Verachtung schlägt mir entgegen, wenn man mich dabei ertappt, dass ich »lineares Fernsehen« gucke. Das ist anscheinend schlimmer als Faxgerät, Bargeld oder Kalender auf Papier. »Lineares Fernsehen« — das ist wieder mal so ein hochtrabendes Wort. Dabei bedeutet es nur, dass Kochshows und Krimis, dass Witzesendungen und Werbung in einer festgelegten Abfolge über die Mattscheibe flimmern. Das wird schon einen Sinn haben. Wer es nicht schafft, zu einer bestimmten Uhrzeit mit gekühltem Bier auf dem Sofa zu sitzen, um sich anzugucken, wie sich Politiker anpflaumen oder Serienkiller nach der Fibonacci-Folge ihrem Handwerk nachgehen, der hat sein Leben nicht im Griff.
Das Gegenteil von linearem Fernsehgucken heißt Mediathek. Ja, es gibt »interessante Sachen« — interessant aber nur, wenn man sich zum hundertsten Mal erklären lassen will, dass Trump ein Verbrecher, Sexismus ein Übel und Klimaschutz wichtig sei. Ich weiß das alles aber schon. Und diejenigen, die das nicht wissen, wollen es nicht wissen und werden sich das auch niemals in einer mit solchem Zeug und Serien-Ramsch vollgestellten Mediathek anschauen. Es geht auch niemand in die Stadtbücherei und leiht sich ein Buch über historische Fingerhüte aus, wenn er Fingerhüte doof findet — oder meint, dass Fingerhüte gar nicht existierten. Als linear Zuschauender bin ich hingegen offen für Unerwartetes, und seien’s Fingerhüte.
Das Tolle am Linearen ist doch, dass nicht alles sogleich zur Verfügung steht, dass man sich in Verzicht und Geduld üben muss. Sind das nicht Eigenschaften, die zu verkümmern drohen, die man heute aber doch dringend bräuchte? Denn ruiniert nicht die Unfähigkeit, zu verzichten, den Planeten? Und lässt nicht die Ungeduld die Menschen mürrisch werden und auf die hereinfallen, die ihnen das Blaue vom Himmel versprechen?
Aber etwas Orientierung braucht man schon. Hui, wenn meine Kritiker ahnten, dass ich mir ab und an eine Fernsehzeitschrift kaufe, aus Papier! Es ist ein Tool, um sich aufs lineare Fernsehen vorzubereiten; hilfreich ist zudem ein Textmarker, wie ihn Oma Porz benutzt, um eine Ausstrahlung zu markieren. So sieht man dann auf einen Blick, wann das Bier kaltgestellt sein sollte!
Die Programmübersichten sind faszinierend. Sie ähneln dem Kursbuch der Deutschen Bahn, bloß dass die Uhrzeiten stimmen. Als Dreingabe bieten Fernsehzeitschriften Kreuzworträtsel, um das Oberstübchen auf Trab zu halten (»Stadt mit schiefem Turm«, vier Buchstaben), die wichtigsten Informationen aus der Welt der Stars und Sternchen sowie Kochrezepte, für die man noch einen Dosenöffner braucht. Es gibt so viele Fernsehzeitschriften! Die Nachfrage nach linearem Fernsehen muss gigantisch sein. Sitzen meine sich zeitgeistig wähnenden hater also nur einem Internet-Schaberneck auf? Ist doch klar, dass das Internet nicht will, dass man woanders was macht. Schon mal drüber nachgedacht? Ach, so werde ich wohl der Letzte sein, der sich linear bedröhnt. Aber gut dosiert! Sicher, bei manchem läuft der Fernseher rund um die Uhr wie zu Großmutters Zeiten das Radio, weil angeblich die Hausarbeit mit »La Montanara« und den »Capri-Fischern« nur halb so mühsam war.
Alle fordern »Medienkompetenz« — ich hab sie! Meine Losung passt auf einen Bierdeckel. Sie lautet: Einen Fernseher darf man niemals vor 19 Uhr einschalten — komme, was da wolle (Wal gestrandet, FC im Endspiel, Regierung unter fünf Prozent). Ich bin jedenfalls nicht daran schuld, wenn jetzt bald wieder die gigantischen Rechenzentren gekühlt werden müssen, weil alle ständig streamen. Bei mir muss nur das Bier gekühlt werden.







