Krake lebt er von der eingeimpften Freiheit, mit der er gewohnt Gerüst und Struktur für die Improvisationen baut. Das ist so wenig sorglos wie es kalkuliert ist. Deutlich zeigt er es in »image of hawks«, wenn er hochkommunikativ und alternierend Bass oder Keys doppelt, mit den Becken ein Mosaik an klirrenden Momenten bastelt.
Zur kubistischen Synchronität verschiedener Momente gehören besonders die scheinbar aus anderen Stücken entnommenen Bursts und Flashes, die Roger Kintopf am Bass als multiperspektivische Tonknoten einbringt. In »a thousand pieces or patience« scheint er just parallel in verschiedenen Signaturen zu spielen, während seine Finger ihr Pizzicato zaubern, das Stück verdichten und es dann im »Break« in eine gleißende Transparenz entlassen.
»Mein Anspruch ist es, Musik zu machen, die von Liebe und Wärme erfüllt ist«, verspricht Hauptmann. Die Befürchtung, im akademischen Elfenbeinturm eingeschlossen zu bleiben, ist sicher da. Ein Blick zurück lohnt aber: Als die Kubisten ihre ersten Schritte taten, da war der »chock« (Walter Benjamin) groß. Doch schon bald war die anfangs argwöhnisch beäugte »Kalte Verwirrkunst« (Max Liebermann) der letzte Schrei und ihre Akteure die neuen Stars. Es ist also Hoffnung für Felix Hauptmann und das Percussion-Trio.
stadtrevue präsentiert
Konzert: Do 21.5., Stadtgarten, 20 Uhr






