Diskursdämmerung in der Kölner Oper

Kommentar von Kurt Tallert zu Chilly Gonzales’ und Chefkets Performance bei der Eröffnungsfeier der Kölner Oper und ihrem gemeinsamem Song »Minimum«.

Disclaimer: Dies ist kein Boykottaufruf. Zu Recherchezwecken wurde der Song »Minimum« ausgiebig gestreamt.

Zur Eröffnung der Kölner Oper am 20. September 2026 performten Pianist Chilly Gonzales und Rapper Chefket ihr gemeinsames Lied »Minimum«. Darin bezieht Chefket Stellung zum Skandal, der losbrach, als er im vergangenen Jahr von Jan Böhmermanns Konzertabend im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) ausgeladen wurde, nachdem im Internet ein Foto aufgetaucht war, das Chefket in einem Palästina-Trikot zeigte, das von manchen als Symbol der Leugnung von Israels Existenzrecht interpretiert wurde. Unter der Aufschrift »Palästina« sind auf dem Sport-Jersey nicht Gaza und die völkerrechtswidrig besetzten Gebiete im Westjordanland abgebildet, sondern das gesamte Gebiet des völkerrechtlich anerkannten Staates Israel.

Im Anschluss an »Minimum«, das Chefket mit erhobenem Zeigefinger und dem Ausruf »Free Palestine« beendete, erging sich Gonzales noch etwas in Richard-Wagner-Bashing. So weit, so gut, so erwartbar und von Meinungs- und Kunstfreiheit gedeckt.

Dennoch gibt es da irritierende Momente, zumindest eine merkwürdige Gleichzeitigkeit: einerseits die von Chilly Gonzales in der selben Performance vollzogene Verurteilung Richard Wagners zu ewiger Verdammnis in der Antisemiten-Hölle und andererseits der Eindruck, dass man es an anderer Stelle – wenn es erst um den Holocaust und dann umgehend um Israel/Palästina geht – nicht mehr so genau nimmt. Nein, eine Verteidigung Wagners steht mir fern. Und doch spreche ich mich für das logische Gegenteil des inquisitorischen Eifers in der Kunst aus, nämlich auch Fragwürdiges zwar kritisch zu kommentieren, nicht aber seine ultimative Verbannung zu fordern. Man möge mich der Haltungs- und Rückgratlosigkeit oder schlimmerer Pathologien zeihen.

Ich teile sogar Gonzales’ Vorbehalte – auch mich hat es irritiert, wenn mein Vater, ein Holocaust-Überlebender, Wagner hörte und die überwältigende Kraft seiner Musik beschwor, oder als ich Marcel Reich-Ranicki urteilen hörte: »Es gab und gibt viele edle Menschen auf Erden, aber sie haben weder den ›Tristan‹ geschrieben noch die ›Meistersinger‹.« Der Literaturkritiker unterschied nicht nur zwischen Autor und Werk, sondern auch (und das vielleicht noch strenger) innerhalb des Werks zwischen Wagners literarisch gering geschätzten »Theorien« und Libretti und der unsterblichen Musik.

Was mich aber nicht minder irritierte als die ästhetizistische Verteidigung Richard Wagners durch Personen, die alles Recht der Welt hatten, die antisemitische Grundhaltung eines Künstlers persönlich zu nehmen, ist die gegenwärtige Debatte, ob die Verteidigung der Kunst- und Meinungsfreiheit auch für das Tragen eines Fußballtrikots gilt, dessen Bildsprache mit der Identifizierung des kompletten israelischen Staatsgebiets als Palästina [Raum] für eine Interpretation lässt, der zufolge für israelische Juden kein Platz im besagten Territorium vorgesehen ist. Ein Schelm, wer hier die zarten Triebe eines eliminatorischen Antisemitismus vermutet oder zumindest, um in der Sprache der Fußballtrikots zu bleiben: offene Flanken.

Wagner verfasste die antisemitische Hetzschrift »Das Judentum in der Musik« und komponierte Musik, die – zumindest theoretisch – losgelöst davon aufgeführt und gehört werden kann. Chefket aber trug das implikationsreiche Trikot und machte es zum Gegenstand des Songs »Minimum«. Darin geht es neben der deutschen Erinnerung an den Holocaust und die Debatte um den Gaza-Krieg, der auf das, im Lied nicht erwähnte, gleichermaßen antiisraelische wie antisemitische Massaker des 7. Oktober 2023 folgte, eben in großen Teilen um Chefket selbst, um die erfahrene Kränkung, die ihm besagte Ausladung bescherte, nachdem Kulturstaatsminister Weimer Anstoß an dem auf einem Foto zur Schau gestellten Trikot genommen hatte. Über die Fragwürdigkeit dieses Vorgangs wurde zurecht viel diskutiert. Als Verfechter von Meinungs- und Kunstfreiheit bin auch ich irritiert von dem neuen, autoritären ministerialen Durchregieren in der Kunst- und Kulturszene durch Wolfram Weimer. Ob aber die thematische Trias aus Holocaust, Gaza-Krieg und individueller Kränkung auf würdige Weise in einer künstlerischen Performance aufrecht zu halten ist, steht auf einem anderen Blatt. Zwischen den Melodien, der Wortkunst, dem rhythmischen Zusammenspiel all dessen einerseits und dem diskursiven Gehalt, der natürlich mit der Person Chefket und seinem Faible für Fußballtriktos in Verbindung steht, andrerseits zu unterscheiden, fällt mir jedenfalls schwer. All das vermengt sich auf sehr komplexe, nein, chaotische Weise. Der Inhalt von »Minimum« ist nicht hetzerisch, sondern lediglich auf pietätlose Art halbgar und er lässt sich nicht trennen vom ästhetischen Rest der Performance.

Als Verfechter von Meinungs- und Kunstfreiheit bin auch ich irritiert von dem neuen, autoritären ministerialen Durchregieren in der Kunst- und Kulturszene durch Wolfram Weimer. Ob aber die thematische Trias aus Holocaust, Gaza-Krieg und individueller Kränkung auf würdige Weise in einer künstlerischen Performance aufrecht zu halten ist, steht auf einem anderen Blatt.

Es geht ja nicht nur um die Verteidigung des Rechts auf das in Gestalt eines Trikots zur Schau gestellte Ideal eines palästinensischen Staates, der einen nachbarschaftlichen Staat Israel nicht mehr vorsieht. Nein, es geht auch (oder wesentlich) um die Verletzung durch die Ausladung Chefkets, die sich für ihn anfühlte, »wie ne Faust im Magen«. Seine Person, seine Kunst- und Meinungsfreiheit, seine Integrität als öffentliche Person wurden angetastet durch nichts geringeres als den Vorwurf des Antisemitismus. Zur Unterstreichung der Haltlosigkeit des Vorwurfs sprang für Chefket der Pianist Chilly Gonzales in die Bresche und hielt noch in der Performance, als Kontrastfolie zum alles andere als antisemitischen Rapper, die durch und durch antisemitische Hetzschrift »Das Judentum in der Musik« des über jeden Zweifel erhaben antisemitischen Richard Wagner in die Luft, performte »F*CK WAGNER« und stellte klar, dass Kanye West der neue Wagner sei. Bei dieser Abgrenzung zwischen [dem ]rechtskonservativen, deutschtümelnde[n] und judenfressenden Komponisten aus der dunklen Vergangenheit einerseits und dem links-progressiven deutsch-türkischen und den Verdammten dieser Erde zu Hilfe springenden Rapper der aufgeklärten Gegenwart andererseits soll es aber nicht bleiben, so überzeugend sie auf den ersten Blick auch sein mag.

Ein höheres Maß an Unmut erweckt der zweite Aspekt der Performance in der Kölner Oper. Es heißt bei Chefket: »Jüdisches Leben wird instrumentalisiert ohne Scham/ 6.000.000 Juden drehen sich schon wieder im Grab«. Ich weiß nicht, ob mich hier selbst der Affekt einer persönlichen Kränkung heimsucht, ob es individueller Betroffenheit geschuldet ist, ob es daran liegt, dass mich so eine Zeile nicht auf den Geschichtsunterricht und das kollektive deutsche Gedächtnis, sondern aufs Familiäre, auf meine Urgroßmutter, auf Tanten, Onkel und Cousinen meines Vaters und ihn selbst verweist. Ein Faktendreher stößt mir hier vor den Kopf, den das Chefketsche Denken in einem vielleicht nur schiefen Bild und unfreiwillig mitliefert. Denn: Von welchem Grab ist hier die Rede? Meine Vorfahren wurden zwar für ihre Jüdischkeit verfolgt und größtenteils ausgelöscht, jedoch nicht nach jüdischem Ritus bestattet. Will man diesen Umstand unbedingt poetisieren, könnte man es zunächst mit einem Betroffenen halten. Ich glaube jedoch nicht, dass Chefket Paul Celans Vers aus der Todesfuge im Kopf hatte: »Wir schaufeln ein Grab in den Lüften, da liegt man nicht eng«, als er davon sprach, wie 6.000.000 sich »schon wieder« im Grabe drehen. »Schon wieder« klingt ein bisschen genervt – können die 6.000.000 endlich mal Ruhe geben? Es ist sicher nicht gewollt, dass »schon wieder« wie ein ironisierender Widerhall des in Deutschland so gern beschworenen »Nie wieder!« klingen könnte.

Warum aber drehen sich in »Minimum« 6.000.000 Juden im Grab, das sie nicht haben? Nun, in der Dialektik von Chefket und Gonzales wohl deshalb, weil in Deutschland jüdisches Leben »ohne Scham« instrumentalisiert wird, um…, ja, um was eigentlich, um Chefket für seine humanistische Palästina-Solidarität zu schmähen? Auf die übliche Polemik gegen den Begriff[…] des antimuslimischen Rassismus möchte ich mich an dieser Stelle nicht einlassen. Mir reicht es zu sagen, dass ich mich an dieser rechtskonservativen Unterminierung nicht beteilige und es durchaus anerkenne, dass sich Muslime in Deutschland unter rassistisch motivierten Generalverdacht gestellt sehen. Was aber niemand davon freispricht, mit gebotener Differenzierung zu sprechen, wenn es um Israel/Palästina [sowie den Holocaust und die Erinnerung daran] geht, und sei es wegen des fragwürdigen Trikots.

In der zitierten Zeile aus »Minimum« instrumentalisiert Chefket selbst tote Juden, um der Instrumentalisierung jüdischen Lebens Einhalt zu gebieten, um zu verhindern – und hier mutmaße ich –, dass noch mehr unschuldige palästinensische Zivilisten getötet werden. Man eignet sich die Deutungshoheit über 6.000.000 tote Juden an und gibt dabei auch noch auf unbeholfene Art sein Unwissen über die Abläufe der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik preis. Da vergeht mir auch der Spaß an all dem ökumenischen Kitsch, den Chefket als »der Gläubige, der nicht alles glaubt« auffährt, wenn er klarstellt: »Eigentlich geht’s doch um Liebe in Torah, Bibel, Koran«. Was ist die ausgestreckte Hand an alle Konfessionen von jemandem, dem es offenbar schwer fällt, anzuerkennen, dass auch Juden eine schwer von der Hand zu weisende Verbindung zum Land Israel haben. Ich habe mit Land Israel übrigens bewusst eine Formulierung aufgegriffen, die ähnlich vage und ideologisch implikationsreich ist, wie die geografisch-ideologischen Holzschnitzer auf Checket’s Fußballtrikot – ja, wir reden immer noch von einem Fußball-Trikot, das übrigens auch auf dem Single-Cover, wie in einer Modeboutique an einem Kleiderbügel hängend, abgebildet ist. Um Weihnachten 2025 herum war schon einmal in Chefket’s Insta-Denkblase zu lesen »Jesus war Palästinenser«. Kritisch reflektierte Anerkennung jüdischen Lebens und jüdischer Geschichte sieht anders aus.

Nun redet er vom Nahost-Konflikt, dem Krieg in Gaza und seinen persönlichen Issues im Kulturbetrieb über die Köpfe von 6.000.000 ermordeten Juden hinweg. Da weise ich neben der ausgestreckten Hand auch die Zeile »Später heil’ ich eure Säuglinge, denn diese Lieder sind für immer hier« als pädagogische Übergriffigkeit entschieden zurück.

Es fällt mir schwer, Künstler und Kunstwerk, auch Chefket und Gonzales zu trennen, gerade weil der ganze Song, die ganze Performance zur populistischen Monumentalgeste gefriert, in der es nur darum zu gehen scheint, uns Rezipienten zu erkennen zu geben, auf welcher Seite man steht, für welches Team man ist – und das ist ja der eigentliche Zweck eines Fußballtrikots und die wohl unfreiwillige Pointe der ganzen Sache. Nur ist das hier kein Text im Sportteil. Ich schreibe hier meinen Kommentar zur Frage nach dem instrumentellen Charakter toter und lebender Juden, als wäre das Eine besser als das Andere, als würde jüdisches Leben nicht auch eine Beziehung zu jüdischem Tod mit einschließen und als sei das nur noch eine politische Frage in Diskurs- und Feuilleton-Deutschland und nicht eine Frage von Pietät und Anstand. Ja – man verzeihe mir das pathetische Wort, welches sich mutmaßlich auch hinter dem Titel »Minimum« verbergen soll – von Menschlichkeit. In der dichotomischen Logik von Sportturnieren lässt sich über diese Dinge schlecht sprechen, ohne peinlich, vermessen, verletzend und am Ende vielleicht auch etwas gehässig zu werden. Politische Populär-Musik ist eben nur um Haaresbreite entfernt von stinknormalem Populismus. Zwischen Autor und Werk zu unterscheiden wird hier hinfällig, zumal die Apologeten des Werks immer auch Anwälte zur Verteidigung der Integrität und Antisemitismusfreiheit des Künstlers als öffentlicher Person werden.

Wenn ich mich nun an die Wagnerianer unter Vorbehalt erinnere, meinen Vater und Marcel Reich-Ranicki, fällt es mir im Falle Wagner leichter, zwischen Autor und Werk zu unterscheiden, zumal die beiden zitierten Apologeten kein Hehl daraus machten, dass der Komponist der ewigen Melodien auch ein ewiger Antisemit war. Hingegen ist bei vielen der heutigen aktivistischen Interventionen im Kulturbetrieb, die nicht selten aus Sicht von Betroffenen nun einmal Antisemitismus reproduzieren, für die Künstler nichts wichtiger, als genau diesen Vorwurf von sich zu weisen. Anstatt Aspekte des jeweiligen Kunstwerks zur Debatte zu stellen, wird aus der Kritik an einer möglichen Diskriminierung eine Opferposition konstruiert. Das ist weniger als »Minimum«.

Kurt Tallert macht als Retrogott seit über 20 Jahren HipHop. Vor zwei Jahren erschien sein Memoir »Spur und Abweg«, in dem er sich mit der Biographie seines von den Nazis verfolgten Vaters auseinandersetzt. In letzter Zeit hat er mit der Jazzband Perfektomat zusammengearbeitet, die gemeinsam zwei Alben veröffentlicht haben.

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