Wer regelmäßig Kinos besucht, kennt die nachttrunkenen Gestalten, die allein kommen und in jeder Vorstellung auf dem gleichen Platz sitzen. Einer von ihnen hat herausragende Filme gedreht, sein Name war Jean Eustache.
Er war ein Vertreter jener Generation, die auf die französische Nouvelle Vague folgte. Seine zwei einzigen Langspielfilme, Eustache starb mit nur 42 Jahren durch Suizid, kommen jetzt wieder ins Kino. »La Maman et la Putain« (1973) ist der berühmtere. Die fast vierstündige éducation sentimentale inmitten gescheiterter 68er in Paris folgt Alexandre, einem von Jean-Pierre Léaud gespielten Drifter, der Beziehungen ausprobiert und sich dabei so zusammenhanglos wie charmant um Kopf und Kragen redet.
Man könnte sagen, dass der Film eine klassische Dreiecksgeschichte erzählt, aber für Dramaturgie interessiert sich Eustache herzlich wenig. In den Zwischenräumen dieses Lebens eines Taugenichts zeigen sich stattdessen die Narben gescheiterter Utopien, die Sackgassen sexueller Befreiung und ein von bildungsbürgerlichen Worthülsen ummanteltes Patriarchat. Léaud spricht jeden der Sätze, die Eustache zum großen Teil aus dem eigenen Leben dokumentiert hat, als wäre er ein Zitat aus einem anderen Film. In seinen Gesten und Worten verbindet sich ein toxischer Anspruch auf eine romantische Weltsicht mit Unbedarftheit.
Der schmucklose, unmittelbare Stil Eustaches hat bis heute nichts von seiner Dringlichkeit eingebüßt. Statt einer Kinofiktion entfaltet sich ein soziologisches Dokument der einzigen Generation, die wirklich mit dem Kino gelebt hat. Um zu verstehen, was die sogenannte Cinephilie einmal bedeutet hat, hilft es, diesen Film zu sehen. Eine Welt der Posen, in der die Augen der Menschen andere Geschichten erzählen als ihre Stimmen. Soziale Unfähigkeit wird von poetischen Erkenntnissen getilgt. Die Schönheit ist Trägerin einer Wahrheit, selbst wenn sie erlogen ist. Diese Cinephilen leben weniger, als dem eigenen Leben zuzusehen.
Das erinnert auch an Marcel Proust, dessen Einfluss in »Mes petites amoureuses« (1974) noch größer ist. Eustache zeigt, wie der 13-jährige Daniel auf dem Land in Südfrankreich aufwächst. Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, auch diesem Film eine autobiografische Grundierung zuzuschreiben. Daniel hangelt sich entlang verschiedener Begehren seiner aufkeimenden Pubertät, wobei ihm seine Zukunft verstellt wird, als er zur Arbeit statt in die Schule geschickt wird.
Jean-Pierre Léaud spricht jeden der Sätze, als wäre er ein Zitat aus einem anderen Film
Eustache filmt verschiedene von Schwarzblenden getrennte Situationen. Er lässt nicht den Hauch von Sentimentalität zu. Der Film behält das Tempo bei, unterliegende Konflikte werden nie ausbuchstabiert, es gibt keine Höhepunkte, nur den Fluss des Seins. Derart nähert sich Eustache einer Essenz des Lebens an. Nach und nach stellt sich eine sanfte Resignation ein. Kaum ein Filmemacher hat so präzise gezeigt, was es bedeutet, dass die Dinge sind, was sie sind, und dass sie vergehen. Wiederholt werden die Übergänge von der Unschuld in die Verzweiflung markiert, die man heute als Coming of Age beschreibt. Ein langer Blick, die erste Zigarette, die später ein Loch in die neue Anzughose brennt, der erste Kuss, eine Zurückweisung.
Der junge Daniel beginnt sich für Mädchen zu interessieren, und wie Alexandre in »La maman et la putain« übt er sich in der Kunst der Imitation. Alle spielen sich die Menschen vor, die sie gerne wären. Man verhält sich so, wie man es bei anderen oder auf der Leinwand sieht, man trägt die gleiche Kleidung, macht dieselben Gesten. Diese Übergänge und eingeübten Leben berichten von der eigentlichen Sehnsucht bei Eustache, jene nach der Stille des reinen Beobachtens, wenn man sich komplett im Sehen der Welt verliert. Dazu passt, wie er sich in einem Gastauftritt in »Mes petites amoureuses« selbst inszeniert. Er sitzt regungslos auf einer Bank, vor der sich zwei junge Menschen küssen. Das Leben zieht an ihm vorbei wie im Kino. Er registriert es und offenbart damit die unvergleichliche Schönheit bewegter Bilder.
Mes petites amoureuses: F 1974, R: Jean Eustache, D: Martin Loeb, Ingrid Caven, Dionys Mascolo, 123 Min. Start: 16.7.







