Gern wär ich 24/7 wie Kurt Vile, oder zumindest wie der unaufgeregte Chilltyp, den er in seinem US-Abhängrock porträtiert. Bin ich aber nicht — und schreibe diesen Text in einem erschöpften Post-Streit-Moment. Eben jetzt brauche ich »Philadelphia’s Been Good to Me«, Viles großartiges Neuwerk. Baut mich auf.
Dieses Album klingt glasklar, schimmert geradezu, wirkt dennoch random und — ich meine das positiv: hingerotzt. Eine supertolle Mischung aus detailverliebtem Handwerk und Gelassenheit. Das Album ist derart weitläufig, dass man dessen Rand nie sehen kann und erinnert an chaotische Doppel-LPs wie »Blonde on Blonde« oder »Exile on Main St.«. Der Unterschied ist jedoch, dass hierauf nicht übermäßig viele, sondern nur zwölf umfangreiche Songs vertreten sind, auf denen Kurt Vile ewig rumjammt. Oft bleibt er bei lediglich einem Riff, einer Akkordfolge, tobt sich darauf aus und versinkt darin.
Dass bestimmte Musik in erster Linie von Vibes leben würde, lese ich oft in einem negativ gemeinten Kontext. Doch wie bei den besten Alben von Neil Young, den Vile hörbar verehrt, wird sein neues Album vor allem von einem lockeren Feeling getragen. Funktioniert. Der 46-Jährige scheint unbeeindruckt von negativen Dingen, die ihn umgeben, redet eher anstelle melodischer Gesangseinlagen, erzählt zur Musik von BPM-Angaben und Gitarrenpedal-Einstellungen. Er ist glücklich in seiner Stadt Philadelphia, präziser: braucht nur seine Töchter zum Glücklichsein. »My baby girls they keep me high«, singt er. »True love is the pure drug for me«. Wer das uncool findet, den brauch ich nicht.
Ein Highlight, das den Songwriting-Stil von Kurt Vile besonders gut zusammenfasst, trägt den Titel »You Don’t Know Cuz It’s My Life« und handelt von Viles überraschend unaufgeregtem Lokalpatriotismus. Von dort aus gelangt er jedoch zu etwas deutlich Konkreterem, zugleich Universellerem. »I’m from Philadelphia, a couple of my heroes wrote a song«, singt er und spielt auf Songs wie »Streets of Philadelphia« (Springsteen) und »Philadelphia« (Young) an, um dann fortzufahren: »But that ain’t where they’re from, so hey, you don’t know«.
Im Kern besingt Vile hier jenes Gefühl, das aufkommt, wenn Menschen ihren Senf zu einer Sache dazugeben, von der sie eigentlich wenig Ahnung haben, während man selbst ihr wesentlich nähersteht. Doch Kurt Vile wäre nicht er selbst, löste er die Situation nicht auf herzerwärmende Weise auf: »But I still love you, Neil and the Boss«. Diese direkte, aber liebenswerte Art bringt seine Kunst auf den Punkt.







