Jack Whites brutaler Garage-Punk bewegt sich nah an den Wurzeln US-amerikanischer Rock-Musik, hat den Blues in Sichtweite, nutzt ihn schließlich als formgebende Vorlage, wenn auch eine gebrochene oder bis zum Anschlag maximierte Mutantenversion dessen.
Ultraverzerrte Wummsgitarren schlägt er auf eine derart makabere Weise an, dass man als unschuldige*r Zuhörer*in das Gefühl bekommt, das müsste eigentlich verboten sein, dafür bräuchte es eine Ausnahmegenehmigung. Doch White ist als Gründer des Kultlabels Third Man Records längst sein eigener Chef. Er weiß um die Obsession, die seine Fans mit dieser im wahrsten Sinne des Wortes eigenartigen Rockmusik haben, und muss — völlig frei von äußeren Einflüssen — lediglich das machen, was Jack White halt so macht: druckvolle Gitarrenriffs, kreischige Nörgel-Vocals, knallende Musik zum Anfassen. Einfach raushauen, die Leute werden das sowieso abfeiern. Stimmt.
Für Jack White sind Zerre, Druck und Intensität die Mittel, seiner charakteristischen Kunst eine Handwerksästhetik zu geben, im Sinne von: Hier arbeitet jemand am laufenden Band, lässt nicht locker, spielt sein Zeug mit dem unnachgiebigen Hunger eines Anfang-Zwanzigjährigen — White ist mittlerweile 51 Jahre alt —, steckt trotz des vermeintlich rohen Klangs extrem viel Zeit in jeden noch so dollen Gitarrensound. Anders kann man sich all die »kaputten« Störungen innerhalb der Songs nicht erklären. Bedenke, Handwerk ist nicht nur so gemeint, dass der Musiker als Patron aller rockistischen Puristen betrachtet wird und für eine ästhetisch geradezu konservative »Analog ist immer besser«-Mentalität steht, sondern dass Alben wie das neue »Frozen Charlotte« eine körperliche Physikalität besitzen. Man kann darauf herumhauen, Leute damit bewerfen. Völlig auseinanderfallen werden diese Songs nie — sonst wären sie es schon längst.
Druckvolle Gitarrenriffs, kreischige Nörgel-Vocals, knallende Musik zum Anfassen
Der Mann hat derart viele garstige Bluesrock-Riffs voller Muskeln und Badass-Attitüde in petto — man fragt sich, wie sie bis dato noch nicht existieren konnten —, dass mir die allergrößten Riffmaschinen der Rockgeschichte in den Sinn kommen. Jimmy Page von Led Zeppelin fällt einem schnell ein (stimmlich erinnert White an einen weniger testosterongeladenen Robert Plant). Doch Jack White ist längst ein Genre für sich geworden: Bei »Derecho Demonico« fühlt man sich nicht nur an The White Stripes, sondern auch an White-Soloklassiker wie »Lazaretto« erinnert, vor allem bei der knackigen Art, wie seine Begleitband ihm mit Vergnügen ein musikalisches Bett bereitstellt, auf dem er sich nach Belieben herumfläzen kann. Tief im Jack-White-Land bewegt man sich bei »Derecho Demonico« schließlich, wenn der gefeierte Guitar-Hero zu solieren beginnt.
Sein, sorry für die prätentiöse Wortwahl, postmoderner Ansatz wurde im Laufe seiner Karriere — schon damals bei The White Stripes und als Solokünstler nur noch doller — zu einem seiner Markenzeichen. Einerseits hat seine Spielweise etwas Erdiges, ja, Handgemachtes, besonders seit Alben wie »Fear Of The Dawn« (2022), aber auch etwas zunehmend Digitales, bei dem er seine ultraschneidenden Gitarrennoten durch diverse Filter jagt, sie zerstückelt und umdreht und mit aller Gewalt herauswürgt; egal, wie sehr sie sich dagegen wehren.
White arbeitet mit einem Gitarrensound, den man entgegen aller politischen Korrektheit nur als fett bezeichnen kann. Natürlich tauchen auch mal Slide-Gitarren auf, weil er den amerikanischen Traditionalismus unterstreichen möchte, doch die meisten Soli auf »Frozen Charlotte« sind whacky, geradezu goofy. Übertriebene Delay-Effekte, chaotische Pitch-Shifts, solche Sachen. Bei Jack White hören sich diese Effekte nie wie erzwungene Gimmicks an, schließlich muss man sie bändigen können; ein bis zum Anschlag aufgedrehtes Fuzz-Pedal ist in den Händen von White schlichtweg was Anderes. Der kann das einfach.
Fast kein anderer Rockmusiker seiner Generation veröffentlicht kontinuierlich so aufregende Alben. Cool ist das im heutigen Sinn keineswegs, und worüber White so singt, das hat einen ja nie wirklich interessiert. Ist doch egal. Dieser brachiale Blues-Rock hat etwas geradezu Beruhigendes: Was auch immer passiert, Jack White liefert uns das, was Jack White halt so macht. Immer wieder. Nehm ich!
Tonträger: Jack White, »Frozen Charlotte« ist gerade erschienen wird über Cargo vertrieben.






